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Formel 1

Favoriten-Check USA: Verhindert Räikkönen Hamiltons WM-Party?

Ferrari ist beim Formel-1-Rennen in Austin zurück. Wegen Sebastian Vettels Strafversetzung muss Räikkönen Hamilton Druck machen. Wie stehen die Chancen?
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Alles ist angerichtet für Lewis Hamilton: Der USA GP 2018 in Austin könnte seine Triumphfahrt zu Formel-1-Titel Nummer fünf sein. Die Ausgangslage könnte kaum besser sein. Der Mercedes-Pilot startet heute von Pole, Titel-Kontrahent Sebastian Vettel nur von Rang fünf. Bei einem eigenen Sieg muss Hamilton hoffen, dass Vettel nicht Zweiter wird - und der WM-Titel ist im Sack.

Bitter für Vettel: Erstmals seit Monza läuft der Ferrari wieder. Und ausgerechnet an dem Wochenende, an dem es wieder aufwärts geht, wird er strafversetzt. Ohne sein Rot-Vergehen und die fälligen drei Plätze würde Vettel heute direkt hinter Hamilton ins Rennen gehen. Nur 0,061 Sekunden fehlten ihm auf die Pole-Zeit.

Sebastian Vettel hat ein Ass im Ärmel

Zwischen ihm und Hamilton stehen Teamkollege Kimi Räikkönen, Valtteri Bottas und Daniel Ricciardo. Braucht Vettel also gar nicht mehr an den Sieg denken? Immerhin ein Ass scheint er noch im Ärmel zu haben: die Supersoft-Reifen.

Der finale Schlagabtausch wurde wie immer auf dem weichsten verfügbaren Reifen ausgetragen, in Austin also auf Ultrasoft. Doch im Q2 qualifizierten sich beide Mercedes, Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo auf den Supersofts für das Rennen.

Mercedes in Supersoft-Turbulenzen?

Und dabei staunten viele nicht schlecht: Vettel fuhr im Q2 die klar schnellste Zeit der Supersoft-Piloten. Hamilton musste sogar einen zweiten Versuch starten und fuhr dennoch vier Zehntelsekunden langsamer. Kleiner Nachteil: Seine Startreifen haben deshalb schon eine Runde mehr auf dem Buckel. Aber auch Valtteri Bottas war deutlich langsamer als Vettel.

Hat Mercedes ein Supersoft-Problem? Ist das noch Vettels große Chance? "Ich glaube nicht" sagte er zu Motorsport-Magazin.com. "Wahrscheinlich hatte Lewis nur eine schlechte Runde." Hamilton, der Vettels Antwort interessiert lauschte, war damit nicht zufrieden. "Nein, die Runde war gut. Ich habe selten schlechte Runden", sagte er mit einem Zwinkern. Vettels Konter lässt nicht lange auf sich warten: "Gut, wenn das der Fall ist, nehmen wir es gerne. Dann sind wir im Rennen eine halbe Sekunde pro Runde schneller."

Bottas: Kein Plan, Vettel einzubremsen

Eine halbe Sekunde wird Ferrari unter normalen Bedingungen nicht schneller sein, aber immerhin darf sich Ferrari erstmals seit Monza wieder reelle Hoffnungen machen, Mercedes aus eigener Kraft schlagen zu können. Unter normalen Bedingungen braucht sich Vettel von Platz fünf keine Hoffnungen mehr auf den Sieg machen - dafür sind die Performances zu dicht beieinander. Aber kann er die WM-Entscheidung immerhin noch um eine Woche verschieben?

Nicht wenige fragen sich bei dieser Ausgangssituation und den Geschehnissen in Russland: Muss Bottas Vettel aufhalten, um Hamilton zum frühzeitigen Titelgewinn zu verhelfen? Bottas streitet das ab: "Es gibt keinen Plan, irgendjemanden einzubremsen."

Kimi Räikkönen: Die Gefahr für Lewis Hamilton

Aber kann vielleicht Teamkollege Kimi Räikkönen Lewis Hamilton vom Titelgewinn in den USA abhalten? Durch Vettels Strafversetzung startet der Iceman immerhin von Platz zwei. Auch er war nur wenige Tausendstel langsamer als der Pole-Setter.

In Runde eins wird es jedenfalls brandgefährlich für den WM-Leader. Räikkönen ist der einzige Top-Pilot, der auf den Ultrasoft-Reifen startet. Was für die Rennstrategie wie ein kleiner Nachteil aussieht, könnte in der Startrunde der große Joker sein.

