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Nicolas Todt: Schlechte Fahrer kann ich mir nicht leisten

Unser Rückblick auf die Highlights unserer Printausgabe 2019. Heute: Nicolas Todt im Interview über ART Grand Prix, Fahrer und Manager.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Sohn von... nein, genau das will Nicolas Todt nicht sein. Der 42-Jährige zog los und machte sich seinen eigenen Namen in der Welt des Motorsports, gründete eines der erfolgreichsten Nachwuchsteams und brachte einige der größten Talente der Gegenwart in die Formel 1. Mit Motorsport-Magazin.comspricht einer der mächtigsten Formel-1-Manager über seinen Schützling Charles Leclerc, über Mick Schumacher und vor allem über Geld.

Motorsport-Magazin.com: Nicolas, Du hast heute regelrecht ein kleines Motorsport-Imperium. Wie hat das alles begonnen?
Nicolas Todt: Wie viele andere habe ich zunächst einmal in Frankreich studiert. Ich habe dort die Wirtschaftshochschule besucht und als ich damit fertig war, habe ich meine eigene Agentur im Internet gestartet. Wir haben viel im Motorsport gemacht, haben Websites für Fahrer und Sponsoren erstellt und betreut. Das war eine gute Gelegenheit für mich, zu reisen, Rennen zu besuchen und Leute zu treffen. Ich war immer ein großer Motorsport-Fan, natürlich mochte ich, was mein Dad gemacht hat. Und ich hatte das Privileg, ihm sehr oft zu Rennen zu begleiten, als er bei Peugeot und dann bei Ferrari war.

Dabei habe ich eines Tages Felipe Massa getroffen. Es war 2003, also ein Jahr bevor er zu Sauber zurückgekehrt ist. Wir wurden sehr gute Freunde und eines Tages hat er mir gesagt: 'Hör zu, wir sind ungefähr in einem Alter, du hast zwar noch nie im Motorsport gearbeitet, aber du kennst dich ziemlich gut aus. Ich brauche jemanden, der mir dabei hilft, meine Chancen auf ein Formel-1-Comeback zu erhöhen.' Um ehrlich zu sein, hatte ich nie darüber nachgedacht, diesen Job zu machen. Ich wusste, dass er ein sehr schneller Fahrer ist, der nur etwas zu oft abfliegt. Aber es ist besser, schnell zu sein und Fehler zu machen, als umgekehrt. Ich habe das als sehr gute Chance gesehen. Und ich mochte auch die Person, seinen Charakter sehr gerne. Ich habe gesagt: 'Danke für die Möglichkeit, lass uns beginnen!' Es hat damit begonnen, dass Felipe 2004 mit Sauber zurückgekommen ist. Nach einem Jahr habe ich mir selbst gesagt - obwohl ich das, was ich machte - sehr gerne mochte: Felipe ist schon in der Formel 1. Wenn meine Firma, mein Fahrer-Management Business in Zukunft wachsen soll, dann muss ich versuchen, jüngere Talente zu finden.

Formel 1 Q&A: Wie gut ist Max Verstappen wirklich?: (26:00 Min.)

Wie ging es dann weiter?
Nicolas Todt: Zur gleichen Zeit hat Flavio Briatore zusammen mit Bernie Ecclestone die GP2 eingeführt. Mitten in einer Konversation sagte er zu mir: 'Warum machst du kein Team?' Er mag es, Leute herauszufordern. Nach der Diskussion, dir wir hatten, dachte ich mir: Es macht eigentlich eine Menge Sinn, ein eigenes Team zu haben. Denn dann habe ich die Möglichkeit, die Fahrer noch genauer zu sehen. Zu dieser Zeit wollte ich mein Team gründen, aber ich wusste auch, dass die Leute aufgrund meines Namens sehr genau hinschauen werden, was ich da mache. Ich musste es gut machen. Wenn ich etwas mache, muss ich es gut machen, sonst mache ich es nicht. Damals hatte ich keinerlei Erfahrung als Teammanager. Das ist ein richtiger Job! Also habe ich mich umgesehen und habe verschiedene Leute getroffen.

