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Formel 1 - Analyse: So verloren Vettel und Ferrari Mexiko-Sieg

Ferrari hatte alle Trümpfe in der Hand, den Mexiko GP zu gewinnen. Am Ende blieben für Sebastian Vettel und Charles Leclerc die Plätze zwei und vier. Warum?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Ferrari ging von den Positionen eins und zwei in den Mexiko GP 2019. Aus der chaotischen ersten Runde kamen Charles Leclerc und Sebastian Vettel auf den Spitzenpositionen zurück, mit Lewis Hamilton und Max Verstappen schienen sich die beiden größten Konkurrenten schon aus dem Rennen um den Sieg genommen zu haben.

Und trotzdem triumphierte am Ende Hamilton, während sich Ferrari mit den Plätzen zwei und vier zufrieden geben musste. "Es gab heute keine größeren Fehler", ist sich Sebastian Vettel dennoch sicher. "Ich glaube nicht, dass es ein Fehler ist, dass wir nicht schnell genug waren."

Was war aber mit der Strategie? Charles Leclerc verlor durch seine Zweistopp-Strategie nicht nur die Führung, sondern landete letztlich nicht einmal auf dem Podium. Und hätte Sebastian Vettel das Rennen nicht gewinnen können, wäre er rechtzeitig zum Stopp gekommen?

Zunächst die Ausgangslage: In Runde 13, eine Runde bevor Alexander Albon als erster Top-Pilot zu seinem regulären Stopp kam, führte Charles Leclerc den Mexiko GP mit zwei Sekunden Vorsprung auf Sebastian Vettel an. Alexander Albon lag weitere zwei Sekunden hinter Vettel, eine Sekunde dahinter fuhr Lewis Hamilton auf Rang vier. Valtteri Bottas hatte als Fünfter bereits zehn Sekunden Rückstand auf die Spitze.

Formel 1, Mexiko 2019: So verlor Vettel den Sieg an Hamilton: (09:43 Min.)

Zweistopp stürzt Albon und Leclerc in Mexiko ins Verderben

Pirellis Simulationen hatten vor dem Rennen die Zweistopp-Strategie in Mexiko als klar schnellste Möglichkeit auserkoren, denn die Reifen zeigten am Freitag starkes Graining und damit schlechte Rundenzeiten in langen Stints. Also folgte Red Bull der Zweistopp-Empfehlung. Sie holten Albon am Ende von Runde 14 an die Box, und Ferrari reagierte darauf mit Charles Leclerc. Aber mit dieser vermeintlich schnellsten Strategie stürzten sich Albon und Leclerc ins Verderben.

Am Rennsonntag war es nämlich deutlich wärmer als das restliche Wochenende. 45 Grad Asphalttemperatur wurden kurz vor dem Rennstart gemessen. Noch in der Startaufstellung erklärte Pirellis Mario Isola Motorsport-Magazin.com: "Die hohen Temperaturen helfen den Reifen, es wird weniger Graining geben. Ich bin mir sicher, dass es einige mit einem Stopp probieren werden."

Bei Red Bull glaubte man offenbar nicht daran und ging aufs Ganze: Indem man Alexander Albon früh stoppte und ihn nach dem ersten Stint auf Medium erneut auf Medium rausschickte, war der Thailänder in einer Zweistopp-Strategie gefangen.

