Formel 1

Formel 1 Brasilien Trainingsanalyse: Ferrari wieder mit Power?

Sebastian Vettel vor Charles Leclerc: Ferrari scheint in Brasilien zurückzuschlagen. Ist Ferrari nun auch wieder auf den Geraden schnell?
von Christian Menath

Seit Sonntagnachmittag in Austin scheint es in der Formel 1 nur noch ein Thema zu geben: Den Ferrari-Motor. Entsprechend wurde dem Brasilien GP mit Spannung entgegengefiebert. Hat Ferrari wieder Probleme auf den Geraden, wäre das für viele der Beleg dafür, dass die Technische Direktive der FIA die Italiener härter trifft als die zugeben.

Doch bevor es um den Motor und Topspeed geht, zunächst zum Training selbst. In 1:09,217 Minuten holte sich Sebastian Vettel die Tagesbestzeit in Sao Paulo. Teamkollege Charles Leclerc war lediglich 21 Tausendstel langsamer.

Wie üblich in Brasilien waren die Abstände aufgrund der kurzen Rundenzeit extrem eng. Max Verstappen im Red Bull hatte auf das Ferrari-Duo nur etwas mehr als eine Zehntelsekunde Rückstand.

Wenige Tausendstel dahinter reihte sich schon Valtteri Bottas auf Rang vier ein - trotz Verkehr auf seiner Runde. Lewis Hamilton, der die ersten zwei Versuche wegen Verkehr abbrechen musste, fuhr in seiner dritten gezeiteten Runde immerhin auf Rang fünf - mit zwei Zehntel Rückstand. "Deshalb glaube ich, dass wir konkurrenzfähiger sind, als es momentan den Anschein hat", meint Bottas.

Sebastian Vettel erst im zweiten Versuch mit Bestzeit

Aber auch bei Ferrari lief es noch nicht perfekt. Vettel musste seinen ersten Versuch ebenfalls abbrechen, nachdem er auf Bottas aufgelaufen war. Erst im zweiten Anlauf setzte er seine Bestzeit. "Das Auto war heute schon klasse, aber wir können es noch verbessern", zeigte sich der vierfache Formel-1-Weltmeister optimistisch. "Die Pace ist da, das ist gut", freute sich auch Teamkollege Leclerc.

Doch der Monegasse mahnt: "Es wird am Samstag deutlich wärmer, das müssen wir zusammen mit der Streckenentwicklung antizipieren." Das 1. Freie Training fiel komplett ins Wasser, Lewis Hamilton fuhr nicht eine richtige Runde. Zwar waren die Bedingungen am Nachmittag deutlich besser, allerdings war es mit rund 20 Grad Luft- und 25 Grad Asphalttemperatur recht frisch.

Für den Rest des Wochenendes werden deutlich höhere Temperaturen erwartet, dazu sollte sich auch die Strecke stark entwickeln. "Uns erwartet noch ein wenig Denkarbeit, weil es am Nachmittag trocken war und die Strecken- sowie die Lufttemperaturen nicht repräsentativ für den Sonntag waren", bestätigt Mercedes Technikchef James Allison.

Die Longruns sind leider nicht ausschließlich deshalb nur bedingt aussagekräftig. Weil Pierre Gasly seinen Toro Rosso mit Motorschaden am Streckenrand abstellen musste, wurden die Longruns von einer kurzen VSC-Phase gestört. Schließlich wurde die Session nach dem Unfall von Daniil Kvyat im zweiten Toro Rosso auch noch gut fünf Minuten früher beendet.

Formel 1 Brasilien GP 2019, Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Gefahren gegen Zeit
Hamilton 21 10 Anfang 1:13,334
Verstappen 16 10 Anfang 1:13,538
Vettel 19 10 Anfang 1:13,608
Bottas 19 8 Anfang 1:14,828

Trotzdem gibt es bei den Longruns wenig Überraschungen. Auf den Soft-Pneus gibt Lewis Hamilton den Ton an. 1:13,3 Minuten fuhr der Mercedes-Pilot im Schnitt. Doch die Abstände sind auch hier eng: Max Verstappen fehlten zwei Zehntelsekunden, Sebastian Vettel noch einmal eine Zehntel mehr.

"Die Pace war auf eine Runde okay, nur auf mehrere Runden am Stück nicht so berauschend", berichtete Vettel wie so oft am Freitag. Ferrari hat traditionell größere Probleme im Dauerlauf. Doch mit drei Zehntelsekunden fiel der Rückstand verhältnismäßig gering aus.

Die Reifen kommen Ferrari entgegen. Im Vergleich zum Vorjahr ging Pirelli bei der Wahl eine Stufe härter. "Der Abbau ist ziemlich gering, sogar auf dem Soft", berichtet Pirellis Mario Isola. "Der Abbau ist so gering, dass nicht einmal klar ist, ob es ein Vorteil ist, auf Medium zu starten."

Formel 1 Brasilien GP 2019, Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Gefahren gegen Zeit
Verstappen 16 2 Ende 1:13,070
Hamilton 5 3 Ende 1:13,174
Leclerc 26 14 Anfang 1:13,792
Albon 18 5 Anfang 1:14,119

Weil bis auf Leclerc alle Top-Piloten ihre Longruns auf Soft begannen, gibt es auf dem roten Pneu noch ausreichend Daten. Der zweite Run fiel allerdings größtenteils den Honda-Motoren zum Opfer. Bei den Mini-Runs auf Medium hatte Verstappen die Nase eine Zehntel vor Hamilton. Leclercs Zeit ist nicht repräsentativ, weil er früher auf den Mediums fuhr.

