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Formel-1-Trainingsanalyse: Was ist mit dem Verstappen-Auto los?

Red Bull rätselt nach den Türkei-Trainings: Was stimmt nicht mit dem Auto von Max Verstappen? Mercedes wirklich so haushoch überlegen? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Trainingsfreitag zum Türkei GP 2021 war ein bittersüßer Tag für Max Verstappen und Red Bull. Alles begann mit einer guten Nachricht vom Hauptkonkurrenten Mercedes: Lewis Hamilton bekommt in Istanbul einen neuen Motor und muss deshalb in der Startaufstellung nach hinten.

Doch schon die gute Nachricht hatte einen Beigeschmack für Red Bull: Die Bullen gingen ohnehin von einer Motorenstrafe im Laufe der Saison für Hamilton aus. Allerdings rechnete man damit, dass der Weltmeister - wie Verstappen vor zwei Wochen in Russland - ans Ende des Feldes muss.

Mercedes wechselte aber nur den Verbrennungsmotor, statt die gesamte Power Unit. Eine Komponente allein kostet - beim ersten unplanmäßigen Wechsel - zehn Startplätze. Eine weitere Komponente hätte noch einmal zehn Plätze gekostet und hätte damit den Start von ganz hinten bedeutet.

Weil die Zuverlässigkeitsprobleme bei Mercedes aber offensichtlich nur den Verbrennungsmotor betreffen, bekommt Hamilton nur diese Komponente. Statt des Starts von Position 20 kann er - sollte er auf Pole fahren - den Türkei GP noch von Position elf aus aufnehmen. Schadensbegrenzung noch bei der Strafe selbst.

Die Mercedes-Strafe ist die eine Sache, darauf hat Red Bull keinen Einfluss. Auf die eigene Performance aber sehr wohl. Und da sieht es nicht gerade gut aus für die Bullen. Schon am Vormittag klagte Max Verstappen über die Balance seines RB16B. Im FP1 reichte es trotzdem noch mit vier Zehntelsekunden Rückstand für Rang zwei.

Am Nachmittag wurden die Probleme eher schlechter. Untersteuern am Kurveneingang wandelte sich am Scheitelpunkt in plötzliches Übersteuern. Mehr als sechs Zehntelsekunden Rückstand reichten nur für Platz sechs.

Formel 1: Hamilton bestraft! Aber warum nur +10 Plätze?: (12:44 Min.)

Red Bull: Nachschicht im Simulator

Bei Red Bull rätselt man nun. Einerseits ist man sich sicher, das Gripniveau der Strecke unterschätzt zu haben. Nach der Rutschpartie im Vorjahr ist die Strecke 2021 in deutlich besserem Zustand. Der natürliche Alterungsprozess wurde mit einer Hochdruckreinigung beschleunigt. Fahrer und Ingenieure sprechen von einer komplett neuen Strecke.

Deshalb wurden viele Teams auf dem falschen Fuß erwischt, weil sie ihre Simulationen mit den falschen Daten fütterten. Die Autos neigten fast alle zu starkem Untersteuern. Bei Red Bull wird über Nacht der Simulator in Milton Keynes heiß laufen, nachdem er mit neuen Daten gefüttert wurde. Sebastien Buemi darf sich auf eine arbeitsreiche Nacht freuen.

Allerdings ist das Setup nicht das einzige Problem bei Verstappen. Bei Sergio Perez waren die Probleme nicht so stark. Der Mexikaner fuhr sogar etwas schneller als der Niederländer. Ein deutliches Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt. Dabei waren beide mit ähnlichen Setups unterwegs. "Irgendwo liegt der Hund begraben", meint Dr. Helmut Marko.

Mercedes hingegen legte los wie die Feuerwehr. Vor allem Lewis Hamilton kam in Istanbul auf Anhieb zurecht. "Wir begannen das erste Training mit einem richtig guten Setup und erlebten eine starke Session", lobt der Weltmeister, wirft aber ein: "Zwischen den Trainings nahmen wir einige Änderungen vor und zusammen mit der Fortentwicklung der Strecke fühlte sich das Auto danach nicht mehr ganz so gut an."

Hamilton: Im 2. Training verschlechtert

Trotzdem konnte Hamilton seinen Streckenrekord aus dem 1. Freien Training noch einmal verbessern. Der WM-Leader fuhr Bestzeit in beiden Sessions. Trotz Strafe geht Mercedes das Wochenende bei Hamilton ganz normal an. "Wir müssen uns noch immer bestmöglich qualifizieren", erklärt Strecken-Chefingenieur Andrew Shovlin.

