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Formel 1, Vettel erkennt sich in Leclerc wieder: Fehler egal

Sebastian Vettel nutzte in der Türkei einen Fehler Charles Leclercs. Statt Genugtuung bewies er im Moment eines 2020 seltenen Siegs im Ferrari-Duell Größe.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Sebastian Vettel hat beim Großen Preis der Türkei im 14. Rennen der Formel-1-Saison 2020 nicht nur sein erstes Podium in diesem, sondern auch seit mehr als einem Jahr erzielt. Zuvor hatte der vierfache F1-Weltmeister zuletzt beim Mexiko Grand Prix 2019 einen Pokal in die Höhe gestemmt, seitdem durchlitt Vettel mit 16 Grands Prix ohne Treppchen, exklusive seiner Anfänge mit BMW-Sauber und Toro Rosso, die längste Durststrecke seiner Karriere.

Zurückzuführen war das vor allem auf die 2020 durch den Boden gebrochene Performance des Ferrari-Pakets. Vettels Teamkollegen Charles Leclerc gelangen zu Saisonbeginn dennoch zwei glückliche Podien. Erst in Österreich, dann in Großbritannien war der Monegasse schlicht zu Stelle, als viele Ausfälle oder Chaos Gelegenheiten offenbarten.

Charles Leclerc 2020 dreimal besser als Vettel

Das hatte sich Leclerc erarbeitet. In seinem Debütjahr bei der Scuderia schon auf Augenhöhe mit Vettel, stellte der Youngster den Platzhirsch 2020 klar in den Schatten. Das belegen die Zahlen eindeutig: Mit seinem Sieg über Leclerc im Qualifying in Istanbul verkürzte Vettel im Qualifikationsduell gerade einmal auf 3:11, im Rennduell steht es 3:8 und nach WM-Punkten erbeutete Vettel (33 Zähler; WM-Rang 13) gerade einmal gut ein Drittel des Kontostands Leclercs (97, P5).

Umso süßer muss es geschmeckt haben, dass Vettel sein erstes Podium der Saison ausgerechnet einem Fehler Leclercs verdankte. Der Monegasse verbremste sich im Kampf gegen Sergio Perez in der drittletzten Kurve des Rennens, ging weit, Vettel schlüpfte innen vorbei. Noch dazu war es in letzter Konsequenz die Ankunft Leclercs bei Ferrari, die Vettels Ende in Maranello einläutete. Das zeichnete sich mit der Vertragsverlängerung des Monegassen bis 2024 im Winter ab, finalisiert durch die Bekanntgabe noch vor Saisonstart, mit Vettel nicht zu verlängern.

Ferrari-Duell: Sebastian Vettel vs. Charles Leclerc

Statistik - RennenVettelLeclerc
Rennduell38
Ø Rennplatzierung9,756,18
Bestes Rennergebnis32
Statistik - Qualifying
Q1-Aus10
Q2-Aus105
Q3-Einzug39
Qualifying-Duell311
Ø Qualifying-Platzierung12,218,29
Bestes Qualifying-Ergebnis54
Ø Abstand Teamkollege (Sek.)+ 0,128-
Statistik - Saison
Starts1414
Siege00
Schnellste Rennrunden00
Podien12
Top-1079
Ausfälle23
WM-Punke3397
WM-Rang135

Genugtuung im Moment eines selten gewordenen Triumphs über die nächste Generation bei Ferrari, noch dazu durch einen klaren Fehler, empfindet Vettel dennoch nicht - oder äußerte sie nicht. Stattdessen zeichnete der Deutsche in der Türkei das Bild eines Champions und fairen Sportsmanns, bewies wahre Größe - nicht nur durch aufrichtiges Lob und Respekterweisungen für Lewis Hamiltons, sondern auch durch seine Bewertung des teaminternen Duells bei Ferrari.

Sein Sieg über Leclerc spiele ohnehin wohl kaum noch eine Rolle für die teaminterne Dynamik. „Das ist vermutlich irrelevant, um ehrlich zu sein“, sagte Vettel. „Ich bin erwachsen genug, ich lasse derartiges Zeug sich niemals richtig erhitzen und zwischen uns stehen. Ich freue mich über alles, was er erreicht und in Zukunft erreichen wird, denn er ist ein guter Junge“, ergänzte Vettel nach seiner Rückkehr auf das Podium an für ihn alles andere als nichtssagender Stelle.

