Motorsport-Magazin.com Plus
Tipp
Formel 1

Formel 1 Abu Dhabi, Favoriten-Check: Schlacht an zwei Fronten

Die F1 hat fürs Finale 2020 noch einmal groß aufgetischt. Max Verstappen fordert Mercedes heraus. Racing Point, McLaren und Renault kämpfen um P3 in der WM.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Das letzte Rennen der Formel-1-Saison 2020 verspricht noch einmal Spannung an allen Fronten. Max Verstappen entriss Mercedes zum krönenden Abschluss des Jahres die Pole Position und kann Red Bull den zweiten Saisonsieg gegen die Übermacht in Schwarz holen. Hinter der Spitze wird zwischen Racing Point, McLaren und Renault ein noch erbitterterer Kampf ausgetragen. Beim Showdown um Platz drei in der Gesamtwertung geht es um Ruhm, Ehre und wichtige Millionen Preisgeld. Der Favoritencheck für das Finale nimmt die Ausgangslage unter die Lupe.

"Das war schon der Wahnsinn. Es ist egal, ob wir morgen gewinnen", war Verstappen nach seiner ersten Pole Position der Saison jeglicher Gedanke an den Sieg erst einmal zweitranging. Aus dem Nichts hatte er die Mercedes-Dominanz im 17. und letzten Anlauf doch noch gebrochen. Selten war Kosmetik für die Saisonstatistik schöner. Dass der ehrgeizige Red-Bull-Teamleader den Sieg am Sonntag so ohne weiteres seinen Verfolgern überlässt, ist dennoch unwahrscheinlich.

"Diese Pole für das letzte Rennen zu holen ist wichtig, und es ist wichtig sie in ein tolles Resultat zu verwandeln - für alle in unserem Team, die dieses Jahr unter solch schwierigen Bedingungen so hart gearbeitet haben", gibt Red-Bull-Teamchef Christian Horner die Zielsetzung für den Grand Prix aus.

Verstappen auf Longruns der schnellste Mann

Die Chancen dürften nicht allzu schlecht stehen, obwohl Red Bull in Sachen Rennpace wie der Großteil des Feldes zu einem gewissen Grad im Dunkeln tappt. Die rote Flagge in der letzten halben Stunde des 2. Freien Trainings brachte fast alle Teams um die Longrun-Daten. Dennoch war Verstappen bei den auswertbaren Runden sowohl auf Soft als auch auf Medium der schnellste Mann. Auf dem Papier sind das erstmal gute Nachrichten.

Verstappen, Hamilton, Bottas, Sainz und Leclerc starten am Sonntag auf dem Medium-Compound. Laut Pirelli ist eine Einstopp-Strategie mit einem Stint über 18 Runden auf Medium gefolgt von einem zweiten über die restlichen 37 Runden auf Hard die schnellste Taktik, um über die Renndistanz zu kommen. Für die Soft-bereiften Kandidaten geben die Italiener 14 Runden auf der weichen Mischung in Kombination mit 41 Runden auf Hard aus.

Verstappen steht dem Mercedes-Doppelpack am Start zunächst mehr oder weniger alleine gegenüber, denn Teamkollege Albon geht nur von Platz fünf ins Rennen. Der Thailänder legt allerdings auf dem Soft-Reifen los, was in Horner gewisse Hoffnungen weckt. "Er wird am Start schnell sein. Der Reifen hat zu Beginn eine ähnliche Pace wie der Medium, er hält nur nicht so lange. Wenn er einen guten Start erwischt, kann er im Rennen ein Wörtchen mitreden", hofft er.

Mercedes fehlt Motorleistung gegen Red Bull

Ein Trumpf könnte für Verstappen zudem die Angst bei Mercedes vor einem Motorschaden sein. Teamchef Toto Wolff gab nach dem Qualifying zu, dass bei den Autos der Weltmeister nach den jüngsten MGU-K-Defekten bei Power Units aus der Schmiede in Brixworth nicht mehr die gewohnte Power vorhanden ist. "Wir haben bei allen Mercedes-Motoren ein wenig Leistung, ein wenig Performance rausgenommen", so der Österreicher.

Dieses Statement deckt sich mit dem Eindruck Verstappens, der sich auf den Geraden des Yas Marina Circuit bisher außergewöhnlich konkurrenzfähig fühlte. "Zumindest ist unser Topspeed dieses Wochenende nicht so schlecht", so der 23-Jährige, der sich der Kreativität von Mercedes gewiss ist: "Ich erwarte, dass sie mir sehr viel Druck machen werden. Vielleicht versuchen sie auch eine andere Strategie". Letztendlich sind die Werksautos die einzigen Mercedes-Motoren, die er zu fürchten hat, denn für Sakhir-Sieger Racing Point sieht es vor dem Finale düster aus.

Racing Point zittert um Platz drei in der WM

Nach der Euphorie durch Sergio Perez' Premierensieg am vergangenen Sonntag wendete sich das Blatt für die Pinken noch vor dem Start ins Wochenende. Der Mexikaner brauchte nach seinem kapitalen Motorschaden beim Bahrain GP, der ihn um einen sicheren dritten Platz brachte, einen neuen Motor samt Turbolader und MGU-H. Er wird das Rennen von Startposition 19 aus in Angriff nehmen. Teamkollege Lance Stroll kam im Qualifying nicht über Rang acht hinaus.

