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Formel 1

Formel 1: Die große Motorenstrafen-Analyse 2019

In der Formel 1 kamen 2019 nur zwei Fahrer ohne Motorstrafen durch. Hier werden die Power-Unit-Leistungen aufgeschlüsselt: Ferrari die Besten?
von Markus Steinrisser

Motorsport-Magazin.com - Wie jedes Jahr standen 2019 wieder die Hybrid-Motoren der Formel 1 unter strenger Beobachtung. Wer hatte die stärkste, wer hatte die zuverlässigste Power Unit? Ferrari und Mercedes führen ihren Kampf um die Spitze auch in diesem Jahr weiter, während Honda und Renault weiter versuchen, ihre dort noch vorhandenen Lücken zu schließen.

2019 schickt sich Ferrari an, hier wieder ihre Titel zu verteidigen. Erneut schaffen sie die wenigsten Wechsel, und ihren Leistungs-Vorteil gegenüber Mercedes schienen sie im Qualifying sogar noch auszubauen. Doch gerade zum Saisonende hin wurde es im Kampf um die Motoren-Vorherrschaft spannend.

Allerdings war die Formel 1 an der Spitze 2019 wieder etwas weniger zuverlässig als noch im Vorjahr. Obwohl sich an den Regeln nichts änderte: Erneut waren drei Verbrennungsmotoren, drei Turbolader, drei MGU-Hs, zwei MGU-Ks, zwei Energiespeicher und zwei Kontrollelektronik-Einheiten erlaubt. Aber nur zwei Fahrer schafften es ohne das Überschreiten eines Limits durch die Saison.

Honda: Die taktischen Wechsler

Honda gehört zweifelsohne zu den großen Aufsteigern der Formel-1-Saison 2019. Im Schnitt liegen sie zwar noch immer zwei bis drei Komponenten über dem Soll, aber langsam scheinen sie es unter Kontrolle zu bekommen. Und vor allem scheint die Strategie des taktischen Wechselns aufzugehen, mit der die Japaner gleich vier Ausbaustufen brachten. Zwar bedeutete das bei nur zwei erlaubten Wechseln garantierte Strafen, aber der Fortschritt bei der Leistung scheint klar ersichtlich, und Mercedes fühlte sich schon eingeholt. Besonders, als Pierre Gasly in Brasilien das Dragrennen gegen Lewis Hamilton zur Ziellinie gewann.

In Brasilien lieferten sich Honda und Mercedes ein Dragrennen - Honda gewann - Foto: LAT Images

Damit mag Mercedes vielleicht etwas übertreiben - aber der Fortschritt hat Red Bull bewogen, den Vertrag zu verlängern. Fix ist, dass 2020 und 2021 zwei Red-Bull-Teams mit Honda am Start stehen werden. Obwohl die öffentlichkeitswirksamen Ziele verfehlt wurden. Fünf Siege erhofften sie sich, drei (Österreich, Deutschland, Brasilien) wurden es. Wenngleich sich das Team selbst oft Verantwortung aufbürdete, denn der RB15 war nicht immer das beste Chassis im Feld. Und Motorstrafen lagen oft daran, dass Honda neue Ausbaustufen brachte, und weniger an Defekten.

Red Bull liebt die Werksunterstützung, und die Fortschritte. "Mit jedem neuen Motor wurde es besser und besser", sagt Christian Horner. "Die Haltbarkeit war stark, wir hatten nur einen Ausfall nach einem mechanischen Defekt." Und vor allem: "In mehreren Bereichen ging es über die Erwartungen hinaus, die Zusammenarbeit mit Honda ist fantastisch." Die Stimmung ist gut, die Erwartungen für 2020 sind hoch.

Renault: Die 1000-PS-Anbeter

Renaults Hybrid-Triebwerke blieben 2019 Sorgenkinder. Die Franzosen waren gar die ersten, die einen Motor wechseln mussten. Carlos Sainz schaffte es nicht einmal durch den Australien-GP, und in Bahrain musste er schon einen neuen Verbrennungsmotor, Turbo, eine neue MGU-H und eine neue MGU-K einbauen.

Defekte gab es auch danach reichlich. Besonders dramatisch war das Doppel-Aus des Werksteams in Bahrain, als Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo innerhalb von wenigen Metern auf der Strecke liegen blieben. Während Honda also ihre Wechsel und Defekte einschränkte, stagnierte Renault im Zuverlässigkeits-Bereich. Auch im sechsten Hybrid-Jahr überschritt jeder Pilot das Motoren-Limit mindestens um eine Komponente.

In Bahrain rollten beide Renaults aus - Foto: LAT Images

Zumindest will Renault bei der Leistung Fortschritte gemacht haben. Medial wurde gerne die so PR-wirksame 1000-PS-Marke kolportiert, dafür ernteten sie etwa von Max Verstappen Hohn: "Dann haben sie aber ein richtig schlechtes Auto!" Tatsache ist aber: Auf den Highspeed-Strecken waren Renault-Fahrer nicht mehr im Nachteil, in Monza dominierten Ricciardo und Hülkenberg gar das Mittelfeld. In Spa hätte das Kunde Lando Norris getan, rollte aber natürlich in der letzten Runde mit Defekt aus.

