Ein Triumph für die Geschichtsbücher des Motorsports: Mirko Bortolotti hat tatkräftig geholfen, Lamborghini zum ersten Gesamtsieg bei einem 24-Stunden-Rennen zu führen. Der in Wien lebende Italiener setzte sich in Spa-Francorchamps zusammen mit seinem Herzens-Team GRT sowie den Teamkollegen Luca Engstler und Jordan Pepper durch. Es waren turbulente Tage für Bortolotti, der kurz zuvor beim 24h-Rennen Nürburgring mit einem kontrovers diskutierten Flaggen-Vergehen Schlagzeilen gemacht hatte.
Mit diesen eindrücklichen Erlebnissen im Gepäck, geht es für den amtierenden DTM-Champion jetzt auf dem Norisring weiter. Vor dem vierten DTM-Rennwochenende der Saison stand Bortolotti im Interview mit Motorsport-Magazin.com Rede und Antwort.
Mirko, was bedeutet dir der Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Spa gemeinsam mit GRT-Lamborghini?
Mirko Bortolotti: Das bedeutet mir sehr viel - wegen der ganzen Vorgeschichte, wegen dem Projekt, das vom ersten Tag an vor zehn Jahren gestartet ist und auch zusammen mit Gottfried (Grasser; GRT-Teamchef) aufgebaut worden ist. Wir waren oft in Spa unterwegs, waren häufig stark, aber haben dann immer wieder wegen unterschiedlicher Situationen gemerkt: Das wird nicht funktionieren. Es sind Dinge passiert, wegen denen wir einfach nicht gewinnen konnten. Deshalb ist es schwer in Worte zu fassen, was dieser Erfolg für mich und für uns bedeutet. Dass wir jetzt zusammen das größte GT3-Rennen der Welt gewonnen haben, ist unfassbar.

Was hat diesmal den Ausschlag für den Erfolg gegeben?
Mirko Bortolotti: Für mich war das kein Erfolg, der einfach 2025 in Spa passiert ist. Das war ein Erfolg, der ab dem ersten Tag aufgebaut wurde. Es war das Ergebnis von vielen Rückschlägen, von vielen schlechten Tagen, aus denen wir die richtigen Schlüsse gezogen haben. Und daraus ist dann dieses Resultat entstanden. Das war nicht einfach Glück. Das Wichtigste im Motorsport ist, dass du weißt, warum du erfolgreich bist. Wenn du das weißt, bist du auf einem guten Weg. Wenn nicht, weißt du nie, wie lange der Erfolg anhält. Unser Auto war top. Am Anfang hatten wir ein bisschen zu kämpfen, aber wir haben gut gearbeitet, und die Track Evolution hat uns geholfen. Wir haben die richtigen Entscheidungen getroffen, sind eine mutige, aggressive Strategie gefahren. Alle drei Fahrer haben einen Mörderjob gemacht. Ich bin extrem stolz auf Luca (Engstler) und Jordan (Pepper). Es war eine Ehre, mit beiden zu fahren. Die Chemie hat perfekt gepasst. Wir hatten nur ein Ziel: dieses Rennen zu gewinnen. Es ging nie um Ego-Spielchen.
Du pflegst seit vielen Jahren ein enges Verhältnis zu GRT-Teamchef Gottfried Grasser. Wie habt ihr den Spa-Sieg gemeinsam erlebt?
Mirko Bortolotti: Es war sehr emotional. Wir haben einfach nur gelacht und konnten gar nicht fassen, was da gerade abgeht. Dieses Glück zu sehen, diese Freude in allen Gesichtern - Mechaniker, Crew, viele Fans - das war Wahnsinn. Das so zu erleben, war ein Geschenk. Es macht mich sehr stolz. Es ist einfach ein Traum, der wahr geworden ist. Ich wusste, wir haben das Potenzial. Aber ich habe irgendwann nicht mehr daran geglaubt, dass wir es wirklich schaffen und dachte schon, dass wir dieses Rennen niemals gewinnen würden.