Allerdings ließ man Hamilton länger im Verkehr fahren als üblich. Dabei wollte man herausfinden, wie sich das Auto beim Überholen verhält. Hamilton tat sich im Training schwer damit. "Aber es ist dort auch etwas schwieriger, weil keine langen Stints gefahren werden. Dadurch ist der Unterschied beim Reifenabbau nicht so groß", so Shovlin.

Der Reifenabbau ist in der Türkei ein großes Thema. Pirelli bringt in diesem Jahr die mittleren Reifenmischungen C2, C3 und C4 mit. Die Auswahl traf Pirelli, ehe es klar war, dass der Asphalt künstlich gealtert wird. "Im Nachhinein hätten wir härtere Reifen bringen sollen", meint Pirellis Mario Isola. "Der Soft-Reifen ist wohl zu weich hier."

Die Sorge des Italieners: Die Teams versuchen so wenig wie möglich auf Soft zu fahren. Wer kann, versucht sich auf Medium für Q3 zu qualifizieren. Nicht nur die Top-Teams, befürchtet Isola. Denn das Performance-Delta zwischen den Mischungen ist verhältnismäßig gering.

Wer auf Soft startet, der kann eine Einstopp-Strategie vergessen. Wobei es auch auf Medium und Hard schwierig werden dürfte. Alle Mischungen weisen Anzeichen von Graining auf. Das beschleunigt den Verschleiß.

Auch im Longrun war Mercedes eine Macht. Hamilton brummte Teamkollege Valtteri Bottas drei Zehntel auf. Verstappen lag schon sechs Zehntel dahinter. "Normalerweise sind wir im Longrun immer bei der Musik", ärgert sich Marko.

Türkei, 2. Training: Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Ricciardo 12 4 1:29,017
Gasly 13 4 1:29,376
Alonso 10 4 1:29,569
Latifi 13 6 1:29,764
Tsunoda 16 6 1:30,184

Türkei, 2. Training: Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Hamilton 22 11 1:27,732
Bottas 25 12 1:28,020
Verstappen 21 11 1:28,339
Leclerc 18 8 1:28,504
Perez 22 10 1:28,538
Sainz 25 21 1:28,771
Stroll 22 13 1:28,928
Latifi 17 8 1:28,932
Vettel 23 15 1:29,029
Räikkönen 22 13 1:29,275
Giovinazzi 19 9 1:29,416
Mazepin 14 5 1:29,941

Türkei, 2. Training: Longruns auf Hard

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Zeit
Norris 12 4 1:28,827
Ocon 23 8 1:28,892
Gasly 19 7 1:28,713
Russell 20 11 1:28,743
Schumacher 15 6 1:29,864

Muss Red Bull in dieser Verfassung vielleicht sogar Ferrari oder McLaren fürchten? "Ich glaube nicht", meint der Red Bull Motorsportchef. Auch wenn Leclerc auf eine Runde nah an die Hamilton-Zeit rankam, Ferrari zeigt freitags traditionell schon mehr. Red Bull hatte den Motor noch lange nicht aufgedreht.

Ferrari nicht Geheimfavorit, aber McLaren?

Die Longruns bestätigen den Eindruck: Dort fehlte Leclerc schon eine dreiviertel Sekunde auf die Spitze. Mit Carlos Sainz ist ein Ferrari schon vor dem Rennen außer Gefecht, weil der Spanier in Istanbul den Motor mit dem neuen Hybrid-System erhält, den Leclerc vor zwei Wochen erhielt. Sainz startet deshalb von hinten.

Die große Unbekannte ist McLaren. Im Training hält sich die Mannschaft von Andreas Seidl vorzugsweise zurück. Nur die Longruns sind im Normalfall ein Anhaltspunkt. Allerdings fuhren weder Lando Norris, noch Daniel Ricciardo im 2. Training auf den Medium-Pneus. Hinter dem Überraschungs-Team der letzten beiden Grands Prix steht ein großes Fragezeichen.

Ein Fragezeichen steht auch hinter dem Wetter. Die Meteorologen sagen für Samstag und Sonntag Regen vorher. Die Wahrscheinlichkeit schwankt je nach Wettervorhersage, doch auf dem Istanbul Park Circuit ist immer wieder mit Schauern zu rechnen.


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