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Formel 1 Analyse Monza: Warum keine Strafe für Leclerc?

Der Italien GP 2019 sorgte für viel Diskussionsstoff. Warum wurde Leclerc nicht bestraft? Warum fuhr Räikkönen auf den falschen Reifen? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Der Italien GP war einmal mehr ein Kracher. Das epische Duell zwischen Charles Leclerc und Lewis Hamilton dauerte fast das gesamte Rennen und gipfelte in einer Beinahe-Kollision, am Ende siegte für die zehntausende Tifosi der Richtige. Das Giganten-Duell wirft Fragen auf, aber auch sonst bot das Rennen in Monza reichlich Diskussionsstoff. Motorsport-Magazin.com beantwortet in der Rennanalyse die wichtigsten Fragen.

Warum wurde Charles Leclerc nicht bestraft?

Diese Frage stellten sich viele. Toto Wolff hat seine eigene Erklärung: "Was willst du machen? Gibst du dem führenden Ferrari in Monza eine Fünf-Sekunden-Strafe? Das ist ausgeschlossen. Dann brauchen wir eine Polizeieskorte, um hier rauszukommen."

Zwei Szenen sind strittig. In Runde 23 wurde es zum ersten Mal brenzlig zwischen Hamilton und Leclerc. Nach den Stopps konnte Hamilton mit warmen Medium-Reifen starken Druck auf Leclerc ausüben, während der Ferrari-Pilot seine Hard-Pneus erst auf Temperatur bringen musste. Durch Curva Grande auf dem Weg in die zweite Schikane musste sich Leclerc schon vehement verteidigen, beim Anbremsen auf die Schikane war Hamilton aber rechts neben ihm. Trotzdem zog Leclerc weiter nach rechts, bis Hamilton keine Fahrzeugbreite mehr Platz hatte.

Hamilton konnte eine Kollision gerade noch verhindern, indem er nach rechts von der Strecke fuhr und dann geradeaus in den Notausgang. Vor nicht allzu langer Zeit wäre Leclerc für diese Aktion sicher bestraft worden. "Aber wir hatten erst in Bahrain die Diskussion mit den Fahrern und das Ergebnis war, dass wir sie racen lassen", erklärt FIA Rennleiter Michael Masi.

Als Präzedenzfall will Masi Max Verstappen gegen Valtteri Bottas im vergangenen Jahr in Monza nicht gelten lassen. 2018 kassierte Verstappen eine Strafe, als er Bottas vor der ersten Schikane hinausdrückte. Aber in der Zwischenzeit haben sich die Regeln geändert. "Und Verstappen und Bottas haben sich berührt", fügt Masi an.

Verstappen vs. Bottas 2018: Kein Präzedenzfall - Foto: Sutton

Stattdessen zieht der Australier einen aktuelleren Fall heran: "Wir hatten ziemlich die gleiche Szene mit Pierre Gasly in Spa." Ganz ungeschoren kamen weder Gasly, noch Leclerc davon. Beide bekamen die schwarz/weiße Flagge gezeigt, eine Verwarnung. Heißt im Klartext: Noch einmal eine solche Aktion und es gibt eine Strafe.

Die schwarz/weiße Flagge wurde in Spa gewissermaßen wiederbelebt. Man wollte sich an die Prämisse 'Let them race' halten und nicht gleich Strafen aussprechen, gleichzeitig aber nicht alles durchwinken. Deshalb greift der Rennleiter inzwischen zu diesem Mittel: Damit die Piloten racen dürfen, das Ganze aber nicht ausartet.

Die zweiten strittige Szene gab es in Runde 35. Leclerc verbremste sich leicht und kürzte die erste Schikane ab. Lewis Hamilton befand sich zu diesem Zeitpunkt noch immer direkt hinter Leclerc. Doch trotz des Fehlers gelang es dem Mercedes-Piloten nicht, an Leclerc vorbeizugehen.

Leclerc kürzte einmal im Zweikampf die Schikane ab - Foto: LAT Images

Masi nahm die Aktion zur Kenntnis, ließ sie aber auf sich beruhen. Auch die Stewards sahen keinen Grund, tätig zu werden. Beim Blick auf die Minisektoren wurde klar: Leclerc verlor dabei Zeit. Von einem bleibenden Vorteil, der nötig wäre, um eine Strafe auszusprechen, konnte nicht die Rede sein.

Was war Ferraris Plan B?

Früh im Rennen funkte die Ferrari-Box an Leclerc, man werde Plan B durchziehen. Ferrari-Fans in aller Welt fürchteten schon den nächsten Strategie-Fail der Scuderia. Handelte es sich dabei um die Hard-Reifen im zweiten Stint?

"Nein", erklärte Ferrari Teamchef Mattia Binotto Motorsport-Magazin.com. "Plan B war, den ersten Stint zu verlängern." Weil Hamilton Leclerc im Genick saß, war das Risiko eines Undercuts groß. Ferrari hätte dem zuvorkommen und Leclerc früher an die Box holen können. Doch sie warteten lieber ab, bis Mercedes Hamilton holte. Deshalb musste Leclerc seinen ersten Stint in die Länge ziehen.

Warum fuhr Leclerc auf Hard?

Gerade einmal zwei Piloten in den Top 10 trauten sich in Monza an den Hard-Reifen heran. Neben Leclerc zog nur Lando Norris die weißen Pneus auf. Dabei war Pirellis Kalkulation eindeutig: Ein Rennen mit Soft und Hard ist rund zehn Sekunden langsamer.

