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Formel 1 Monza Trainingsanalyse: Reicht Ferraris Vorsprung?

Wird Ferrari auch in Italien der Favoritenrolle gerecht? Zwei Bestzeiten täuschen über einen insgesamt gedämpften Freitag. Longruns wieder Problem.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Auf dem Papier ist Ferrari in Monza der klare Favorit. Das hat sich, zumindest nach einem Blick auf die Trainings-Ergebnisse des Italien GPs, nicht geändert. Charles Leclerc holte sich die Bestzeit in beiden Sessions. Allerdings war der Trainingstag zum Italien GP kein normaler Freitag: Regen machte die Trainings zur kleinen Lotterie.

Vor allem im ersten Training hatte das Endklassement nur statistischen Wert, weil am Ende die Rundenzeiten auf den Slicks purzelten. Und auch am Nachmittag störte Regen zwischenzeitlich. "Wir sind spät auf die Soft-Reifen gewechselt und haben dadurch das Fenster für die besten Streckenbedingungen verpasst", ärgert sich Mercedes Ingenieur Andrew Shovlin.

Kombiniert mit dem knappen Vorsprung von lediglich 68 Tausendstel bleibt von Ferraris Favoritenrolle gar nicht mehr so viel übrig. Allerdings fuhr Mercedes schon im Qualifying-Trimm hintereinander her. Valtteri Bottas zog Lewis Hamilton mit seinem Windschatten über die Geraden. Ferrari scheint hier noch ein Ass im Ärmel zu haben. Nirgends im Formel-1-Kalender bringt der Windschatten so viel wie im Königlichen Park.

Und trotzdem ist der geringe Vorsprung keine gute Nachricht für Ferrari. "Wir scheinen auf einer Runde ein bisschen näher dran zu sein als am vergangenen Wochenende in Spa", sagt selbst Berufspessimist Lewis Hamilton und fügt an: "Es sieht also so aus, als ob wir mitkämpfen können."

Sein Ingenieur gibt sich noch vorsichtig optimistisch. "Sowohl Red Bull als auch Ferrari haben über die letzten Rennen hinweg auf einer Runde erhebliche Fortschritte bei ihrer Pace erzielt", erklärt Shovlin. "Deswegen ist das Qualifying nun oftmals die schwierigste Session für uns. Morgen wird es nicht anders sein, aber hoffentlich können wir um die Pole kämpfen. Es wird aber garantiert nicht einfach."

Ferrari und Mercedes teilen in Monza wieder Sektoren auf

Die Abstände sind in Monza immer etwas enger. Die Runde ist zwar lang, aber deutlich kürzer als in Spa. Dazu ist die Rundenzeit verhältnismäßig kurz, weil die Durchschnittsgeschwindigkeit so hoch ist. Dazu nehmen alle Teams Abtrieb weg. Es geht nicht mehr so sehr um den Abtrieb, als um aerodynamische Effizienz. In dieser Abstimmung scheint der Mercedes-Rückstand auf den Geraden nicht mehr ganz so gravierend zu sein.

Das übliche Bild zeigt sich trotzdem: Im ersten Sektor, der nur aus Gerade und der ersten Schikane besteht, geben die Ferrari den Ton an. Selbst Max Verstappen im Red Bull war hier schneller als Lewis Hamilton. Im zweiten Sektor, der aus der zweiten Schikane und den beiden Lesmo-Kurven besteht, ist Hamilton schon gleichauf mit Leclerc.

Im letzten Sektor, geprägt durch die schnelle Ascari-Schikane und die Parabolica, sind Hamilton und Bottas plötzlich vorne. Hier zählt Abtrieb mehr als Luftwiderstand und Motorleistung. In den langsamen Schikanen kann Mercedes den Abtriebsvorteil noch nicht so nutzen, hier geht es vor allem um mechanischen Grip.

Der Abtrieb steht aber in enger Relation zur Rennpace. Je stärker das Auto auf den Asphalt gepresst wird, desto weniger rutscht es. Rutschen ist der Feind der modernen Formel 1, weil die sensiblen Pirelli-Pneus sofort an der Oberfläche überhitzen und auf Dauer Performance einbüßen. Das ist Ferraris großes Renn-Problem.

Ferrari: Auch in Monza Fragezeichen hinter Renn-Performance

Deshalb liegt das Renn-Problem nicht am Setup, wie Sebastian Vettel erklärt: "Es ist immer eine Runde: Das Rennen ist nur eine Aneinanderreihung von Runden. Die Schwäche, die du auf eine Runde hast, ist dort nur nicht so groß wie im Longrun. Es gibt kein Renn- und kein Qualifying-Setup mehr. Wir wollen das Auto einfach nur schneller machen." Ist die Balance über eine Runde besser, ist das Auto schneller und nimmt die Reifen gleichzeitig weniger ran.

