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Formel 1 Brasilien 2019: 7 Schlüsselfaktoren zum Rennen

Max Verstappen, Sebastian Vettel, Lewis Hamilton. Die Startaufstellung für das Formel-1-Rennen in Sao Paulo verspricht Spannung pur. Die Siegfaktoren.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Keine zwei Zehntel trennten die drei Top-Teams Red Bull, Ferrari und Mercedes im Qualifying zum Formel-1-Rennen in Sao Paulo 2019 (Start heute 18:10 Uhr, live im TV auf RTL, Sky sowie im Live-Stream F1 TV Pro). Somit könnte die Ausgangslage für den Brasilien GP mit Max Verstappen neben Sebastian Vettel in Reihe eins der Startaufstellung, gefolgt von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas in Reihe zwei, spannender kaum sein.

Einzig auf Charles Leclerc müssen wir verzichten. Der Monegasse qualifizierte sich zwar auf P4 zwischen den Mercedes, muss durch eine Motorenstrafe jedoch zurück au P14. Somit rückt Albon auf P5, mit Pierre Gasly steht daneben gleich der nächste Bolide mit Honda-Power.

Etwas überraschend komplettieren beide Haas (Romain Grosjean auf P7, Kevin Magnussen auf P9) zusammen mit dem Alfa von Kimi Räikkönen auf P8 und dem McLaren von Lando Norris auf P10 die Top-10 des Grids. Dessen Teamkollege Carlos Sainz startet wegen eines Motordefekts von ganz hinten. Nico Hülkenberg legt bei seinem wohl vorerst vorletzten F1-Rennen von P13 los.

2. - S wie Start

Mit nur 195 Metern bis zum ersten Bremspunkt ist der Sprint am Start des Brasilien GP so kurz wie kaum ein anderer im F1-Kalender. Das größte Alleinstellungsmerkmal ist jedoch, dass es zunächst leicht bergauf, dann für das Senna-S plötzlich wieder rapide herunter geht.

Kein Alleinstellungsmerkmal gibt es in Sao Paulo diesmal jedoch in Sachen Reifen. Die Spitzengruppe startet geschlossen auf Soft. Einzig Leclerc hatte sich auf Medium für Q3 qualifiziert - um so bei seiner Aufholjagd von P14 einen langen Startstint fahren zu können (s.u.).

Start in Brasilien: Erst hoch, dann runter - Foto: Sutton

Vorne allerdings fehlt somit das Momentum von Traktionsvorteilen oder Nachteilen. Alle starten mit den gleichen Waffen. Sebastian Vettel baut dennoch auf einen Positionsgewinn in den ersten Sekunden des Rennens.

"Der Schlüssel wird sein, einen guten Start zu haben und nach vorne zu kommen, um dann sicherstellen zu können, dass wir die Reifen richtig managen", sagt der Ferrari-Pilot, wohlwissend, dass er mit Verstappen sonst vielleicht nicht mithalten kann (s.u.).

Helfen könnte dabei zweierlei. Einmal, dass die Bullen 2019 bei den Starts alles andere als fest im Sattel sitzen. Zum Zweiten - natürlich - die berühmte Ferrari-Power. Verschwunden, das hat Sao Paulo bereits gelehrt, ist die Stärke der Scuderia auf diesem Gebiet mitnichten, FIA-Direktiven hin oder her.

3. - S wie Strategie

Wie von Vettel bereits erwähnt, kommt nach dem Start wie so oft allen voran auf das Reifenmanagement an. Gerade diesen Sonntag könnte es besonders diffizil werden - der Temperaturen sollen erheblich höher steigen als am Freitag während der Longruns (s.u.).

"Es wird warm und diese Strecke ist nicht leicht für die Reifen. Wir können also davon ausgehen, dass es ein interessantes Rennen wird, bei dem die Fahrer auf die Reifen achten müssen, um sich zwischen einem und zwei Stopps zu entscheiden", sagt Mercedes' Technischer Direktor James Allison.

Tatsächlich will sich auch Pirelli noch nicht so richtig festlegen, ob jetzt ein oder zwei Stopps den goldenen Weg darstellen. Theoretisch soll jedoch ein Stopp die schnellste Art sein, die 71 Rennrunden von Interlagos zu bewältigen. Pirelli rät zu einem Start auf Soft mit Wechsel auf Hard nach 26 bis 29 Runden. Nur marginal langsamer seien 34 bis 37 Runden Soft, dann Medium bis ins Ziel.

Fast genauso schnell sei jedoch ein Zweistopper mit zweimal 18 bis 21 Runden Soft, dann Medium für die restliche Renndistanz, wobei die Abfolge je nach Bedingungen in Sachen Wetter und Strecke angepasst werden könne. Einzig von einem Einstopper ohne Einsatz des Soft rät Pirelli aufgrund der guten Haltbarkeit der Reifen an diesem Wochenende ab. Ob das jedoch auch in größerer Hitze noch gilt?

4. - S wie Sommerhitze nach Kälte

Erst Regen und kühle Bedingungen am Freitag, dann deutlich wärmer - und komplett trocken - am Samstag, jetzt extrem heiß am Sonntag? So lassen sich das bisherige Wochenende in Sao Paulo und die Prognosen für das Rennen zusammenfassen.

Bei erwartet praller Sonne wird das zu extremen Diskrepanzen zwischen dem Training, in dem per Longruns die Vorbereitung für das Rennen getroffen wurden, und dem Grand Prix selbst führen. "Die Streckentemperaturen sollen möglicherweise auf bis zu 50 Grad steigen, dann wird es für alle richtig schwer, denn solche Werte haben wir das ganze Wochenende über noch nicht gesehen", sagt Lewis Hamilton.

