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Formel 1 Silverstone Trainingsanalyse: Angriff der Clone-Pfeile

Lance Stroll fährt im Racing Point Bestzeit. Ist die pinke Mercedes-Kopie in Silverstone plötzlich besser als das Original? Die Longrun-Analyse vom Freitag.
von Florian Becker

Motorsport-Magazin.com - Die Trainings der Formel 1 in Silverstone waren am Freitag Hitzeschlacht und Wundertüte zugleich. Weltmeister Mercedes war nach drei dominanten Wochenenden plötzlich von der Spitze verschwunden. Dafür thronte nach dem 2. Freien Training überraschend Lance Stroll auf dem Platz an der Sonne. Doch ist die pinke Kopie des 2019er Silberpfeils tatsächlich besser als das Original? Die Longruns machen wenig Hoffnung auf ein Ende der Mercedes-Dominanz.

Die absoluten Rundenzeiten weisen für Stroll auf dem Papier einen Vorsprung von anderthalb Zehntelsekunden auf Valtteri Bottas aus. Hamilton lag auf dem Soft-Reifen bei der Pace auf eine Runde sogar drei Zehntel zurück. Auffällig jedoch, dass Bottas und Hamilton bei den Topspeeds auf der Hangar-Straight nur die Positionen 10 und 14 belegten. Selbst Ferrari war schneller. Ein klares Zeichen dafür, dass man bei den Favoriten nicht alles zeigte. Doch die begründen ihr Abschneiden mit Balanceproblemen.

"Es war ein ziemlich schwieriger Tag, um ehrlich zu sein", so Hamilton. "Die Balance ist nicht so gut wie ich sie gerne hätte. Das müssen wir heute Nacht herausbekommen. Es ist kein Desaster, aber es hat es auf jeden Fall zu einem harten Tag gemacht, damit zu fahren." Schaut man auf den Vergleich zum Vorjahr, fällt es schwer, diesen Worten Glauben zu schenken.

Strolls Bestzeit von 1:27.274 Minuten war immer noch eine halbe Sekunde langsamer als Bottas' FP2-Bestzeit aus dem Vorjahr. Auf die Pole Position des Finnen fehlen sogar über zwei Sekunden. Mercedes' leitender Ingenieur an der Rennstrecke schiebt den Rückstand auf das Kundenteam auf die altbekannte Achillesferse seiner Autos.

Mercedes und die Hitze-Schwäche

"Deshalb werden wir wohl zu dem Schluss kommen, dass wir uns hier nicht so gut wie die anderen Teams an die sehr hohen Temperaturen anpassen konnten", so Andrew Shovlin. Die Temperaturen waren für britische Verhältnisse in der Tat außergewöhnlich. Die Außentemperatur betrug 36 Grad Celsius, der Asphalt wurde durch die Sonne auf über 50 Grad Celsius erhitzt.

"Es war schwierig, den C3 (Soft) bei diesen Bedingungen im richtigen Fenster zu halten", erklärt Pirelli-Manager Mario Isola. "Wenn wir uns die Longruns heute anschauen, musste der C3 auf diesem Highspeed-Kurs viel gemanagt werden." Das wiederum gelang Mercedes auf dem offenbar nicht allzu schlecht.

Tatsächlich wagten im zweiten Training nur Mercedes und Racing Point ein paar mehr Runden auf dem Soft-Compound. Der Pace-Unterschied zwischen den beiden Teams fiel beträchtlich aus. Hamilton fuhr im Durchschnitt fast zwei Sekunden schneller als Hülkenberg, der auf diesem Reifen überraschend etwas zügiger als Stroll unterwegs war.

Der Emmericher fand seine Longrun-Pace nach acht Monaten F1-Pause allerdings noch nicht überzeugend. "Ich habe die Soft-Reifen noch nicht gut genutzt, deshalb bin ich etwas zurück", resümierte er.

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Soft-Reifen

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Lewis Hamilton 1:31.724 9 Runden
Valtteri Bottas 1:32.065 + 0.342 12 Runden
Nico Hülkenberg 1:33.607 + 1.883 13 Runden
Lance Stroll 1:33.831 + 2.107 15 Runden

Red Bull schneller als erwartet

Auf dem Medium-Compound markierte Bottas mit einem Schnitt von 1:31.820 Minuten die schnellste Longrun-Pace. Racing Point verzichtete auf intensive Runs mit dem C2, doch auch ohne die Pinken hat Mercedes hier für den Moment einen Verfolger. Max Verstappen wurde auf seiner schnellsten Runde zwar von Romain Grosjean blockiert und landete am Nachmittag nur auf der 14. Position, doch im Gegensatz zu Teamkollege Alexander Albon konnte er für Red Bull die Longrun-Arbeit erledigen.

