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Formel 1

Formel 1, Mercedes verteidigt Hamilton-Strategie: 100% richtig

Toto Wolff und Mercedes verteidigen die verbockte Strategie von Lewis Hamilton in Ungarn: Entscheidung für Inter-Start aus Startaufstellung war kein Fehler.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Es war die kurioseste Szene des Ungarn-GP 2021 der Formel 1: Als das Rennen nach einer 25-minütigen Unterbrechung wegen der beiden Startunfälle um 15:32 Uhr fortgesetzt wurde, sollte das eigentlich mit einem stehenden Re-Start geschehen. Formal war das auch der Fall, doch bogen 14 der im Rennen verbliebenen 15 Fahrer am Ende der Aufwärmrunde direkt wieder in die Boxengasse ab. Einzig und allein der Führende, Lewis Hamilton, pilotierte seinen Mercedes in die Startaufstellung.

Ganz allein vollzog Hamilton daraufhin auch die Startsequenz auf seinen Mischreifen. Alle anderen Fahrer hatten in der Box von Intermediates auf Slicks gewechselt und reihten sich nun am Boxenausgang hintereinander ein - mit Ausnahme von Nikita Mazepin, dessen Haas in der gut gefüllten Boxengasse einer Kollision mit Kimi Räikkönen nach einer Unsafe Release durch Alfa Romeo zum Opfer gefallen war. Die Folge: Hamilton führte nun komfortabel, immerhin durfte das Feld erst loslegen, als der Brite den Boxeneingang mit bereits voller Fahrt passiert hatte.

Lewis Hamilton von P1 auf P14 in einer Runde

Für Hamilton erwies sich die exklusive Entscheidung Mercedes' für einen Start auf Intermediates allerdings sofort als gewaltiges Problem. Die zum regnerischen Rennbeginn noch nasse Strecke war in der Rennunterbrechung mehr als genug für Trockenreifen abgetrocknet. So musste Mercedes Hamilton sofort doch noch an die Box zitieren, um auf Slicks zu wechseln. Das gesamte Feld zog vorbei.

Vom letzten Platz auf dem wenig überholfreundlichen Hungaroring stand Hamilton nun plötzlich vor einer Mammutaufgabe statt vor einem sicheren Sieg - immerhin waren mit Valtteri Bottas und Sergio Perez zwei Drittel der eigentlich einzigen Gegner im Startgetümmel ausgeschieden. Max Verstappens Red Bull wurde derart in Mitleidenschaft gezogen, dass der Niederländer sich im weiteren Rennverlauf selbst an Mick Schumacher im Haas nur mit Mühe vorbeiarbeiten konnte. Zumindest bis auf das Podium vermochte Hamilton sich noch zu verbessern, zum Sieg reichte es allerdings nicht mehr.

Toto Wolff: Entscheidung war kein Fehler

Trotz der offensichtlichen Fehlentscheidung verteidigen die Mercedes-Offiziellen ihren Schachzug nach dem Rennen ohne Zweifel. "Ich denke nicht, dass es ein Fehler war. Im Rückblick kannst du sagen, dass es falsch war. Aber in dem betreffenden Moment stehe ich zu 100 Prozent dazu", sagt Teamchef Toto Wolff. "Wir hätten heute dennoch gewinnen können. Wir haben viel Zeit hinter Fernando [Alonso] verloren, weshalb Esteban das Rennen gewonnen hat. Vielleicht war es diese Sache mit dem Karma. Vielleicht hatten wir die vollen 25 Punkte heute nicht verdient."

Das Argument des Löwen-gleich verteidigenden Alonsos bleibt nicht das einzige. Wolff zufolge müsse man das Urteil über Fehler oder kein Fehler nicht im Rückblick fällen, sondern zum Zeitpunkt der betreffenden Szene. "Am Ende musst du da draußen den Call machen und beurteilen, ob es trocken genug ist oder nicht. Wir hätten gezockt, wenn wir da aus der Führung an die Box wären. Ich dachte nicht, dass es in einer Runde so sehr abtrocknen kann wie es passiert ist", sagt Wolff.