Der Weltmeister hält sich jedoch für gewappnet: "Ich habe das bei meinem Setup beachtet und hoffe, dass es sich morgen auszahlt", sagt der Brite. Sein Technikchef weist ebenfalls auf diese Schlüsselrolle hin. "Wir müssen völlig offen an das Rennen herangehen, denn die Bedingungen werden am Sonntag völlig anders sein als gestern, als wir das Verhalten der Reifen bewertet haben", sagt James Allison.

Dass in Brasilien immer etwas Verrücktes geschehen kann, weiß Sebastian Vettel aus eigener Erfahrung - Foto: Sutton

Etwas locker nähert sich Sebastian Vettel der Thematik, setzt auf die gefühlt historisch belegte Unberechenbarkeit von Sao Paulo: "In Interlagos passiert normalerweise im etwas Verrücktes. Auch wenn sie sagen, dass die Sonne scheinen soll. Hier weißt du nie!"

5. - S wie Safety Car

Wenn wir schon bei verrückten Dingen sind, ist das Safety Car nicht mehr weit. In Brasilien gehört ein Einsatz Bernd Mayländers (oder auch zwei) fast schon zum guten Ton. Wenn es regnet sowieso, doch auch auf trockener Strecke stellt das Autodromo Jose Carlos Pace eine größere Herausforderung dar als es den Anschein erweckt. Die Streckenbegrenzungen im ersten und letzten Sektor sind durchaus nahe an der Strecke, asphaltierte Auslaufzonen gibt es kaum. Ein SC-Einsatz muss also in die Strategie-Planung gut einkalkuliert werden.

6. - S wie Sträfling vor Aufholjagd

Genau hier wird Charles Leclerc interessant. Durch seine Motorstrafe startet der Monegasse im Ferrari nur von P14 - und will das Feld von dort mit Medium-Reifen aufrollen. Also einziger Pilot hatte Leclerc sich mit dieser Mischung für Q3 qualifiziert. So kann der Youngster den ersten Stint ausdehnen, im Idealfall bis ein Safety Car kommt, um dann zeitsparend zu wechseln.

So könnte selbst von P14 aus - gar nicht einmal ganz hinten - noch einiges gehen. Damit nicht genug. Über einen nicht nur möglichen, sondern ganz klaren Vorteil verfügt Leclerc in jedem Fall. Sein neuer Motor muss nicht geschont werden. Brasilien ist sein erster Einsatz, danach muss er nur noch Abu Dhabi überstehen. Leclerc muss als weit weniger haushalten als alle anderen.

Doch dämpft der Monegasse die Erwartungen. "Um die Top-6 zu kämpfen wird sehr schwer", sagt Leclerc. Schon nach dem Freitag hatte er berichtet, überholen sei in diesem Jahr irgendwie schwieriger als üblich für Interlagos. Voll auf Attacke fahren wird der Ferrari-Pilot dennoch. Immerhin geht es für ihn noch um etwas.

Leclerc: "Natürlich macht es auch Spaß, sich von hinten durchzukämpfen, aber wenn du um Platz drei in der WM kämpfst, ist es weniger lustig. Aber so ist das Leben, ich werde versuchen, es so weit es geht zu genießen und mich zurück zu kämpfen."

7. - S wie Sieger

Bleibt die alles entscheidende Frage: Wer hat in Sachen rohe Pace die Hosen an? Am Freitag lag Mercedes im Longrun einmal mehr vorne. Aber: Red Bull war auf Augenhöhe, auch Ferrari näher dran als die Regel besagt.

Noch dazu soll über Nacht einmal mehr ein großer Sprung gelungen sein. "Ich war da heute Morgen ganz zufrieden mit der Balance", berichtet Vettel von einem letzten Longrun in FP3. "Das fühlte sich viel besser an als gestern und lässt mich für morgen hoffen. Wir wissen, dass wir auch im Rennen schnell sind. Wir haben unser Auto verbessert." Eine schwierige Mission erwartet Vettel dennoch.

Das gilt jedoch auch für Mercedes. Nicht wegen dieses Ferrari-Fortschritts, sondern mehr der offenbar völlig gewandelten Bedingungen. "Auf den Longruns konnten wir am Freitag mit der Rennpace der anderen mithalten", sagt James Allison mit einem Understatement, das dem in Brasilien abwesenden Toto Wolff in nichts nachsteht. "Aber das war auf einer kühleren Strecke mit einer recht schmutzigen Oberfläche. Deshalb ist es kein guter Indikator dafür, was uns morgen erwartet."

Hamilton vertraut unterdessen ganz auf den Trend. "Unsere Pace auf den Longruns sah am Freitag stark aus, das zählte schon das gesamte Jahr über zu unseren Stärken", sagt der sechsfache Weltmeister.

Doch gilt dieser Vergleich eher gegen Ferrari. Red Bull hingegen zeigte gerade vor dem Sommer, dass sie Mercedes auch im Renntrimm fordern können. Das hat Valtteri Bottas nicht vergessen. "Wir haben ein gutes Auto für das Rennen, aber Red Bull hat auf den Longruns ebenfalls sehr stark ausgesehen. Ich bin überzeugt, dass uns morgen ein aufregendes Rennen erwartet", sagt der Finne.

Noch dazu hat Max Verstappen mit Brasilien noch eine Rechnung offen. Bereits im Vorjahr hätte er das Rennen gewonnen, wäre es nicht zu der hitzig diskutierten Kollision bei der Überrundung von Esteban Ocon gekommen. "Ich werde versuchen, das morgen nachzuholen", sagt der siebenfache Grand-Prix-Sieger.


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