Platz drei in der Konstrukteursweltmeisterschaft wackelt bei nur zehn Punkten Vorsprung auf McLaren gewaltig, zumal Norris und Sainz im Zeittraining besonders stark waren. "Das Auto war heute ziemlich schwierig zu fahren. Dass die McLaren auf vier und sechs sind, ist auch nicht so toll", konstatierte Stroll, der sich auf dem Soft-Reifen zumindest gegen den Medium-bereiften Sainz Chancen erhofft. "Ich will einen guten Start haben und dann schauen wir, wie das Rennen läuft."

Perez plant nächste Aufholjagd, McLaren baut auf Konstanz

Perez konzentrierte sich aufgrund seiner Startplatzstrafe von Beginn des Wochenendes an auf die Abstimmung für das Rennen. "Wir haben alles für das Rennen vorbereitet und uns auf jedes Detail fokussiert", sagt er. Nachdem er vergangenen Sonntag mit einer Aufholjagd vom letzten Platz zum Sieg fuhr, traut ihm Sainz so gut wie alles zu: "Ich bin überzeugt, dass die Racing Points beide in den Top acht ankommen werden, mit dem Auto, das sie haben."

Auf dem Hard-Compound fuhr Perez am Freitag den schnellsten Longrun. "Wir müssen etwas anderes versuchen und die Pace unseres Autos nutzen, um so viel freie Fahrt wie möglich zu haben", will er den verlorenen Boden im Fernduell gutmachen. Platz drei für seinen langjährigen Arbeitgeber zu holen, ist für ihn trotz der Entlassung das oberste Ziel.

"Wir haben morgen viel zu verlieren. Das ist für uns ein sehr wichtiges Rennen in der Meisterschaft. Es steht viel auf dem Spiel", mahnt Perez. Ihm ist bewusst, dass ein zehnter Platz womöglich nicht genug sein wird, um Racing Points Vorgabe für die Gesamtwertung zu erfüllen. "Es kommt auf ein sehr gutes Rennen von uns an. Wir müssen sicherstellen, dass wir ziemlich weit vor in die Punkte kommen."

McLaren baut einmal mehr auf Konstanz, schließlich haben Sainz und Norris die Jahresausbeute des Teams bisher in perfektem Teamwork geholt. "Wir sind gut darin, die Rennen umzusetzen, Punkte zu holen, uns gegenseitig zu helfen, das Team ist da immer dran", so Sainz. Darüber hinaus sind der Spanier und Norris auf unterschiedlichen Strategien unterwegs, da Letzterer auf Soft startet. "Es ist auf jeden Fall gut, dass das Team zwei Autos in verschiedenen Szenarien hat, da hat man mehr Spielraum", meint Sainz.

Renault gibt Hoffnung nicht auf

Wenig Spielraum und noch weniger Chancen auf Platz drei in der WM hat Renault. Esteban Ocons Podium und Daniel Ricciardos fünfter Platz konnten das beim Türkei GP aufgerissene Loch in der Tabelle nicht stopfen. Vor dem Finale liegen die Franzosen als Fünfter 22 Zähler hinter Racing Point. Im Qualifying kamen Ocon und Ricciardo nicht über die Plätze elf und zwölf hinaus. Durch die Startplatzstrafe von Charles Leclerc rückten sie jeweils um eine Position auf.

"Die Wahrheit ist, dass wir eine gute Ecke weg waren. Selbst wenn wir es ins Q3 geschafft hätten, bin ich sicher, dass wir da nicht so weit nach vorne gekommen wären", hätte sich Ricciardo auch an einem besseren Samstag keine Chance gegen McLaren ausgerechnet. Ocon hingegen klammert sich an den letzten Funken Hoffnung. "Es ist noch nicht vorbei", sagt er und verweist auf den möglichen strategischen Vorteil seines Teams.

"Wir haben freie Reifenwahl. Das ist mega-wichtig. Der C5 ist eine sehr weiche Mischung. Es ist nicht leicht, den im Rennen zu benutzen. Das könnte es für die anderen hart machen. Hoffentlich können wir so über die Strategie zurückkommen. Denn das müssen wir für die Punkte in der Konstrukeurswertung. Es wird ein aggressives Rennen", kündigt er an.

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Soft

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Max Verstappen 1:41.936 8
Kimi Räikkönen 1:42.772 + 0.836 9
Lewis Hamilton 1:43.022 + 1.086 7
Charles Leclerc 1:43.595 + 1.659 15
Daniil Kvyat 1:43.812 + 1.876 17
Daniel Ricciardo 1:43.935 + 1.999 7
Nicholas Latifi 1:44.494 + 2.558 11
Kevin Magnussen 1:44.540 + 2.604 13

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Medium

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Max Verstappen 1:41.913 11
Daniel Ricciardo 1:42.669 + 0.756 11
Alexander Albon 1:42.682 + 0.770 11
Valtteri Bottas 1:43.376 + 1.463 11
Sergio Perez 1:43.747 + 1.835 12
Antonio Giovinazzi 1:44.031 + 2.119 15
Lance Stroll 1:44.056 + 2.143 16

Formel 1, Abu Dhabi GP - Longruns 2. Freies Training auf Hard

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand in Sek. Reifenalter in Runden
Sergio Perez 1:42.740 13
Pierre Gasly 1:42.959 + 0.219 15
Esteban Ocon 1:43.093 + 0.353 13
Carlos Sainz 1:43.575 + 0.834 11
Lando Norris 1:43.595 + 0.855 10
George Russell 1:44.374 + 1.634 7
Sebastian Vettel 1:44.488 + 1.478 15

Weitere Inhalte: