Formel 1

Formel 1 Singapur 2018: Die heißesten Fragen zum Nachtrennen

Sebastian Vettel braucht in Singapur dringend einen starken Konter gegen Lewis Hamilton. Hilft ihm Kimi Räikkönen noch? Oder eher Red Bull? Die Brennpunkte.
von Jonas Fehling
Formel 1 2018: Brennpunkte vor dem Singapur GP: (11:14 Min.)

Singapur feiert 2018 sein zehnjähriges Jubiläum in der Formel 1 nach dem Debüt 2008. Im Fokus des 15. Saisonrennens steht einmal mehr vor allem eine Frage: Wie geht es weiter im WM-Kampf zwischen Sebastian Vettel und Lewis Hamilton? Beim Nachtrennen gibt es dabei besonders viele Einflussfaktoren. Wegen der besonderen Strecke, aber auch einer neuen teaminternen Situation ...

Singapur-Brennpunkt #1: Schlägt Sebastian Vettel zurück?

Sebastian Vettel ist in Singapur einmal mehr zum Siegen verdammt - oder zumindest zu einem effektiven Konter im WM-Duell gegen Lewis Hamilton. Nach den Rückschlägen vor der Sommerpause gelang der in Spa zwar sofort, doch erlitt der deutsche Ferrari-Pilot in Monza gleich wieder einen Rückfall. 30 Punkte beträgt Vettels Rückstand nach Platz vier und Sieg für Hamilton nun auf den Briten. Bei nur noch sechs Rennen nach dem Singapur GP sollte Vettel also dringend einen gehörigen Batzen davon abfeilen.

Die Chancen darauf stehen auf dem Papier gut. Singapur galt schon immer als Mercedes-Angststrecke, Ferrari dagegen kam gut zurecht in Marina Bay. 2015 gewann Vettel, 2016 entledigte er sich 'nur' durch einen Fahrfehler im Qualifying aller Chancen, 2017 hätte er ohne den Startunfall ebenfalls eine große Siegchance gehabt. Noch dazu ist der Ferrari 2018 in Relation zu Mercedes generell noch einmal etwas stärker geworden.

"Wir haben Grund zur Zuversicht. Wir haben ein Auto, das auf jeder Art von Strecke stark ist. Einige Grands Prix sind besser verlaufen als andere, aber die besseren Rennen haben überwogen. Ich bin sehr zuversichtlich für Singapur", weiß auch Vettel. Es müssten aber wirklich alle Details stimmen. Gerade für den Rhythmus. Ohnehin Vettels meistverwendeter Begriff 2018, zähle der in Singapur besonders viel.

Eines dieser Details: die Reifen. Ferrari wählte in Singapur gegenüber Mercedes noch aggressiver als ohnehin schon üblich. Drei Satz Hypersoft mehr für die Roten. In Monza wurden für manchen Beobachter Kimi Räikkönen und Ferrari im Rennen auch deshalb von großem Reifenverschleiß auf Soft kalt erwischt, weil man in Italien nicht genügend der mittleren Mischung dabei hatte, im Training nicht testen konnte. Entwarnung aber für Singapur: Hier gibt's immer hin drei Satz der mittleren Pneus (Ultrasoft) je Fahrer.

Als noch entscheidender für Vettel könnte sich jedoch ein anderes Detail erweisen: Die teaminterne Schützenhilfe. Ferrari tat sich 2018 schon mehrfach schwer, stand sich selbst im Weg (Hockenheim!), wenn es darum ging, sich klar zu bekennen. Doch jetzt könnte man Vettel erst recht ein Problem eingebrockt haben: Kimi Räikkönen weiß nun, dass er 2019 nicht mehr im Ferrari sitzen wird. Die Gefahr: Dem Finnen bleiben nur noch sieben Rennen in einem siegfähigen Auto. Wird der Iceman Vettel im WM-Kampf da noch helfen? Oder eher für sich selbst fahren ...?

Singapur-Brennpunkt #2: Bezwingt Mercedes endlich Singapur?

Singapur gilt als die Nemesis Mercedes'. Selbst in den Jahren der größten Hybrid-Dominanz taten sich die Silberpfeile beim Nachtrennen schwer, waren Ferrari und Red Bull teilweise nicht einmal im Ansatz gewachsen. Auf dem Papier liest es sich zuletzt zwar besser. Doch die Ergebnisse - 2016 und 2017 gewann Mercedes erst durch Nico Rosberg, dann durch Lewis Hamilton gar in Singapur - täuschen. Es handelte sich mehr um Niederlagen der Konkurrenz (vgl. Brennpunkt #1) als Erfolge aus eigener Kraft.