Wie stark ist der Ferrari-Motor in Brasilien?

Aber nun zu den wirklich interessanten Dingen: Wie schlug sich Ferrari auf den Geraden? Vor allem der letzte Sektor ist ein perfekter Gradmesser für die Motorleistung. Die 16 Sekunden Fahrzeit bestehen aus einer Kurve und 1,2 Kilometer Vollgas. 40 Höhenmeter gilt es außerdem zu erklimmen.

Der Blick auf die Bestzeit überrascht daher. Verstappen setzte die schnellste Zeit, er fuhr 0,005 Sekunden schneller als Leclerc und 0,021 Sekunden schneller als Hamilton. Auch beim Topspeed führt der Red-Bull-Pilot die Liste an. Vettel und Leclerc finden sich nur im Mittelfeld wieder.

Formel 1 Brasilien GP 2019, Topspeeds im 2. Training

Ziellinie Speed-Trap Sektor 1
Verstappen 335,6 Perez 330,2 Raikkonen 330
Raikkonen 332,7 Ricciardo 329,9 Perez 329,6
Stroll 332,5 Hamilton 328,7 Leclerc 328,4
Perez 331,3 Kvyat 328,5 Giovinazzi 327,6
Kvyat 326,7 Giovinazzi 328,2 Vettel 326
Leclerc 326,1 Hulkenberg 327,9 Sainz 324,9
Grosjean 325,7 Raikkonen 327,3 Stroll 324,8
Ricciardo 325,6 Stroll 327,1 Kvyat 323,9
Vettel 325,2 Leclerc 327,1 Hulkenberg 323,7
Magnussen 324,6 Gasly 327 Ricciardo 323,7
Gasly 324,4 Sainz 326 Verstappen 323,5
Giovinazzi 324,2 Albon 325,3 Gasly 323,4
Albon 323,4 Verstappen 324,4 Magnussen 323
Norris 323,3 Vettel 324 Albon 323
Hulkenberg 322,8 Norris 323,6 Grosjean 322,3
Hamilton 322,8 Bottas 322,7 Norris 321,5
Sainz 321,9 Magnussen 322,6 Bottas 319,9
Russell 319 Grosjean 322,5 Hamilton 319,8
Bottas 317,5 Russell 319 Russell 316,7
Kubica 312,3 Kubica 289,2 Kubica 281,2

Ist das der Beweis für die Ferrari-Kritiker? Mitnichten. Windschattenfahrten haben die Werte stark verfälscht. Verstappen fuhr die Sektorbestzeit auf den Medium-Reifen, als er die ganze Gerade hoch im Windschatten gezogen wurde. Dabei wurde auch die Höchstgeschwindigkeit erreicht. Auch Hamilton fuhr seine persönliche Sektorbestzeit schon auf den Mediums im Windschatten.

Die Wahrheit verbirgt sich in der Tiefe der Freitagsdaten. Überraschenderweise hat die Formel 1 erstmals in dieser Saison keine offizielle GPS-Analyse ausgegeben. Normalerweise gibt es am Freitagabend die Info, welches Auto in welchen Kurventypen, respektive auf den Geraden, wie abgeschnitten hat.

Trotzdem gibt es interessante Daten: Blickt man auf die Sektorzeiten der schnellsten Runden, ist Ferrari tatsächlich wieder in den Power-Sektoren vorne. Im ersten Sektor nehmen Vettel und Leclerc der Konkurrenz anderthalb Zehntel ab. Im letzten Sektor fuhr das Ferrari-Duo ebenfalls schneller als alle anderen. Im kurvenreichen Mittelsektor verlieren die beiden dafür etwas.

Die Speedwerte sprechen ebenfalls gegen Verstappens Motoren-Theorie: Am Ende von Sektor eins wurden die beiden Ferrari-Piloten mit deutlich höherer Geschwindigkeit geblitzt als ihre direkte Konkurrenz. Auf Höhe Start und Ziel ist der Ferrari-Speedvorteil ebenfalls eklatant.

Messwerte auf den jeweils schnellsten Runden

Sektor 1 Speed 1 Sektor 2 Speed 2 Sektor 3 Speed 3
Vettel 17.854 326 35.185 267,4 16.178 323,4
Leclerc 17.837 328,4 35.189 268,4 16.212 324,4
Verstappen 18.011 320,9 35.058 264,7 16.282 319,3
Bottas 18.011 319,9 35.113 264,5 16.249 315,8
Hamilton 18.035 316,6 35.184 259,6 16.221 313,4

Jene Werte, die auf den jeweils schnellsten Runden gemessen wurden, sind deutlich repräsentativer als die absoluten Top-Werte. Windschatten spielt auf diese eine Runde quasi keine Rolle, weil jeder versucht, eine freie Runde zu erwischen.

Übrigens: Im Longrun sieht die Welt anders aus. Dort sind die Geschwindigkeiten von Ferrari, Red Bull und Mercedes fast identisch. Das kann zwei Ursachen haben. Im Gegensatz zur Qualifying-Simulation fahren die Piloten im Renntrimm ohne DRS. Ferraris DRS scheint effektiver als das der Konkurrenz zu sein. Außerdem gleichen sich die Motoren im Rennbetrieb offenbar etwas an. Aber auch das ist nichts Neues - also keine Folge der Direktive.


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