Nachdem der Thailänder seinen RB16 zur Halbzeit der Session in der Leitplanke ausgangs Stowe versenkt hatte, kümmerte sich Teamleader Verstappen auf dem Medium-Reifen um die Rennpace. Vor dem Wochenende hatte der achtfache Grand-Prix-Sieger noch kein Land im Kampf gegen Mercedes gesehen. Mit nur 15 Tausendstel Rückstand auf Bottas im Longrun, sieht die Welt ganz anders aus.

"Die Longruns sahen ziemlich gut aus. Wir entwickeln weiter und bringen neue Teile ans Auto, die etwas besser zu funktionieren scheinen. Ich bin darüber und mit unserer Richtung glücklich", zieht der 22-Jährige ein positives Fazit. Bei Ferrari konnte davon einmal mehr keine Rede sein.

Ferrari verrennt sich mit Setup

Sebastian Vettel sammelte im 1. Freien Training aufgrund eines Problems mit dem Ladeluftkühler zunächst gar keine verwertbaren Daten. Am Nachmittag ging die Ferrari-Odyssee für ihn weiter. Erst Probleme mit dem Bremspedal, dann Leistungsverlust. Seinen Longrun-Zeiten auf dem Soft-Reifen fehlte dadurch jegliche Aussagekraft.

Teamkollege Charles Leclerc nahm sich den Longruns auf dem Medium-Reifen an. Der Monegasse war von der Performance des SF1000 aber alles andere als begeistert. "Mit der Rennpace haben wir richtig Probleme. Da müssen wir auf jeden Fall dran arbeiten", schlägt er Alarm. Die Auswertung der Rundenzeiten bestätigt den Hilferuf.

Mit einer durchschnittlichen Rundenzeit von 1:33.589 Minuten verliert Ferrari auf dem C2 über eine Sekunde auf Mercedes und Red Bull. "Wir haben mit unserem Downforce-Level einen ziemlich radikalen Ansatz verfolgt. Im Qualifying scheint es sich auszuzahlen, aber im Rennen nicht", so Leclerc weiter.

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Medium-Reifen

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Lewis Hamilton 1:31.724 9 Runden
Valtteri Bottas 1:32.065 + 0.342 12 Runden
Nico Hülkenberg 1:33.607 + 1.883 13 Runden
Lance Stroll 1:33.831 + 2.107 15 Runden

Wetterprognose wirft Erkenntnisse des Freitags über den Haufen

Bei heißen Bedingungen wie am Freitag empfiehlt Pirelli für das Rennen eine Zweistopp-Strategie. Der Einsatz des Hard-Compound wäre dabei eine logische Wahl. Doch im Training nahmen nur Mercedes und Racing Point den C1 genauer unter die Lupe. Anders als beim Soft lagen die Teams hier deutlich näher beieinander.

Stroll verlor im Mittelwert rund sieben Zehntel auf Hamilton, der mit einer Longrun-Pace von 1:32.360 Minuten die Berechnungen von Pirelli bestätigte. Laut Isola entsprach das Delta von 0,7 Sekunden der Vorhersage seiner Ingenieure. Dasselbe traf auf die 0,9 Sekunden zwischen C2 und C3 zu.

Inwiefern all das am Samstag und Sonntag noch Gültigkeit besitzt, ist fraglich. Die Wetterprognose sagt für das Qualifying nur noch 21 Grad Celsius Außentemperatur vorher. Zusammen mit der erwarteten Wolkendecke werden die Asphalttemperaturen kaum noch mit den Werten aus dem Training vergleichbar sein. Auch für Sonntag ist von Hitze keine Spur zu sehen.

"Bei kühleren Bedingungen werden wir von den Teams wahrscheinlich Einstopp-Strategien sehen", prognostiziert Isola. Woran die Temperaturunterschiede allerdings nichts ändern werden, ist die Beanspruchung der Reifen, welche für die Taktik maßgeblich ist..

Der Silverstone Circuit ist mit seinen schnellen Kurven kein Kurs, der hohe Anforderungen an die Traktion stellt und die Hinterreifen frisst. "Die Abnutzung der Vorderreifen wird für die Strategie am Sonntag der entscheidende Faktor sein", erklärt Isola gegenüber Motorsport-Magazin.com.

Formel 1, Silverstone-Training: Longruns auf Hard-Reifen

Fahrer Ø Rundenzeit Rückstand Reifenalter
Lewis Hamilton 1:32.360 15 Runden
Lance Stroll 1:33.054 + 0.695 14 Runden
Nico Hülkenberg 1:33.328 + 0.968 15 Runden

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