Doch Ferrari wusste, dass Mercedes auf den Medium-Reifen wieder stärker sein würde. Vor allem später im Rennen, wenn Ferrari den Preis für weniger Abtrieb zahlt und die Reifen schneller eingehen. "Wir mussten uns gegen Rennende schützen", gestand Teamchef Binotto.

Doch damit brachte man Leclerc auch in die Bredouille. Denn Hamilton stoppte bereits eine Runde früher und ging auf Medium. Seine Reifen waren erstens schon auf Temperatur und zweitens weicher. Somit hatte er sofort einen Vorteil gegenüber Leclerc, als der nach seinem Stopp wieder auf die Strecke zurückkam. Deshalb musste sich der Monegasse erst so vehement gegen Hamilton verteidigen.

Leclerc im Duell mit Hamilton - Foto: LAT Images

"Das war der Schlüsselpunkt des Rennens", so Binotto. Nachdem Leclerc die anfänglichen Attacken abgewehrt hatte, wurde für ihn das Rennen zunehmend angenehmer. "Es war eine mutige Entscheidung, aber es war die richtige", ist sich Binotto sicher.

Auf der anderen Seite ist sich Toto Wolff sicher, dass es richtig war, Hamilton auf Medium rauszuschicken: "Für uns war es klar, dass wir auf Medium schneller sind. Wenn du über so viele Runden so nah hinter dem Vordermann fahren kannst, dann hast du das deutlich schnellere Paket."

Warum wurde Vettel härter bestraft als Stroll?

Sebastian Vettel erlebte währenddessen einmal mehr ein Rennen zum Vergessen. In Runde sechs drehte sich der Ferrari-Pilot in der Variante Ascari. Beim Weg zurück auf die Strecke räumte er Lance Stroll ab. Als Stroll wieder weiterfahren wollte, räumte der wiederum fast Pierre Gasly ab.

Sebastian Vettel erhielt für die Aktion fast die härteste Strafe, die das Reglement überhaupt vorsieht. Nur eine Schwarze Flagge steht noch über einer Stop-and-Go-Strafe. Stroll hingegen kam mit einer Durchfahrtsstrafe davon.

Selbes Vergehen, unterschiedliche Strafe? Nicht ganz. Vettel wurde für die unsichere Rückkehr und das Verursachen einer Kollision bestraft. Stroll hingegen löste keine Kollision. Dem Kanadier warfen die Stewards lediglich vor, unsicher auf die Strecke zurückgekehrt zu sein.

Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer kritisierte die Strafe für seinen Schützling dennoch deutlich: "Lance war ohne Eigenverschulden in dieser Situation. Er war auf der Ideallinie, genau am Scheitelpunkt. Er musste sich bewegen, weil sonst wäre er Gefahr gelaufen, getroffen zu werden. Seb war auf dem Gras, er musste sich nicht in Bewegung setzen."

Warum startete Kimi Räikkönen auf den falschen Reifen?

Bei Alfa ging es besonders kurios zu. Kimi Räikkönen musste eine Stop-and-Go-Strafe absolvieren, weil er auf den falschen Reifen gestartet war. Teammanager Beat Zehnder gestand später seine Schuld. Alfa hatte die Regeln nicht genau auf dem Zettel.

Nach seinem Crash im dritten Teil des Qualifyings wurden am Auto von Kimi Räikkönen diverse Komponenten getauscht. Alfa nutzte die Chance, um auch einen neuen Motor einzusetzen. Es war die Möglichkeit, den Ferrari-Motor der neuen Spezifikation doch noch zu bekommen. Für Räikkönen war dieses Upgrade ursprünglich ausgefallen, weil er aufgrund eines Defektes verfrüht einen dritten Motor hatte einbauen müssen.

Weil Räikkönen in Monza also eine andere Version des Ferrari-Motors einbaute, brach er die Parc-ferme-Regeln. Das zieht einen Start aus der Boxengasse nach sich. Wenn man die Spezifikation des Autos schon ändert, dann kann man gleich richtig Hand anlegen - dachte sich Alfa.

Weil Räikkönen den Einzug ins Q3 schaffte, hätte er auf jenen Reifen starten müssen, auf denen er sich für Q2 qualifiziert hatte. Aus taktischen Gründen wollte Alfa aber lieber auf Medium statt Soft losfahren. Allerdings dürfen selbst beim Bruch der Parc-ferme-Regeln die Reifen nicht ausgetauscht werden. Das wäre nur erlaubt, wenn gleichzeitig noch ein neues Chassis eingesetzt worden wäre.

Warum wurde Alexander Albon bestraft?

Alexander Albon musste bei seinem Boxenstopp fünf Sekunden länger stehen. Warum? Die Geschichte ist etwas kurios. Albon bereitete einen Angriff auf Kevin Magnussen vor. In der ersten Schikane touchierte er den Haas-Piloten leicht und erwischte den besseren Ausgang auf die Curva Grande hin.

Beim Anbremsen auf die zweite Schikane war Albon schon knapp vorne, aber außen. Magnussen gab nicht nach und so fuhren beide Rad an Rad in die Kurve, ehe ihnen der Platz ausging. Albon fuhr geradeaus durch die Schikane und sortierte sich vor Magnussen wieder ein.

Rennleiter Masi funkte den Red-Bull-Kommandostand an und forderte, Magnussen wieder vorbei zu lassen. Red Bull argumentierte jedoch damit, dass Albon von Magnussen abgedrängt wurde und deshalb abkürzen musste. Die Stewards sahen es anders: Sie ließen Magnussens Aktion unter der Prämisse 'Let them race' durchgehen und befanden Albon schuldig, sich einen Vorteil verschafft zu haben.


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