Ich bin dann eine Partnerschaft mit Frederic Vasseur eingegangen und wir haben ART gegründet. Er war mit ASM sehr erfolgreich in der Formel 3 und ich wusste, dass er in die Formel 2 wollte, aber das Geld dafür nicht hatte. Ich hatte einige Sponsoren dabei, also habe ich gesagt: Lass uns das gemeinsam machen in einer sehr guten Partnerschaft. So haben wir 2005 ART gegründet. Vor einem Jahr habe ich aber alle meine Anteile daran verkauft. Fred und ich haben ART gegründet. Dann stieg der Kronprinz von Bahrain ein, der auch bei McLaren involviert ist. Eines Tages habe ich mich dann dazu entschieden, zu gehen und sie haben meine Anteile gekauft. Jetzt gehört es den beiden.

Todt baute besondere Beziehung zu Massa auf

War die Gründung Deines Rennstalls, der zu einem der erfolgreichsten Teams überhaupt wurde, die wichtigste Entscheidung in Deiner Karriere?
Nein, für mich ist es nicht so wichtig wie die Entscheidung, ins Fahrermanagement einzusteigen. Denn du kannst auch ohne Team Fahrer managen. Aber sicherlich war es eine Hilfe für mich, um die Branche zu verstehen und viele Kontakte zu knüpfen. Wenn du einen jungen Fahrer unter Vertrag nehmen willst und ihn überzeugen musst, dann hilft es, ein Team an deiner Seite zu haben, das erfolgreich ist. Aber es ist nicht unbedingt notwendig.

Nicolas Todt brachte Charles Leclerc zu Ferrari - Foto: Sutton

Dann hattest Du ein Team, aber zunächst noch immer nur Felipe. Wie ging es weiter?
Nicolas Todt: Ich habe die Beziehung zu Felipe geliebt. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, einen Fahrer mein ganzes Leben lang zu managen. Ich musste ja auch meine Zukunft vorbereiten. Wenn ich nur Fahrer manage, die 25 oder 26 Jahre alt sind, dann heißt es, sie sind nicht gut genug. Ich muss die nächsten Superstars finden, die nächsten Schumachers, Vettels und Hamiltons. Also habe ich damit begonnen, mich in den jüngeren Kategorien umzusehen, vor allem im Kartsport. Der erste Fahrer, den ich dort unter Vertrag genommen habe, war Jules Bianchi. Dank ihm habe ich dann Charles [Leclerc] getroffen.

Felipe hat 2006 den Sprung von Sauber zu Ferrari geschafft. Dein Vater Jean war damals Teamchef. Es gab viele kritische Stimmen, es sei Vetternwirtschaft.
Nicolas Todt: Leute sind immer kritisch. Aber die Sache, auf die ich am meisten stolz bin, ist Charles. Dass er den Schritt zu Ferrari geschafft hat. Ich habe Charles mit 14 unter Vertrag genommen. Er hätte mit dem Kartfahren aufhören müssen, weil er kein Geld mehr hatte. Ich habe mich dazu entschieden, ihm zu helfen. Ich habe ihn vor ein paar Jahren Ferrari vorgestellt und heute fährt er dort. Und wir können nicht sagen, dass er heute einfach so bei Ferrari ist. Er ist dort, weil wir den Job gemacht haben. Wenn die Leute das damals einfach über Felipe gesagt haben, weil mein Vater Entscheider war: Aber es gab auch einen Präsidenten, das war Luca di Montezemolo. Sie hätten nie einen Fahrer genommen, wenn sie nicht an ihn geglaubt hätten. Sie nehmen nicht einen Fahrer, um mich zufriedenzustellen.

Für mich ist jemand wie Charles der beste Beweis, mein größter Stolz. Dass er zu Ferrari gegangen ist und dort abliefert. Wir haben so früh damit begonnen und das mag ich an meinem Job. Ich habe erst vor sechs Monaten einen Fahrer unter Vertrag genommen, von dem ich glaube, dass er eine sehr große Karriere vor sich hat. Sein Name ist Gabriele Mini. Er hat das letzte Rennen der europäischen Kartmeisterschaft in Le Mans gewonnen, er ist Zweiter in der Gesamtwertung und ich glaube, er wird sehr gut. Mich begeistert es, zukünftige Stars zu finden und ihnen zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen.