Mercedes: Führung wegen Boxen-Anordnung sowieso weg

Unter dem Strich könne man den Kinnhaken dann nur einstecken. "Es hätte aber ganz leicht auch genau andersherum ausgehen können. Dann hätten wir töricht ausgesehen, ihn reinzuholen. Die Entscheidung war richtig", verteidigt Wolff.

Damit nicht genug. Noch dazu war sich Mercedes eines Problems in der Boxengasse bewusst. Die Mercedes-Garage und damit -Box kommt dort als erste. Hamilton hätte nach seinem Reifenwechsel also das gesamte Feld durchfahren lassen müssen, ehe Mercedes den Briten wieder hätte losfahren lassen können. Die Folge: Geführt hätte Hamilton beim Re-Start aus der Boxengasse somit ohnehin nicht. "Wir haben kalkuliert, dass er wegen des Zugs von Autos, die in die Box fahren, als Sechster rausgekommen wäre", berichtet Wolff.

Mercedes glaubte noch an den Sieg, dann kam Alonso

Das wäre allerdings noch immer weitaus besser gewesen als Platz 14 mit Rückstand. "Jetzt bist du schlauer. Es ist eben so", kommentiert Wolff diesen Vergleich. Insgesamt erwischte die Situation Mercedes dennoch völlig auf dem falschen Fuß. "Angesichts unserer Position beim Re-Start wollten wir kein allzu großes Risiko auf Slicks eingehen. Aber wir waren überrascht, dass das gesamte Feld auf Intermediates losfuhr. Noch überraschender war für uns, als dann alle nach der Einführungsrunde an die Box abbogen", gesteht Andrew Shovlin, leitender Ingenieur an der Strecke.

Lewis Hamilton musste sich durch das gesamte Feld zurückkämpfen - Foto: LAT Images

Auch der Brite verweist allerdings darauf, dass keine Entscheidung den Erhalt der Führung ermöglicht hätte. "Das war einer der Schlüsselmomente für unser Rennen, obwohl wir nach dem Re-Start nicht geführt hätten, da wir die erste Box haben und das Feld hinter uns hereingekommen wäre. Dadurch hätten wir unsere Box nicht verlassen können", erklärt Shovlin.

Hamilton spart sich Kritik: Big Point gegen Max Verstappen

Die Chance auf den Sieg habe Mercedes dennoch verspielt, so der Ingenieur. Ob nun wegen der Entscheidung nach der Unterbrechung oder wegen der zu großen Probleme, Alonso zu überholen. Shovlin: "Leider hingen wir zu viele Runden hinter Fernando fest. Das führte dazu, dass Lewis die Führenden erst auf der letzten Runde einholte. Es ist frustrierend, dass wir hier eine Siegchance verspielt haben, aber auch ermutigend, dass das Auto richtig gut war. Wir hatten nicht erwartet, so stark zu sein."

Hamilton selbst spart sich allzu scharfe Kritik an seinem Team. "Es ist verrückt daran zu denken, dass wir beim Start die einzigen in der Startaufstellung waren, aber sowas passiert eben in einem unvorhersehbaren Rennen", sagt der Brite. Insgesamt war der Ungarn-GP für den Titelverteidiger ohnehin dennoch ein großer Sieg. Verstappen erzielte nur einen Punkt für Platz zehn, sodass Hamilton dank P3 - Sebastian Vettels nachträgliche Disqualifikation wegen zu wenig Restbenzin im Tank ist wegen eines beabsichtigten Einspruchs Astons Martins noch nicht rechtskräftig - wieder die WM-Führung übernahm und nun mit neun Zählern Vorsprung in die Sommerpause geht.

Formel 1 Chaos in Ungarn: Disqualifiziert: Vettel verliert P2!: (43:43 Min.)


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