Formel 1

Formel 1: Pirelli erklärt nach Austin Hamiltons Reifenprobleme

Pirelli änderte vor dem USA-GP der Formel 1 die Reifendruck-Vorgaben. Spielte das bei den Mercedes-Problemen mit? Pirelli-Sportchef Isola erklärt.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Mercedes ging beim USA-GP mit der Strategie von Lewis Hamilton aggressiv vor. Schon nach elf Runden entschloss sich die Box, Hamilton unter dem Virtuellen Safety Car reinzuholen und auf eine Zwei-Stopp-Strategie umzustellen.

Der Plan ging nicht auf. Hamilton konnte zwar wieder zu dem auf einer Ein-Stopp-Strategie fahrenden Kimi Räikkönen aufschließen, begann dann aber mit Blasenbildung an seinen Hinterreifen zu kämpfen und konnte sich nach Räikkönens Stopp nicht weit genug absetzen. Lag das am Soft-Reifen - oder vielleicht an geänderten Reifendrücken? Pirelli hatte nämlich erst am Samstag nach dem Qualifying die Mindestluftdrücke für die Hinterreifen angehoben, von 20 auf 21.5 psi.

Nach dem Austin-Rennen erklärt Pirelli-Sportchef Mario Isola nun im Interview, was dran ist - an Hamiltons Reifenproblemen und an der Reifendruck-Änderung vom Samstag.

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Motorsport-Magazin.com: Wie zufrieden war Pirelli in Austin mit dem Rennen und mit den Reifen?
Mario Isola: Alle drei Reifenmischungen waren im Rennen verwendbar. Die ersten vier Fahrer fuhren vier verschiedene Strategien. Ein Stopp, zwei Stopps - Lewis hat sich entschlossen, auf eine Zwei-Stopp-Strategie zu wechseln und mit den Soft-Reifen zu pushen. Dann musste er natürlich wieder wechseln. Aber meiner Meinung nach hat es gut funktioniert. Drei Autos in der letzten Runde innerhalb von weniger als drei Sekunden, das sah gut aus. Und sie versuchten zu überholen, und haben Fehler gemacht. Das ist Racing. Ich persönlich dachte, dass das Rennen heute großartig war.

Isola: Hamiltons Austin-Probleme ähnlich wie Räikkönen in Monza

Glauben Sie, dass der Soft ein Problem darstellte? Da sich Blasen bildeten, und man beim Soft keinen Vorteil durch eine längere Haltbarkeit hatte?
Mario Isola: Sicher, das stimmt. Aber man muss bedenken, dass alle auf dem Soft nicht viel trainiert haben, und auf den anderen Reifen auch nicht. Am Freitag war es ja komplett nass, also gab es da keine Daten. Sie mussten alles innerhalb von einer Stunde am Samstag verstehen. Die drei Mischungen, die Delta-Rundenzeit und die Abnutzung. Und sie mussten das Setup des Autos festlegen. Das ist unmöglich. Also wurde der Soft-Reifen von niemanden für Longruns verwendet. Ja, es gab Blasen. Aber Lewis hat zu Beginn des Stints auf dem Soft gepusht. Es ist ganz ähnlich wie das, was Kimi in Monza passiert ist. Er ist auf einem neuen Soft-Reifen rausgefahren, mit viel Gummi, viel Hitze im Reifen - und Blasen bildeten sich. Das passiert. Das ist etwas, das die Teams kontrollieren können. Im Falle von Lewis entschlossen sie sich für einen weiteren Stopp, und das war die richtige Entscheidung. Er hat bis zum Ende mit Max gekämpft, der hat ein fantastisches Rennen gefahren. Besonders am Ende des Rennens war Kimi auch toll.

Haben Sie erwartet, dass Max Verstappen auf dem Supersoft durchfährt?
Mario Isola: Es war eine Herausforderung, aber er hatte den Supersoft gut unter Kontrolle. Der Supersoft nutzt sich etwas stärker ab als der Soft. Das bedeutet, dass du die Temperatur unter Kontrolle behältst, und genau das hat er gemacht.

Bottas meinte, dass er auch bei immer stärkerer Abnutzung noch mehr pushen konnte, weil der Reifen nicht überhitzt hat.
Mario Isola: Ja, besonders wenn du dir das Streckenlayout ansiehst. Sektor 3 beansprucht die Hinterreifen aufgrund der nötigen Traktion. Wenn du den neuen Reifen gleich pushst, dann ist es ganz normal, dass du ihn überhitzt und Blasen auftreten. Insgesamt hatten die Teams die Reifen gut unter Kontrolle.