Verstappens schneller Aufstieg ist eine Ausnahme

In welche Richtung läuft das normalerweise. Siehst Du einen super talentierten Jungen und sprichst ihn an oder kommen sie zu Dir?
Nicolas Todt: Es funktioniert in beide Richtungen. Manchmal kommen sie und wollen mich sehen, manchmal komme ich. Aber es ist sehr wichtig, den richtigen Kandidaten auszuwählen. Heute sprechen wir alle über Max [Verstappen], Charles [Leclerc], Esteban [Ocon] und Pierre [Gasly]. Wir haben schon vor acht Jahren über sie gesprochen. Es gibt keine Wunder. Natürlich kann man jemanden vorbereiten und am Talent arbeiten, aber wenn man Talent hat, wenn man begabt ist, dann ist es ein Plus. Dann musst du smart sein, die richtigen Leute um dich herum haben und die richtigen Entscheidungen in der Karriere treffen. Was Max aus dem Kartsport heraus direkt in die Formel 3 und anschließend in die Formel 1 erreicht hat, ist eine Ausnahme. Das ist nicht der Standard-Weg. Mein Weg ist es deshalb auch, die richtige Strategie für die Fahrer zu haben. Man muss sie in die richtige Serie und in ein gutes Team stecken. Das ist interessant.

Ich kann es mir nicht leisten, einen guten Fahrer zu finden, der dann - bei allem Respekt - in der WEC oder der Formel E landet.
Nicolas Todt

Hältst Du alleine Ausschau nach Talenten oder hast Du Scouts?
Nicolas Todt: Ich besitze mit Birel eine Kartfirma. Wir sind bei allen großen internationalen Rennen vertreten. Dieses Team hilft mir schon dabei, gute Talente zu finden. Meine Leute erzählen mir dann: 'Dieser eine Junge da ist sehr gut'. Mein Job ist es aber nicht, einen guten Fahrer zu finden. Mein Job ist es, einen fantastischen Fahrer zu finden. Die Formel 1 ist die selektivste Rennserie der Welt. Es gibt auch großartige Fahrer, die es nicht in die Formel 1 geschafft haben. Du musst in einen jungen Fahrer so viel Geld investieren. Es läppert sich, wenn du alle Nachwuchsserien bezahlst: Kart, Formel 4, Formel 3, Formel 2... Das ist ein großes Investment. Wenn du das zurückwillst, brauchst du jemanden, der viel Geld verdient. Und in der Formel 1 hast du fünf oder sechs Fahrer, die ein großartiges Gehalt haben und das ist es. Ich kann es mir nicht leisten, einen guten Fahrer zu finden, der dann - bei allem Respekt - in der WEC oder der Formel E landet. Es ist sehr schwierig. Ich muss nicht einen guten Fahrer finden, ich muss jemanden finden, der besonders ist.

Was sagst Du jemandem, von dem Du glaubst, er könnte besonders sein, aber kein Geld hat?
Nicolas Todt: Ich investiere in ihn.

Nicolas Todt hat das ART-Team gegründet - Foto: Sutton

Du packst Dein eigenes Geld aus und bezahlst für ihn? Das klingt ganz schön riskant.
Nicolas Todt: Ja, ich bin der einzige Manager, der es so macht. Das ist meine Besonderheit. Es ist einfach zu sagen: Du musst dies tun, du musst jenes tun. Solange es nicht dein eigenes Geld ist, kannst du Ratschläge erteilen. Du kannst sagen: 'Kauf dieses Haus'. Aber sagst du: 'Kauf dieses Haus, wir machen 50/50?' Dann ist es eine ganz andere Sache. Wenn ich an jemanden glaube, dann investiere ich. Natürlich versuche ich dann auch, Sponsoren zu finden, die mir helfen. Aber wenn ich keine Sponsoren finde, bin ich derjenige, der investieren muss. Das habe ich bei Jules gemacht, das habe ich mit Charles gemacht und das mache ich mit Fahrern, von denen ich glaube, dass sie besonders sind. Das kann auch ein Fehler sein. Ich muss mir wirklich so sicher wie möglich sein, dass meine Wahl richtig ist. Aber du kannst nicht nur gute Entscheidungen treffen. Schon mathematisch gesehen geht das nicht. Sieh dir Red Bull an: Die hatten in der Vergangenheit 15 Fahrer. Von den 15 sind vielleicht zwei oder drei heute in der Formel 1. Auf dem Weg triffst du auch schlechte Entscheidungen. Und ich kann es mir nicht erlauben, 15 Fahrer zu haben, weil ich das Budget dafür nicht habe. Ich nehme also ein oder zwei Fahrer und hoffe, dass meine Wahl richtig war.