Ferrari dominiert beim Topspeed

Die Traktion auf den ersten Metern ist mit dem Ultrasoft besser. Schon in Kurve eins könnte es daher das erste Mal brenzlig werden für Hamilton. Sollte es bis dahin nicht geklappt haben, ist die lange Gerade die nächste Gefahr. Denn der Ferrari war am Samstag pfeilschnell.

Ungewöhnlich deutlich fielen die Topspeed-Werte aus. Räikkönen wurde mit 327,8 Stundenkilometer geblitzt. Vettel war mit 326,1 etwas langsamer, damit aber noch immer deutlich schneller Hamilton im schnelleren Mercedes. Der Brite wurde mit 323,8 km/h gemessen. Ein Unterschied, wie es ihn selten gab in dieser Saison.

Ferrari baut Auto zurück

Auch wenn der Ferrari-Motor zeitweise als stärkster Antrieb galt, beim Topspeed machte sich das nie so deutlich bemerkbar. "Ich glaube, sie haben eine andere Herangehensweise mit unterschiedlichem Abtrieb für die trockenen Bedingungen gewählt", meint Bottas.

Ist der Topspeed der einzige Grund, warum Ferrari plötzlich wieder konkurrenzfähig ist? Wohl nicht. Er ist ein Nebeneffekt. Ferrari ging beim Setup mehrere Schritte zurück. Abgesehen von Strecken-spezifischen Dingen wie Abtrieblevel ging man auf den Stand von Monza und Spa zurück. Mit Erfolg: Während Ferrari seit Singapur auch auf den Geraden verlor, sind die Geraden nun wieder Ferraris Stärke. Mit dem zusätzlichen Sensor an der zweiten Batterie der Power Unit soll das nichts zu tun haben.

Rennpace und Strategie geben in Austin Rätsel auf

Aber kann, wenn die frühe Attacke klappt, Räikkönen auch über die Distanz etwas ausrichten? Schließlich kommt es irgendwann zum Crossover-Punkt, an dem der Supersoft besser wird als der Ultrasoft. "Die Strategie ist aber nicht ganz klar", mahnt Mercedes Motorsportchef Toto Wolff.

Durch die verregneten ersten beiden Trainings gibt es kaum brauchbare Daten. Am Samstag fuhren zwar alle noch ein paar Longruns im 3. Freien Training, doch besonders repräsentativ sind die nicht.

Der Vollständigkeit halber trotzdem die Infos dazu: Mercedes splittete mangels Zeit die Aufgaben. Hamilton fuhr auf Supersoft, Bottas auf Ultrasoft. Bei Ferrari fuhren beide Piloten Ultrasoft.

Vettel und Räikkönen fuhren fast identische Zeiten, kamen im Schnitt auf 1:40,1 Minuten. Valtteri Bottas war auf der gleichen Mischung deutlich langsamer: Er fuhr - in einem allerdings etwas längeren Run - im Schnitt 1:40,7 Minuten. Hamilton fuhr auf den Supersoft 1:40,1 Minuten.

Allerdings fuhren die Mercedes-Piloten ihre Longruns zu Beginn der Session und gingen dann auf Zeitenjagd, Ferrari hatte genau die konträre Herangehensweise. Zu viel sollte man in die Zeiten also nicht hineininterpretieren.

Red Bull spielt in Austin kaum eine Rolle

Und was ist mit Daniel Ricciardo? Kann der zumindest Vettel das Leben schwer machen? Es sieht nicht danach aus. Im Qualifying war Red Bull erschreckend weit zurück. 1,2 Sekunden fehlten Ricciardo auf Vettel. Das ist mehr als eine Welt. Im Rennen läuft es zwar meist deutlich besser, aber auch Ricciardo selbst weiß: "Ob wir dann zwei oder sechs Zehntel langsamer sind ist egal."

Motorsport-Magazin.com-Prognose: Hamilton ist natürlich auch in Austin Top-Favorit. Vor allem, weil sich Vettel mit der Strafe selbst um die gute Chance gebracht hat - das wäre richtig eng geworden. Doch auch Räikkönen könnte diesmal für etwas Würze sorgen. Und wer weiß, vielleicht bringt ein Safety-Car oder eine ungewöhnliche Startrunde Vettel ja wieder in eine gute Position? Die Pace, um Mercedes zu fordern, wäre jedenfalls da.


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