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Formel 1 2020: Mercedes rechtfertigt Reverse-Grid-Verweigerung

Die Formel 1 streitet sich über neue Rennformate in der Krisensaison 2020. Mercedes blockt Reverse Grid. Red Bull kritisiert, Wolff verteidigt.
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - 2020 wird für die Formel 1 wegen der Coronavirus-Krise auf jeden Fall ein ungewöhnliches Jahr werden. Darin sehen viele aber eine Chance für Experimente, und so kam am letzten Freitag der Vorschlag, das Qualifying bei ein paar Rennen durch ein Qualifying-Rennen zu ersetzen. Dabei würde ein Reverse-Grid-Format zum Einsatz kommen, bei dem die Fahrer in umgekehrter WM-Reihenfolge starten würden.

Ein Beispiel: Führt Lewis Hamilton nach Rennen eins die WM an, und George Russell ist Letzter, so würde Russell am Samstag des zweiten Spielberg-GPs bei einem Quali-Rennen von der Pole starten, Hamilton von P20. Das Ergebnis dieses Quali-Rennens würde die Startaufstellung für den Sonntag festlegen, an dem es dann WM-Punkte gibt.

Nachdem sowohl in Spielberg als auch in Silverstone an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden gefahren werden soll, erschien das vielen als ideale Gelegenheit für Experimente. Nicht aber Mercedes. Die Weltmeister legten sich quer, und da so eine Änderung so kurz vor dem Start Einstimmigkeit der Teams benötigt, dürfte sie nun vom Tisch sein.

Red Bull kritisiert Mercedes: Angst um Hamiltons WM

Als Christian Horner kurz darauf zum Interview bei Sky UK antrat, konnte er sich eine Spitze in Richtung Mercedes-Teamchef Toto Wolff nicht verkneifen: "Es schien überwältigende Unterstützung zu geben. Die einzige Person, die nicht besonders begeistert schien, war Toto. Weil er dachte, das würde Lewis' Jagd auf die siebte Weltmeisterschaft beeinflussen, und dass es eine zu große Variable wäre."

Horner stellte sich indessen klar hinter die Idee: "Ich glaube, das wäre etwas sehr Unterhaltsames für die Fans, etwas Positives für die Formel 1 und ein Versuch, vor dem wir wirklich keine Angst haben sollten." Angst, so Horner, sollte man eher davor haben, dass zwei Rennen auf der gleichen Rennstrecke auch beide Male das gleiche Ergebnis produzieren.

Mercedes verteidigt: Angst vor Missbrauch, kein Fan-Interesse

Laut Mercedes-Teamchef Toto Wolff sind die Gründe für die Verweigerung aber keine Sorgen um die WM, sondern gleich mehrere andere Gründe. Zuerst einmal: "Ich glaube, die Formel 1 ist eine Leistungsgesellschaft. Der beste Fahrer im besten Auto gewinnt. Wir brauchen kein Gimmick, um das Feld umzudrehen und aufregendere Rennen zu erzeugen."

"Zweitens weiß ich aus dem Tourenwagensport, dass Strategien sehr hilfreich werden, wenn ein Rennen praktisch die Startaufstellung des nächsten festlegt", so Wolff. "Stellt euch vor, ein Fahrer ist am ersten Sonntags-Rennen in Spielberg schlecht unterwegs, stellt das Auto ab - dieses Auto würde im Quali-Rennen von ganz vorne starten. Wenn dieses Auto im Quali-Rennen unter Mittelfeld-Teams unterwegs ist, wird es garantiert die Sonntags-Pole holen und das Rennen gewinnen."

Das Formel-1-Mittelfeld ist beim Start ein gefährlicher Platz - Foto: LAT Images

Natürlich nur ein Problem zu Saisonbeginn - je weiter die Saison fortschreitet, desto klarer wird das WM-Bild. Wolff warnt aber auch: "Da wird es Autos in der Mitte geben, die so viel wie möglich blocken, und daher wird es für die von hinten kommenden schnellen Autos ein höheres Ausfalls-Risiko sein, was die WM beeinflussen könnte."

"Und dann, von einem reinen Leistungs-Standpunkt wird der mit dem schnellsten Auto - nicht unbedingt wir - gegenüber des zweit- und drittschnellsten Teams bestraft, weil die einfach weiter vorne starten würden", so Wolff schließlich. "Und wie wir wissen sind die Unterschiede oft nicht groß, daher ist es ein etwas opportunistischer Move, um solchen Teams einen Vorteil zu geben."

Formel 1 untersucht weiter: Wollen keine Gimmicks

"Wir haben gesagt, jetzt ist nicht die Zeit für Experimente, die nicht einmal die Unterstützung der Formel-1-Fans haben", schließt Wolff. "Weil in einer Umfrage hatten nur 15 Prozent Interesse an Reverse Grid bekundet."

Formel-1-CEO Chase Carey kündigte nach der Zurückweisung währenddessen auf 'F1.com' an, dass trotz der späten Stunde - nur ein Monat bis zum Saisonstart verbleiben - weiterhin neue Formate in Betracht gezogen werden: "Bis zu einem gewissen Grad gibt uns diese einzigartige Saison mehr Chancen, um etwas zu testen, das wir sonst nicht machen würden ohne den Glauben, dass es die Rennen bereichern würde."

Auch Carey sagt: "Wir wollen sicherstellen, dass es keine Gimmicks sind. Es ist ein großartiger Sport mit großartiger Geschichte, mit Helden, Stars, unglaublich talentierten Fahrern und anderen Persönlichkeiten. Also wollen wir das alles respektieren. Aber deshalb wollen wir keine Chancen auf Änderungen ignorieren."


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