Wir haben gehört, dass du nach dem Rennen im Medical Center an der Strecke untersucht wurdest, nachdem du am Ende einen fast dreistündigen Stint gefahren bist. Was ist da dran?
Mirko Bortolotti: Ja, das stimmt, nach der Podestfeier. Im Auto ging's mir bis zur Zielflagge gut. Ich hätte noch einen Stint fahren können, mir ging's super. Aber das Problem war: Wir haben keine Klimaanlage, und nach drei Stunden ist dann auch noch unser Gebläse kaputt gegangen. Jedes Mal, wenn das Auto stand, kam die ganze Hitze rein. Auch während der langsamen Auslaufrunde und nachdem ich das Auto abgestellt hatte. Ich bin ausgestiegen und innerhalb weniger Sekunden wurde mir schwarz vor Augen.
Und was geschah dann?
Mirko Bortolotti: Ich stand noch auf dem Dach unseres Autos, aber da hat es schon angefangen. Ich hatte keine Energie mehr zum Jubeln. Dann haben sie mich erst in einen Krankenwagen gebracht, zum Runterkühlen, um etwas zu trinken. Ich hatte am ganzen Körper Krämpfe - sowas habe ich noch nie erlebt! Dann haben sie gefragt, ob ich aufs Podium will. Ich: 'Natürlich, da muss ich hoch!' Danach bin ich ins Medical Center und war dort etwa eine halbe Stunde, habe Infusionen bekommen. Eine Stunde später ging's mir wieder besser.

Nur eine Woche vor Spa standest du beim 24h-Rennen Nürburgring im Fokus, weil du im Qualifying rote Flaggen missachtet hattest. Der Vorfall hat für große Diskussionen gesorgt. War das auch ein Thema für dich?
Mirko Bortolotti: Natürlich war das ein Thema für mich. Aber nicht, weil irgendwelche Leute Geschichten geschrieben oder erzählt haben - manche Sachen wurden ja auch einfach dazuerfunden. Sondern weil ich selbst sehr hart mit mir ins Gericht gehe. Ich bin der Erste, der sich selbst kritisiert, wenn etwas nicht gut läuft. Und ja - ich bin nicht stolz auf den Vorfall, das muss ich ganz ehrlich sagen.
Was waren die Gründe?
Mirko Bortolotti: Ich könnte jetzt tausend Sachen erzählen, die wie Ausreden klingen würden. Aber ich hasse Ausreden. Und deshalb kann ich nur sagen: Es war ein Fehler. Ich habe es zu spät erkannt und zu spät reagiert - das waren die zwei Fehler. Ich habe absolut nicht damit (roten Flaggen; d. Red.) gerechnet. Ich muss aber auch sagen, dass man das in keiner Weise mit einem Code-60-Vergehen vergleichen kann. Das ist etwas ganz anderes. Der Unfall war 20 Kilometer hinter mir. Und ich hatte vier Autos vor mir, weil ich der Fünfte auf der Runde war.
Eine rote Flagge ist das letzte, womit du in einer Superpole-Session rechnest, auf die du dich jahrelang vorbereitet hast, um diese eine Runde auf der Nordschleife so richtig umzusetzen. Normalerweise gibt es auf der Nordschleife keine roten Flaggen, sondern Code-60-Phasen. Ich habe es zu spät wahrgenommen und im ersten Moment dachte ich, das sei ein Fehler. Das Marshalling-System hat nichts angezeigt und am Funk hat mir niemand etwas gesagt. Und es ist mir auch schon mal auf der Nordschleife passiert, dass ein Marshall mal ein falsche Flagge gezeigt hat. Dann schmeißt du deine Runde weg. Gar keine Frage: Es war ein Fehler, und das will ich auch nicht schönreden. In dem Moment waren nicht alle Puzzleteile zusammen.

Verleiht dir der Spa-Sieg einen persönlichen Push für den weiteren Verlauf der DTM-Saison, in der es bisher nicht allzu erfolgreich lief?
Mirko Bortolotti: Das ist ein ganz anderes Thema. Natürlich ist es irgendwo im Hinterkopf. Du weißt: Du hast das wichtigste GT3-Rennen gewonnen - das, welches du schon seit so vielen Jahren gewinnen wolltest. Aber jetzt ist das abgehakt. Hier bei der DTM kommt eine neue Challenge. Ich freue mich total, wieder am Norisring zu sein - für mich eines der Highlights der DTM-Saison. Ich war in den letzten Jahren immer gerne hier und stark unterwegs.
Wenn du wählen müsstest zwischen DTM-Titel und Spa-Gesamtsieg: Welcher Erfolg bedeutet dir mehr?
Mirko Bortolotti: (lacht) Das ist wirklich schwierig. Ich glaube, ich würde einige Leute enttäuschen, wenn ich die Frage beantworte. Das wäre dem einen oder anderen gegenüber nicht respektvoll. Deswegen muss ich einfach sagen: Ich nehme beides.



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