Saison in der Formel 2 kostet zwei Millionen Euro

Wie viel Geld muss man vom Kart bis in die Formel 1 investieren?
Nicolas Todt: Je besser sie sind, desto weniger teuer ist es. Wenn du sehr gut bist, dann wollen dich die Teams. Dann musst du weniger Geld bezahlen. Und wenn du sehr gut bist, dann musst du nicht zwei Saisons in der Formel Renault und so weiter verbringen. Je besser du bist, desto weniger musst du ausgeben. Aber selbst im besten Fall braucht man ein paar Millionen Euro. Zwischen drei und fünf Millionen würde ich sagen. Eine Formel-2-Saison kostet schon zwei Millionen - eine Saison! Und es gibt Fahrer, die dort vier Saisons fahren. Vier Saison à zwei Millionen sind schon acht Millionen Euro. Das kann ich mir nicht leisten. Ich kann also keinen Fahrer haben, der vier Jahre in der Formel 2 fährt. Und wenn du vier Jahre in der Formel 2 fährst, wirst du niemals ein Champion. Alle Topleute heute haben ein, maximal zwei Jahre gebraucht.

Sehr oft sagen wir, dass die Formel 1 nicht fair sei und es zu viel um Geld geht. Du musst reich sein, um dort zu sein.
Nicolas Todt

Als Du 2005 mit ART in der GP2 begonnen hast, wie teuer war es damals?
Nicolas Todt: Im ersten Jahr der GP2 fuhr Nico Rosberg bei uns. Im zweiten Jahr Lewis Hamilton. Damals hat eine Saison ungefähr eine Millionen Euro gekostet. Teuer, aber die Hälfte von heute. Das ist verrückt, für normale Leute unmöglich. Du brauchst richtig große Sponsoren hinter dir, eine sehr reiche Familie oder du musst besonders sein und einer Young Driver Academy angehören wie von Ferrari, Renault, Red Bull, Mercedes oder einen Investor wie mir. Aber ich bin aktiver Investor, ich bin kein stiller Teilhaber.

Glaubst Du, dass die besten und talentiertesten Leute vielleicht gar nicht im Motorsport sind, weil sie sich nicht einmal den Start leisten können?
Nicolas Todt: Sehr oft sagen wir, dass die Formel 1 nicht fair sei und es zu viel um Geld geht. Du musst reich sein, um dort zu sein. Manchmal stimmt das, du hast ein paar Fahrer, die nicht nur wegen ihrer Leistung hier sind. Aber andersrum: Nenne mir einen Fahrer, der heute nicht in der Formel 1 ist, der aber da sein sollte und sicher Rennen gewinnen würde. Ich kenne niemanden.

In der DTM wird häufig diskutiert, ob Marco Wittmann oder Rene Rast Formel-1-Potential haben.
Nicolas Todt: Ich erinnere mich an Marco Wittmann, der in der Formel 3 von Willi Weber gemanagt wurde. Er hätte es wohl schaffen können, aber es gibt keine Garantie. Nico Müller beispielsweise auch, viele Fahrer könnten. Aber wenn er alles gewonnen hätte, was er gemacht hat... Der einzige Junge, der alles gewonnen hat und nicht in der Formel 1 ist, ist Robin Frijns. Ich kenne ihn gut, er hat Jules Bianchi in der World Series vor acht Jahren berührt und deshalb hat Jules den Titel verloren. Aber die meisten Fahrer, die etwas Fantastisches in Nachwuchsserien gezeigt haben, sind heute in der Formel 1.