Die Verbesserungen braucht Ferrari. Denn selbst der Tagesschnellste Leclerc mahnt: "Bei der Rennpace sind wir noch nicht da, wo wir in Spa waren." Schon in Spa holte sich der Monegasse den Sieg auf der letzten Rille. Trotz einiger Faktoren, die Leclerc halfen, kam er nur knapp eine Sekunde vor Hamilton über die Ziellinie.

Allerdings sei gesagt, dass Ferrari in Spa am Freitag noch etwas schlechter im Longrun aussah. Ferrari macht in dieser Saison von Freitag an tendenziell größere Sprünge bei der Rennpace als die Konkurrenz.

Bei der Rennpace kommt auch Red Bull ins Spiel. Vier Zehntel fehlten Verstappen auf eine Runde. "Also im Qualifying ist das vielleicht realistisch", meint Red Bulls Motorsportberater Dr. Helmut Marko und fügt an: "Im Renntrimm sicher nicht. Da sind wir glaube ich ganz gut dabei. Ferrari hat nur eine schnelle Runde hingelegt und dann war’s vorbei."

Red Bull kommt bei der Renn-Pace wieder ins Spiel - Foto: Red Bull

Doch auch das 2. Training war nicht ganz einfach zu lesen. Zwar gab es 'nur' eine Unterbrechung - das Vormittagstraining sah die rote Flagge gleich dreimal -, doch der immer wieder aufkommende Regen sorgte dafür, dass die Bedingungen nicht ganz konstant waren. Die Longruns sind mit Vorsicht zu genießen.

Auch die Programme wurden durch die kürzere Trainingszeit etwas durcheinandergewürfelt. Mercedes beispielsweise splittete die Piloten komplett. Hamilton konzentrierte sich auf Longruns mit Medium, Bottas fuhr Soft. Andere Teams ließen beide Piloten zwei Mischungen ausprobieren. Dadurch fielen die Mercedes-Runs natürlich länger aus. Manch einer fuhr erst auf Soft, ein anderer zunächst auf Medium. All diese Faktoren trüben das Longrun-Bild etwas wie der die Wolken den Himmel über Monza.

Formel 1 Italien GP 2019: Longruns auf Soft

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durschntl. Zeit
Bottas 22 14 1:24,823
Verstappen 13 7 1:25,108
Vettel 16 8 1:25,174
Leclerc 16 7 1:25,191
Albon 13 5 1:25,744

Auf Soft hatte Bottas die Nase relativ klar vorne. Der Mercedes-Pilot war im Schnitt drei Zehntelsekunden schneller als Max Verstappen. Sebastian Vettel und Charles Leclerc waren noch einmal eine knappe Zehntel langsamer.

Auf den Medium-Reifen fiel der Ferrari-Rückstand noch deutlicher aus. Während Verstappen im Schnitt 1:24,9 fuhr, war Vettel bei 1:25,6. Der Run des Deutschen war deutlich länger, aber das Problem dürfte an anderer Stelle liegen. Die Soft-Reifen haben ein niedrigeres Arbeitsfenster als die Medium-Pneus. Bei den kalten Bedingungen ist es mit den langen Geraden, auf denen vor allem die Vorderreifen abkühlen, nicht ganz einfach, die Reifen auf Temperatur zu bringen. Wer Abtrieb hat, ist hier im Vorteil.

Formel 1 Italien GP 2019: Longruns auf Medium

Fahrer Reifen-Alter Stint-Länge Durschntl. Zeit
Verstappen 15 6 1:24,956
Hamilton 27 14 1:25,389
Albon 17 6 1:25,409
Vettel 23 12 1:25,675

Die gute Rennpace verleitet bei Red Bull zu einer steilen These. "Ich glaube, dass Max, wenn die ersten Runden gutgehen, bald vorne dabei sein wird", kündigt Helmut Marko an. "Ich denke, ein Podium ist genauso wie in Spa drin für den Max - aus eigener Kraft." Verstappen muss wohlgemerkt nach einem Motorwechsel von ganz hinten starten.

Einen kleinen Joker hat Verstappen dabei. Red Bull kann beim Setup des Niederländers alles auf eine Karte setzen. Die Meteorologen sagen für Samstag trockene Bedingungen vorher. Am Sonntag soll es hingegen regnen.

Verstappens Vorteil hier: Unter Parc-ferme-Bedingungen darf lediglich der Frontflügel verstellt werden. Während Ferrari und Mercedes also ein möglicherweise nasses Rennen bei ihren Setups bedenken müssen, kann Verstappen komplett auf ein trockenes Rennen zocken. "Sollte sich das Wetter drastisch ändern und stark regnen, kann er aus der Box starten und macht volles Rohr Anpressdruck hinten drauf", erklärt Marko.


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