Pirelli: Neue Reifendrücke, weil keine Trainings-Daten vom Freitag

Sie haben die Minimum-Reifendrücke für heute geändert, warum?
Mario Isola: Ja, weil wir nur aus dem 3. Freien Training Daten hatten. Deshalb haben wir am Samstag die Änderung vorgenommen. Das ist schon drei, vier Mal im Jahr passiert. Mit den Daten vom Freitag verstehen wir normalerweise, ob wir den Druck ändern oder erhöhen müssen. Wir bekommen immer zwei Wochen vor dem Rennen Simulationen, und die vergleichen wir dann mit den Telemetrie-Daten. In diesem Fall haben die Simulationen die Performance der Autos auf der Strecke unterschätzt. Die Anhebung kam erst am Samstag, weil wir vom Freitag keine Daten hatten.

Glauben Sie, dass das im Rennen eine Rolle gespielt hat?
Mario Isola: Nein ... ich glaube, dass die andere Asphalt-Temperatur und das andere Wetter eine viel größere Rolle gespielt haben als die Reifendrücke an sich. Der Druck gleicht die zusätzliche Belastung und Ähnliches aus. Ich will nicht nur über die Belastung reden, weil in unseren Simulationen schauen wir uns viele Dinge an: Die Belastung, die Geschwindigkeit, den Sturz. Nicht nur die Belastung. Aber sagen wir, dass die zusätzliche Belastung durch den Reifendruck ausgeglichen wird. Am Ende des Tages ändert das trotzdem wenig. Aber die Streckenentwicklung ... gestern war wenig Gummi-Abrieb auf der Strecke. Die Temperatur ... wenn wir über den Asphalt reden, dann waren das 15 Grad mehr als gestern. Und die Tatsache, dass die Teams keine Chance hatten, alle drei Mischungen ordentlich zu testen, besonders den Soft, weil sie in FP3 den Fokus auf andere Dinge gelegt haben, zum Beispiel auf das Setup des Autos mit dem Ultrasoft für das Qualifying. All das hat das Rennen unvorhersehbar gemacht. Nicht nur die 1.5 psi Reifendruck.

Pirelli: Geänderte Austin-Reifendrücke eine reine Sicherheitsfrage

Aber nach dem Qualifying gelten Parc-Ferme-Regeln, man kann das Setup nicht mehr ändern. Denken Sie, dass eine so späte Änderung unfair ist? Oder ist die Änderung so klein, dass es keine Rolle spielt?
Mario Isola: Nein, du kannst den Reifendruck sowieso danach noch ändern. Du kannst vorne und hinten ausbalancieren. Du kannst kleine Änderungen vornehmen, um das auszubalancieren. Sicher, wenn wir die Daten schon am Freitag haben, dann können wir auch die Vorgabe für den Sturz ändern. Das machen wir eben wegen dem Parc fermé am Samstag nicht mehr. Da schreiben wir nur mehr andere Reifendrücke vor. Am Ende ist es für alle gleich. Wir haben das geändert, weil wir im Durchschnitt die Performance unterschätzt haben. Es hängt nicht nur an einem Team, es war ein häufiger Effekt. Das war gestern stärker, als es die Simulationen vorhergesagt haben. Wenn ich auf die anderen 17 Rennen zurückblicke, dann sind die Teams bei den Simulationen sehr gut. Deswegen mussten wir die Reifendrücke nur drei, vier Mal in diesem Jahr ändern. Normalerweise sind die Simulationen sehr genau. Wenn sie die Reifendrücke unterschätzen oder überschätzen, dann passen wir die Vorgaben eben entsprechend an. Diese dienen nur der Sicherheit, nicht der Performance.

Die Teams waren vom Verhalten von Soft und Supersoft überrascht. Waren Sie überrascht, oder konnten Sie das vorhersehen?
Mario Isola: Nein, bezüglich der Abnutzung war ich nicht überrascht. Was die Performance angeht - die schätzen wir vorher ein. Zum Beispiel haben wir die Rundenzeit und die mögliche Abnutzung und so weiter errechnet. Während dem Rennen sammeln wir weitere nützliche Daten. Wir sind nicht immer ganz dran an der Realität, aber es ist schwierig, weil man heute zum Beispiel auch den Benzinverbrauch kontrollieren musste. Das Virtuelle Safety Car hat die Reifen für ein paar Runden abgekühlt, was das Reifenleben und die Performance beeinflusst hat. Wenn du zum Beispiel zu Beginn des Rennens bei noch schwerem Auto ein Safety Car hast und die Reifen überbeansprucht hast, dann hilft dieses Safety Car deinen Reifen massiv. All das ist unmöglich vorherzusagen.

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