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Formel 1, Mercedes hadert mit Reifen: Wird Stärke zur Schwäche?

Mercedes musste sich im zweiten Formel-1-GP von 2021 Red Bull geschlagen geben. Und Valtteri Bottas war in Imola nirgendwo - wo das Problem liegt.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Mercedes lieferte am zweiten Formel-1-Wochenende in Imola eine undurchsichtige Leistung ab. Am Freitag gaben Lewis Hamilton und Valtteri Bottas beim Emilia Romagna GP den Ton an, und Hamilton legte am Samstag mit der Pole nach. Bottas hingegen legte im entscheidenden Q3-Segment eine Bruchlandung hin, und erholte sich, vom achten Startplatz losfahrend, auch nicht.

Das Rennen lief aber auch bei Hamilton nicht optimal. In der Startphase wurde er von Max Verstappens Red Bull kassiert, und fand danach trotz teils guter Rundenzeiten keinen Weg vorbei. Bottas kam nicht einmal auf gute Rundenzeiten, und steckte im Verkehr fest. Zwar hat das Team die großen Balance-Probleme von Bahrain scheinbar gelöst - doch es tun sich neue Fragen zum W12 auf. Könnte eine vermeintliche Stärke zur Schwäche werden?

Bottas verzweifelt in Imola an den Reifen: Nur Hamilton kann's

Es geht, wie so oft in der Formel 1, um die Reifen. Ab Samstag verzweifelte Bottas daran, wie Mercedes-Ingenieur Andrew Shovlin erklärt: "Er sah am Freitag stark aus, war happy mit dem Auto, aber im Qualifying hatte er mehr Probleme mit den Reifentemperaturen. Die Runde in Q1 hätte für die Top vier gereicht, aber die konnte er nicht wiederholen."

Stattdessen war Bottas im entscheidenden dritten Qualifying-Segment über vier Zehntel langsamer als Hamilton. Der Unterschied? In Q1 hatte Bottas mehrere aufeinanderfolgende Runden gefahren. In Q3 geht es aber darum, die Reifen mit nur einer Runde auf den absoluten Performance-Peak zu bringen.

Hamilton schaffte es, das schmale Temperaturfenster - es geht hier um ein, zwei Grad Oberflächentemperatur - mit seiner Aufwärmrunde zu treffen. Bottas nicht. "Das Ding mit der Reifentemperatur ist, dass ein kleiner Unterschied oft einen enormen Unterschied beim Grip macht", unterstreicht Shovlin.

Reifen bei Mercedes in Imola kälteanfällig

Nun beginnt die Ursachenforschung, und das Team hat erste Vermutungen. "Über die Jahre hatten wir oft Probleme bei heißen Bedingungen, und Kälte war gut für uns, weil wir folglich gut die Reifen anwärmen konnten", erklärt Bottas nach dem Rennen. "Wir haben die Entwicklung darauf konzentriert, die Reifen nicht zu überhitzen. Mit der Auswirkung, dass, wenn wir die Hitze schnell in die Reifen bekommen müssen, andere das vielleicht besser können."

Bei Red Bull sah es in Imola, bei einem kühlen Wochenende mit Streckentemperaturen um die 20 Grad am Samstag, und unter 20 Grad am verregneten Sonntag, genau anders aus. Max Verstappen fuhr in der Startphase nicht nur an Hamilton vorbei, sondern davon. Shovlin bestätigt, dass das wohl auf die Reifentemperaturen zurückzuführen war: "Die Einblicke auf dem Intermediate, ja, da sah es so aus, als ob es daran läge. Obwohl Lewis natürlich da einen Schaden hatte."

In den ersten Runden von Imola fuhr Verstappen schnell davon - Foto: LAT Images

Bottas, nach dem schlechten Qualifying im Mittelfeld-Verkehr, bekam die Reifen wieder nicht ins Fenster, folgert Shovlin: "Im Rennen kämpfte er mit dem Hinterherfahren und Überholen, einfach weil er dabei Front-Grip verlor, aber auch das Heck war nicht stark." Und auch Hamilton verlor in zwei Runden nach dem Safety-Car-Neustart fünf Sekunden.

Mercedes unklar: Imola-Problem eigentlich kein Problem?

Hamilton aber drehte das Szenario. Je länger der erste Stint dauerte, desto mehr beklagte sich Verstappen über abbauende Reifen. In der Schlussphase fuhr Hamilton dann die Lücke fast zu, ehe Verstappen zum Wechsel auf Slicks an die Box kam.

Auch Red Bull hat das beim Duell Hamilton gegen Verstappen beobachtet. "Das Abnutzungs-Muster zwischen den beiden Autos sah ziemlich unterschiedlich aus - sobald [Hamilton und Mercedes] mit der gleichen Reifenmischung unterwegs waren, sahen sie sehr schnell aus", meint Teamchef Christian Horner. "Ich würde sagen, Mercedes sah wie in Bahrain am Stint-Ende stärker aus als wir."

Per Definition muss das Imola-Problem also nicht unbedingt ein dauerhaftes Problem sein, glaubt Shovlin: "Das sind Dinge, die du einstellen kannst, und es ist immer ein Kompromiss zwischen Aufwärmen und Longruns. Wir müssen uns anschauen, ob wir diesen Kompromiss hinbekommen haben."

Das Problem könnte sich bald von selbst lösen. Der Sommer naht, die Temperaturen steigen. Trotzdem macht sich Mercedes Sorgen. Besonders hinsichtlich Bottas, der anders als Hamilton nie über die Probleme hinwegkam. "Ich denke, das Negative geht schlicht auf das Aufwärm-Problem in diesen Bedingungen zurück, dafür müssen wir eine Lösung finden", meint Shovlin. "Wenn wir das haben, sollte der Rest hinhauen."


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