Das Werk mag diesen Fortschritten vertrauen - der Kunde tut es eher nicht. McLarens Vertrag läuft aus, und sie nehmen ihren Hut und docken 2021 bei Mercedes an. "In Wahrheit sind sie alle eng beieinander", gibt sich McLaren-Boss Zak Brown diplomatisch, lobt dann gleich im Anschluss Mercedes: "Ihr Motor ist ein kompaktes Paket, damit kannst du das Rennauto verbessern, und er ist der zuverlässigste in dieser Periode. Diese Faktoren haben uns dazu bewogen, mit ihnen weiterzumachen."

Ferrari: Kaputter Kleinkram und Betrugsverdacht

Ferrari krönt sich auch 2019 zu den Königen der Zuverlässigkeit in der Formel 1. Zumindest nach absoluten Zahlen - nur drei Verbrennungsmotoren über dem Limit, nur ein Turbo, nur eine MGU-H. Damit stechen sie Mercedes deutlich aus. Eine fast optimale Bilanz, wenn da nicht eine die Statistik schwärzende Kontroll-Elektronik wäre. Eine Komponente, die eigentlich nicht für ihre Anfälligkeit bekannt ist, ging 2019 gleich mehrmals kaputt.

Die erste Version der Kontroll-Elektronik war es, die Probleme machte. In China mussten sie schon wechseln, nach einem Defekt in Bahrain, der Charles Leclerc den Sieg kostete. Sonst hielten sich aber große Motorschäden in Grenzen. Nur an den Alfas von Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi ging etwas kaputt, und natürlich verlor Charles Leclerc im vorletzten Rennen einen Verbrennungsmotor.

Vettels Sotschi-Ausfall kostete Ferrari publikumswirksam den Sieg - Foto: LAT Images

Größere Probleme machten Ferrari eher die kleinen Schäden. In Österreich warf Vettel eine kaputte Druckluft-Leitung aus dem Qualifying, in Hockenheim mussten er und Leclerc nach kleinen Defekten im Qualifying zusehen, und in Sotschi kostete ein Hybrid-Defekt an Vettels Auto eine Doppelführung. War Ferrari im Großen und Ganzen zuverlässig, so sorgten diese just in ungünstigen Momenten auftretenden Defekte für eine schiefe Optik.

Leistungstechnisch kann man der Scuderia nichts nachsagen, sie bauten ihren Vorsprung hier im Vergleich zum Vorjahr noch aus. Sehr zum Leidwesen der Gegner, die kurz vor Saisonende damit begannen, ein Betrugsnarrativ in die Welt zu setzen. Ferrari wurden Tricks bei der Benzinzufuhr unterstellt, es soll mehr Treibstoff als erlaubt verbrannt worden sein. Nach Saisonende dürfte die Geschichte aber im Sand verlaufen. Proteste gab es nie, und die FIA hat mit Regel-Klarstellungen die Schlupflöcher geschlossen. Beweise für Betrug gab es genauso wenige, auch von einer FIA-Untersuchung nach Brasilien drang nichts nach außen.

Mercedes: Solide, aber nicht die Klassenbesten?

Mercedes wollte sich über ihre Motoren 2019 so ganz und gar nicht freuen. Jeder im Team war sich sicher, dass Ferrari hier nun endgültig die Oberhand hatte, und dass im Winter viel Arbeit notwendig ist, um die hier aufgegangene Lücke wieder zu schließen. Ferrari ist in ihren Augen vorne, und Honda und Renault drohen sie einzuholen.

Praktisch ist am Mercedes-Motor abgesehen vom Defizit zu Ferrari aber kaum etwas auszusetzen. Obwohl es bei der Zuverlässigkeit 2019 nicht mehr ganz so gut aussah wie 2018. Bei Racing Point gingen zwei Mal - einmal in Kanada, einmal in Belgien - neue Ausbaustufen noch am ersten Wochenende kaputt. Im Werksteam schaffte man es aber fast unbefleckt in die Winterpause. Bis sich Valtteri Bottas' Motor in Brasilien auflöste. Als das Team in Abu Dhabi erneut Unstimmigkeiten mit dem vierten Motor feststellte, wechselte man gleich noch einmal.

Damit ist die Statistik etwas verzerrt. Was ebenfalls verzerrt: Lance Stroll fuhr das ganze Jahr mit einem einzigen Energiespeicher und einer einzigen Kontroll-Elektronik, obwohl zwei erlaubt sind. Damit bilanzieren sie über alle Teams hinweg bei diesen beiden Punkten mit null - obwohl George Russell im Williams bei beiden das Limit überschritt.

Große Sorgen um die Zuverlässigkeit muss sich Mercedes also nach 2019 keine machen. Aber eines ist sicher: Die bisherigen Platzhirsche der Hybridära sind nicht mehr die Nummer eins. Und das werden sie kaum auf sich sitzen lassen. "Ich glaube, wir müssen uns alle Motorbereiche anschauen", kündigte Teamchef Toto Wolff bereits an. "Ob es da eine Innovation gab, die wir erkennen hätten sollen."


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