Marco Wittmann bestritt einen Test für Toro Rosso - Foto: Sutton

Warum ist Robin Frijns nicht hier? Weil er menschlich manchmal etwas schwierig war?
Nicolas Todt: Ich will das nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass er ein paar Statements gemacht hat, die nicht sehr smart waren. Er hat zu Red Bull nein gesagt. Vielleicht hatte die Art und Weise, wie er sich manchmal benommen hat, Auswirkungen auf seine Karriere. Und er hat die falschen Entscheidungen getroffen. Er ist sicherlich ein Fragezeichen. Aber ich freue mich, wie er in der Formel E und in der DTM zurückkommt. Es gibt nicht nur die Formel 1. Du kannst auch in der WEC oder in der Formel E eine gute Karriere machen. Die Formel 1 ist die Königsklasse.

Das vergessen wir in unserer Blase hier im Fahrerlager ganz gerne...
Nicolas Todt: Genau. Es ist sehr schwierig, seinen Lebensunterhalt mit Motorsport zu verdienen.

Kvyat bildet die Ausnahme in Todts Portfolio

Du meintest, Du hältst nach ganz jungen Fahrern Ausschau. Mit Daniil Kvyat hast Du etwas anderes gemacht.
Nicolas Todt: Ja, manchmal mache ich das. Ich versuche, in ganz junge Talente zu investieren. Aber manchmal versuche ich auch, Fahrern zu helfen, die bereits im Business sind. Wenn ich ein Talent sehe, das Unterstützung und meine Hilfe braucht, dann freue ich mich, wenn ich helfen kann. Daniil habe ich bereits vor zehn Jahren im Kartsport getroffen. Er ist jemand, den ich sehr schätze. Er kam vielleicht etwas zu früh in ein Topteam, war vielleicht nicht gut genug vorbereitet. Manchmal tut das weh, denn die Leute erwarten, dass du sofort konkurrenzfähig bist. Sie geben dir nicht viel Zeit. Das war wohl bei ihm der Fall.

Es ist sehr schwierig in der Formel 1, eine zweite Chance zu bekommen. Felipe Massa hatte eine. Ich habe ihm dabei geholfen. Wer weiß, vielleicht wäre er ohne diese zweite Chance in Brasilien Rennen gefahren. Und dank dieser zweiten Chance ist er 15 Jahre in der Formel 1 gefahren. Du brauchst auch ein bisschen Glück, wie immer. Wie bei einem Fußballspieler: Wenn er nicht das richtige Team wählt, dann verläuft seine Karriere vielleicht komplett anders. Das ist, was bei Felipe passiert ist. Dank Toro Rosso und Red Bull hat Daniil eine zweite Chance und ich hoffe, dass sie ihm viele Jahre als erfolgreicher Formel-1-Fahrer ermöglicht.

Daniil Kvyat gehört zu den Schützlingen von Nicolas Todt - Foto: LAT Images

Ich kümmere mich nicht nur um junge Fahrer. Das ist mein Fokus, aber wenn ich jemandem helfen kann, der eine zweite Chance braucht, bin ich auch da. Wie bei Jose Maria Lopez. Er war damals der beste Tourenwagenfahrer. Hat die WTTC neben Muller und Loeb auf fantastische Art und Weise gewonnen. Ich habe mir gesagt: Dieser Junge sollte mehr machen. Natürlich nicht Formel 1, weil er schon zu alt war, aber er konnte in anderen Serien fahren. Also habe ich Toyota überredet, ihm einen LMP1-Test zu geben. Das haben sie gemacht, er hat sich gut angestellt und jetzt fährt er seit vielen Jahren für Toyota in der LMP1. Das begeistert mich. Jemanden zu sehen, ein großes Talent, vielleicht ein bisschen älter, der mehr aus sich machen sollte, als er macht. Wie ein Robin Frijns. Wenn er GT fährt, sage ich, er soll mindestens LMP1 fahren. Ich versuche, das Maximum herauszuholen und ihn maximal upzugraden. Ich habe aktuell einen Fahrer, der GT fährt und pushe hart, ihn in die Formel E zu bringen. Denn wenn ich sehe, was er macht und in der Vergangenheit erreicht hat, dann weiß ich, dass er das Niveau hat, um in der Formel E zu fahren.