Reifenstrategien beim Mexiko GP 2019

C2=Hard, C3=Medium, C4=Soft
(n) steht für einen neuen Reifen, (u) für einen gebrauchten
Zahl in Klammern gibt die Runde des Reifenwechsels an

Fahrer Start 1. Stopp 2. Stopp
Hamilton C3 (u) C2 (n) (23)
Vettel C3 (u) C2 (n) (37)
Bottas C3 (u) C2 (n) (36)
Leclerc C3 (u) C3 (n) (15) C2 (n) (43)
Albon C3 (u) C3 (n) (14) C2 (n) (44)
Verstappen C3 (u C2 (n (5)
Perez C3 (n) C2 (n) (20)
Ricciardo C2 (n) C3 (n) (50)
Gasly C4 (u) C2 (n) (9) C3 (n) (49)
Hülkenberg C3 (n) C2 (n) (18)
Kvyat C4 (u) C2 (n) (10) C3 (n) (44)
Stroll C3 (n) C2 (n) (37)
Sainz C4 (u) C2 (n) (15) C3 (n) (35)
Giovinazzi C3 (n) C2 (n) (21)
Magnussen C3 (n C2 (u (28)
Russell C3 (n) C2 (n) (22)
Grosjean C3 (n C2 (n (37)
Kubica C3 (n) C2 (n) (21) C3 (n) (60)
Räikkönen C3 (n) C2 (n) (15) C3 (u) (52)
Norris C4 (u) C2 (n) (12)

Doch an 'gefangen' glaubte Red Bull da natürlich noch nicht. Sie glaubten eher an einen Coup, denn Ferrari konnte nicht beide Piloten vor einem Undercut retten. Zu eng war die Spitze zusammen. Das wusste auch Ferrari: Charles Leclerc als Führender den Vorzug. Der Monegasse kam eine Runde nach Albon und verteidigte so seine Trackposition.

Für Red Bull wurde der frühe Stopp aber schnell zum Reinfall. Erst verlor Albon auf seiner Outlap extrem viel Zeit, weil er nicht an Carlos Sainz vorbeikam. Dann kristallisierte sich für ihn und Leclerc heraus, dass die frischen Medium-Pneus kein großer Vorteil waren.

Leclerc fuhr zwar zunächst bessere Zeiten als Vettel auf den Start-Mediums, aber um Welten besser war er nicht. Obwohl ihn das Team mehrmals aufforderte, das Tempo zu erhöhen, wurde Leclerc nicht schneller - er konnte nicht. Gleichzeitig brachen Vettels Rundenzeiten auf den alten Mediums überhaupt nicht ein. Damit war schnell klar, dass eine Zweistopp-Strategie nicht aufgehen würde.

Vettel vs. Hamilton wird zum Einstopp-Poker

Leclerc und Albon waren somit aus dem Rennen um den Sieg. Die besten Karten hatte nun Sebastian Vettel, den Ferrari eigentlich nicht vor dem Albon-Undercut 'schützen' konnte. Im Nachhinein betrachtet wurde Leclerc die Strategie-Priorität zum Verhängnis.

Nach den frühen Stopps von Albon und Leclerc führte Vettel nun mit rund zwei Sekunden Vorsprung auf Hamilton. Bottas fuhr rund neun Sekunden dahinter. Die Abstände an der Spitze blieben bis zu Hamiltons Stopp am Ende von Runde 23 konstant.

Mercedes gab dem Briten die Hard-Reifen und stellte damit die Weichen für eine Einstopp-Strategie. Bei Ferrari läuteten die Alarmglocken. Wie bei Albon galt es einen Undercut zu verhindern.

Aber Ferrari war zwiegespalten: Einerseits wollte man den Platz auf der Strecke nicht an Hamilton verlieren. Andererseits zweifelte man daran, dass mit einem Reifenwechsel so früh schon eine Einstopp möglich sei.

Zuerst führte Sebastian Vettel noch vor Lewis Hamilton - Foto: LAT Images

Renningenieur Ricardo Adami funkte Vettel sofort, als Hamilton an die Box ging: "Gib Gas, Hamilton kommt jetzt rein. Mode Box, Mode Box." Ferrari bereitet damit den Boxenstopp in der nächsten Runde vor, um den Undercut abzuwehren.

Doch Vettel funkte umgehend zurück: "Was haltet ihr davon, ihn fahren zu lassen?" Damit meinte der Deutsche, nicht auf den Hamilton-Stopp zu reagieren. "Ja, wir denken darüber nach, wir beobachten es. Trotzdem: Mode Box", lautete die Antwort.