Vettel: Seltener Sieg über Leclerc bedeutet nichts

„Die Türkei ist ein besonderer Ort für mich, denn hier fing alles an“, sagte Vettel, in Gedanken an seinen ersten Freitagseinsatz in der Formel 1 überhaupt, 2006 mit BMW-Sauber auf dem Istanbul Park Circuit. „Es ist vielleicht nicht der Ort, an dem alles endet, aber wenn ich jetzt mit Charles als Teamkollege die vielen, vielen Jahre zurückblicke, dann erkenne ich mich auch oft in ihm wieder.“

Statt Genugtuung, seiner Nemesis noch einmal das Heck gezeigt zu haben, steht Vettel dem Monegassen mit dem Rat aus all seiner Erfahrung von 254 Grand-Prix-Starts zur Seite. „Er ist viel jünger, er ist sehr schnell und die Tatsache, dass ... Ich hatte noch nicht die Chance, mit ihm zu sprechen, aber ich werde ihm später sagen, dass es für ihn eigentlich fast egal ist, auf dem Podium gewesen zu sein oder nicht, denn es liegen noch so viele Jahre vor ihm, so viele Podien, da bin ich mir sicher“, sagte Vettel, gerade in Kenntnis darüber gesetzt, wie hart Leclerc nach seinem Fehler via Boxenfunk mit sich selbst ins Gericht gegangen war.

Vettel baut Leclerc nach Fehler auf: Im Gesamtbild egal

„Es ist auch richtig, dass er sauer ist“, sagte Vettel. „Er hat einen Fehler gemacht und so das Podium verloren, aber im Gesamtbild ist es für ihn vielleicht egal. Es war ein sehr hartes Rennen und ich denke, dass wir alle zu verschiedenen Abschnitten des Rennens mal sehr kurz davon waren, es komplett zu verlieren. Natürlich ist es besonders schmerzhaft, wenn es auf der letzten Runde passiert.“

Aufbauende Worte also, wertschätzende Worte - die Leclerc gleichwertig zurückspielte. Neben mehrfachen Flüchen auf sich selbst kam dem Monegassen schon am Boxenfunk nach dem Rennen nur noch ein Gedanke in den Sinn. Ein Glückwunsch an Vettel. „Glückwunsch an Seb. Er verdient das. Es war kein gutes Jahr für ihn. Auch wenn ich so angepisst von mir selbst bin, er hat einen großartigen Job gemacht und ich hoffe, er genießt es!“

Ross Brawn: Beweis, dass Vettel zu früh abgeschrieben wurde

Mehr Genugtuung als Vettel schien da sogar Ross Brawn zu empfinden, als Sportchef der Formel 1 eigentlich neutral. „Heute haben wir gesehen, dass die alte Garde ihre Erfahrung demonstriert hat und die jungen Angeber gezeigt haben, dass sie noch ein wenig zu lernen haben“, schrieb der Brite in seiner Kolumne für F1.com. „Es war faszinierend, Sebastians Performance an diesem Wochenende zu beobachten. Die Leute sind zu schnell damit, Sportler abzuschreiben, wenn sie eine ruhige Phase haben.“

Der Rennsonntag in Istanbul habe alle daran erinnert, welch Talent auch in Vettel schlummere. „Er stand dieses Jahr ein wenig im Schatten Charles‘ und das Ende seiner Ehe mit Ferrari ist nicht leicht, deshalb war der Türkei Grand Prix ein großartiger Tag für ihn. Er hat nicht einen Fuß falsch aufgesetzt und war bereit, zuzuschlagen, als sich eine Gelegenheit bot“, lobte Brawn.

Die neue Generation um Leclerc und Verstappen hingegen habe einige Fehler begangen. Allerdings würden die Youngster daraus lernen. Brawn mit dem diplomatischen Ausgleich: „Das wird nur ein weiterer Referenzpunkt für die Datenbanken dieser jungen Fahrer sein. Wenn wir morgen noch ein Rennen in der Türkei fahren würden, bin ich sicher, dass viele von ihnen es anders angehen würden.“

Formel 1: Hätte Vettel in Istanbul gewinnen können?: (14:20 Min.)


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