Die Formel E bietet Fahrern eine Chance, ein Einkommen zu haben

Die Formel E klingt nach einer interessanten Rennserie, weil dort das Geld liegt.
Nicolas Todt: Es gibt sehr wenige Fahrer in Europa, die Geld, respektive ihren Lebensunterhalt mit Motorsport verdienen. In der WEC schaffen das alle LMP1-Fahrer, also recht wenige und die besten GT-Fahrer. 15 Fahrer werden dort vielleicht bezahlt. Die anderen müssen Geld finden und werden nicht bezahlt. Im Fußball werden tausende Spieler rund um den Globus bezahlt. Motorsport ist sehr schwierig. Zumindest gibt es durch die Formel E eine neue Möglichkeit für Fahrer, um ein Einkommen zu haben.

Viele erzählen vom tollen Sport in der Formel E. Aber ist es auch das Geld, das die Fahrer anzieht?
Nicolas Todt: Absolut. Die Formel E zieht viele Fahrer an, weil es eine sehr ernstzunehmende Serie ist. Das Level ist sehr hoch, vielleicht nicht so hoch wie in der Formel 1, aber sehr hoch. Die Hälfte der Fahrer war in der Formel 1: Wehrlein, Buemi, Vergne, di Grassi... Das Niveau ist sehr hoch. Die Tatsache, dass Hersteller dahinterstehen, gibt den Fahrern das Vertrauen, dass es die richtige Serie ist. Wenn du dann noch bezahlt wirst, ist es ein Extra.

Wenn du schon in der Formel 1 angekommen und ein guter Fahrer bist: Brauchst du dann einen Manager?
Nicolas Todt: Viele Fahrer wollen das verhindern. Sie wollen niemanden bezahlen und alles selbst machen. Aber ich glaube, dass es besser ist, einen zu haben. Denn das, was sie dem Manager bezahlen, ist weniger als das, was er für sie herausholt.

Sie haben so viel Druck. Und in meinen Augen ist ein Fahrer da, um zu fahren. Darauf muss er sich konzentrieren. Nicht auf Verträge, Gerüchte und so weiter. Er muss mit seinem Kopf komplett auf das Fahren fokussiert sein. Dazu musst du deinem Manager natürlich vertrauen, du brauchst eine gute Beziehung zu ihm. Man muss ein Team sein. Ich bin sehr glücklich, dass ich mit vielen Fahrern seit Jahren arbeite.

Und in meinen Augen ist ein Fahrer da, um zu fahren. Darauf muss er sich konzentrieren. Nicht auf Verträge, Gerüchte und so weiter.
Nicolas Todt

Ein weiterer Grund, warum ich schon mit sehr jungen Fahrern arbeite, ist, dass sie die Konkurrenz nicht unter Vertrag nimmt. Aber auch, um eine Beziehung herzustellen. Ein Fahrer, dem du geholfen hast, seit er 14 ist, ist dankbar. Wenn du jemanden managst, der bereits erfolgreich ist, dann sagt er sich: 'Okay, er ist hier, weil ich erfolgreich bin.' Aber Charles versteht das, er weiß, dass ich da war, als er ein Niemand war. Es ist gut zu wissen, dass derjenige, der mir hilft, vom ersten Moment an auch an mich geglaubt hat. Wenn du oben bist, hast du viele Freunde. Heute hat er mehr Freunde als mit 14. Und er wird noch mehr Freunde haben, wenn er Weltmeister ist. Und ich hoffe, das passiert bald. So ist das Leben.