Ferrari und Vettel haben Angst und verzögern Stopp

Ferrari zögerte, Vettel reinzuholen, weil man vor dem Rennen berechnet hatte, dass eine Einstopp-Strategie nur aufgehen kann, wenn der erste Stint bis Runde 30 gezogen wird. Vettel aber wäre dann schon in Runde 24 gekommen.

Das war Ferrari die Track-Position nicht wert. Kurz nach Vettels Frage funkte Ferrari: "Bleib noch draußen, bleib draußen." Wenige Kilometer später meldete sich Adami noch einmal bei Vettel: "Hamilton stößt nun auf Verkehr, bleib draußen, wir fahren einen langen Stint."

Erst in Runde 37 kam Vettel endlich zu seinem ersten und einzigen Stopp. Die Position hatte er da längst gegen den Briten verloren. Nach dem Reifenwechsel kam Vettel mehr als sieben Sekunden hinter Hamilton zurück auf die Strecke - dafür aber mit deutlich frischeren Reifen.

Der Ferrari-Plan war klar: Je länger Vettel draußen bleibt, desto größer ist das Reifen-Delta zwischen ihm und Hamilton am Ende und desto höher die Wahrscheinlichkeit eines Überholmanövers.

Vettels Reifenvorteil gegen Hamilton reicht nicht

Das Problem: Nach einer extrem schnellen Outlap musste Hamilton nicht mehr besonders viel Gas geben. Weil Vettel nicht sofort danach zum Stopp kam, hatte der Mercedes-Pilot die Position schon gewonnen. Also schaltete Mercedes vom Angriffsmodus in den Verteidigungsmodus um. Hamilton managte von nun an die Reifen, um über die Distanz zu kommen.

Vettel konnte zwar am Ende noch auf Hamilton aufschließen, aber eine ernsthafte Attacke blieb aus. Damit verlor Ferrari in dem Moment das Rennen, als man sich nicht direkt auf Hamilton konzentrierte, sondern auf der eigenen Strategie beharrte - quasi genau das Gegenteil, was zuvor mit Charles Leclerc passiert war.

Ferrari oder Vettel: Wer ist Schuld an der Mexiko-Niederlage?

Hat sich Vettel den verpassten Sieg also selbst zuzuschreiben? Schließlich wollte der Kommandostand zunächst Hamilton covern. "Wir haben die Entscheidung zusammen getroffen", verteidigt Ferrari Teamchef Mattia Binotto seinen Fahrer.

"Wir haben ihm aber zunächst 'Mode Box' gefunkt, um uns die Runde lang die Möglichkeit offen zu halten", erklärt Binotto Motorsport-Magazin.com. Die Ingenieure entschieden sich schließlich nicht aufgrund von Vettels Funkspruch um. "Wenn er reingekommen wäre, wäre er hinten gewesen, weil Hamilton schon im ersten Sektor schnell genug war, um vorne zu bleiben", so Binotto.

Allerdings lief Hamilton am Ende seiner Outlap auf Verkehr auf. 1,6 Sekunden lag Vettel vor dem Stopp noch vor Hamilton. Der Undercut war aufgrund des überraschend geringen Reifenabbaus nicht extrem effektiv. Es wäre ein enger Kampf am Ausgang der Boxengasse geworden. Es wäre im Nachhinein aber die einzige Möglichkeit für Ferrari gewesen, das Rennen noch zu gewinnen.

Auch wenn Vettel von keinen größeren Fehlern sprach, musste Binotto gestehen: "Mercedes ist mehr Risiko eingegangen. Im Nachhinein hätten wir auch mehr Risiko gehen sollen." Vettel relativiert: "Sie waren hinten, sie hatten weniger zu verlieren. Deshalb konnten sie mehr Risiko eingehen."


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