Manche Leute sagen, Du bist zu einflussreich. Dein Vater ist nicht mehr bei Ferrari, aber dafür FIA Präsident. Du hast viele Fahrer unter Vertrag, hast eine Kartmarke und hattest bis vor kurzem noch ein erfolgreiches Nachwuchsteam.
Nicolas Todt: Ich habe in der Formel 1 zwei von 20 Fahrern. Das ist nicht so viel. Um ehrlich zu sein: Wenn ich versuche, ein Team von einem Fahrer zu überzeugen, dann ist es, weil ich an ihn glaube. Bin ich zu einflussreich? Ich glaube nicht, dass irgendein Team einen Fahrer deswegen genommen hat. Ich glaube, mein Vater kennt nicht einmal all die Fahrer, die ich manage. Charles ist bei Ferrari, weil er auf der Strecke abliefert. Das kann man nicht bestreiten.

Nicolas Todt hält viel von Michael Schumacher

Einige Vettel-Fans meinen, es sei nicht gut für Sebastian, Charles im Team zu haben. Er wird von Dir gemanagt und Du wärst zu einflussreich bei Ferrari.
Nicolas Todt: Du kannst Ferrari fragen... Ich bin kein alter Mann, aber ich kenne die Formel 1 seit über 20 Jahren, ich bin eine lange Zeit hier. Ich versuche nicht, Probleme zu machen. Ich versuche, dort zu bleiben, wo ich hingehöre. Auf meiner Position. Natürlich, wenn es etwas zu diskutieren gibt, bin ich immer da, um meinen Fahrer zu unterstützen. Aber ich will nur sicherstellen, dass mein Fahrer in der besten Position ist. Dass nichts gegen ihn ist. Das ist alles.

Wer ist der talentierteste Fahrer, den Du je gesehen hast?
Nicolas Todt: Der eindrucksvollste Fahrer, den ich je getroffen habe, ist Michael [Schumacher]. Ich bin glücklich, ihn sehr gut zu kennen und ihn auch als Freund zu haben. Es ist das ganze Paket, das er repräsentiert: Nicht nur das Talent, sondern auch seine Arbeitsethik, niemals aufzugeben, seine ganze Einstellung. Ich erinnere mich, als Michael bei Ferrari war und Ferrari viele Probleme hatte. Er hat das Team immer unterstützt. Viele Fahrer hätten gesagt: Das Auto ist scheiße. Und er war sehr viele Jahre nah dran, den Titel zu gewinnen, hat ihn aber zunächst nicht gewonnen. Er hat trotzdem immer geholfen und das Team professionell unterstützt. Er war ein Leader.

Nicolas Todt pflegt eine besondere Beziehung zu Michael Schumacher - Foto: LAT Images

Im Auto schnell sein ist das eine. Aber Charisma und Führungsqualitäten zu haben, ist etwas anderes. Ich habe nur sehr wenige Leute wie ihn getroffen. Michael ist für mich ein Vorbild für alle Fahrer. Fitness war beispielsweise damals nicht so wichtig wie heute. Und er war hier Vorbild für die neue Generation.

Wie ist Deine Beziehung zu Mick Schumacher?
Nicolas Todt: Wir sind Freunde. Ich habe ihm letztes Jahr mit Ferrari geholfen, weil mich Corinna um Unterstützung bat. Das habe ich als Freund versucht. Ich bin nicht sein Manager. Wir sind in einer freundschaftlichen Beziehung und wenn er mich fragt, ob ich ihm helfe, tu ich das gerne. Aber da gibt es keine geschäftlichen Interessen.

Und wie schätzt Du den Rennfahrer Mick Schumacher ein?
Nicolas Todt: Es gibt große Erwartungen an ihn. Ihn mit seinem Vater zu vergleichen, wäre ein Fehler. Sein Vater ist der erfolgreichste Fahrer der Geschichte. Mick hat es bislang sehr gut gemacht. Er hat die Formel 3 letztes Jahr sehr gut gewonnen. Dieses Jahr ist es etwas schwierig, er hat ein bisschen Probleme. Aber für mich ist es ein Zweijahres-Programm. Als ich mit ihm letztes Jahr gesprochen habe, war der Plan recht klar: Ein Jahr, um zu lernen, ein Jahr, um zu gewinnen. Wir müssen ihm Zeit geben und hoffen, dass er in diesem Jahr ein paar Podien holt und nächstes Jahr um die Meisterschaft kämpft.

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