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"Singapur weist Eigenschaften auf, mit denen wir in der Vergangenheit zu kämpfen hatten. Die kurzen Geraden, die langsamen, engen Kurven und die wellige Streckenoberfläche machen den Marina Bay Street Circuit für uns zu einer der kniffligsten Strecken des Jahres", warnt daher Toto Wolff. Seine Hoffnung. Das große Paradox der Formel-1-Saison 2018: Irgendwie gewinnt selten der Favorit. Wolff: "Auf dem Papier sollte die Strecke Ferrari besser liegen, aber der Kampf um die Weltmeisterschaft ist so eng, dass Prognosen beinahe unmöglich sind."

Singapur-Brennpunkt #3: Hat Red Bull Außenseiterchancen?

Enge Kurven, wenige Geraden, Straßenkurs. Also Red-Bull-Land! So einfach ist die Mathematik in der Formel 1 für manche. Außenseiterchancen sind den Bullen in Singapur zugegeben auch einzuräumen. Mehr jedoch nicht. Soweit zu gehen, Red Bull zum Favoriten zu erklären, wollen selbst die Fahrer nicht.

"Ferrari hat sich seit Monaco verbessert, wir auch, aber nicht so sehr wie sie. Monaco hatten wir etwas Luft auf sie, aber ... naja. Ferrari sollte für Singapur der Favorit sein", fürchtet Daniel Ricciardo. Damit meint der Australier nicht einmal den Motor, sondern das Chassis. Doch trotz Spec-3 von Renault hatte zuvor Ferrari bereits mit seinem dritten Upgrade für die Power Unit wieder den größeren Schritt gemacht.

"Das Qualifying wird dort jetzt sicher schwieriger, denn sie haben echt große Schritte mit dem Motor gemacht und es gibt in Singapur noch immer ein paar Geraden, wo sie einen Unterschied machen können. Wenn wir innerhalb von drei, vier Zehnteln sein können wäre das gut", sagte Max Verstappen in Monza dazu. Die Erwartungshaltung ist also durchaus etwas heruntergeschraubt als man es kennt.

"Wir haben aber eine echte Chance auf ein gutes Ergebnis. Dieses Rennen war für uns in der Vergangenheit ein starkes und ich denke wir sollten in der Lage sein, um ein Podium zu fahren", heißt es vom Niederländer unmittelbar vor dem Wochenende nun immerhin wieder etwas optimistischer.

Daniel Ricciardo wäre nach drei zweiten Plätzen beim Singapur GP in Folge damit aber nicht zufrieden. "Wie jeder weiß, liebe ich Straßenkurse. Aber deshalb wird es Zeit, dass ich dieses verdammte Ding gewinne!"

Zu einem Sieg reichte es für Red Bull insgesamt unterdessen in Singapur seit Start der Hybrid-Ära nie. Für Sebastian Vettel wäre eine Kombination dieser Statistik mit dem Ziel Verstappens ideal, könnte Red Bull so als wertvoller Puffer auf Hamilton dienen, dem Briten einige Punkte wegnehmen.

Singapur-Brennpunkt #4: Kann Alonso im Mittelfeld überraschen?

Haas, Renault, Force India und Sauber. Im Mittelfeld geht es in der Formel 1 2018 so bunt zu wie lange nicht mehr. Vor allem seit der Rettung dreht Force India bzw. Racing Point jetzt richtig auf, bringt Haas und Renault ins Schwimmen. Die zerfleischen sich unterdessen nicht nur auf der Strecke, sondern jetzt auch am grünen Tisch. (Renault-Protest in Monza, Haas-Widerspruch & Co.). Sauber dagegen setzt immer wieder einzelne Highlights, genauso Toro Rosso.

Nur von McLaren ist eigentlich gar nicht mehr die Rede. Es sei denn es geht um Krisendebatten. Woking hat es geschafft, immer weiter zurückzufallen. Inzwischen heißt der häufigste Gegner Williams - im Kampf um die letzten Plätze. Doch sollte Singapur McLaren nicht endlich noch einmal entgegen kommen - und auch Fernando Alonso auf einem Fahrerkurs glänzen können?

Selbst gibt man sich selbst jetzt noch sehr bedeckt. "Punkte sind auf jeden Fall noch immer das Ziel", sagt Alonso vor dem Wochenende. Das klingt mehr nach Durchhalteparole als nach Erwartung. Die Entwicklung müsse einfach wieder mit der Konkurrenz mithalten. "Das Feld ist im Saisonverlauf sehr konkurrenzfähig geworden. Wir wissen, dass wir deshalb hart arbeiten müssen, um diese Entwicklungsgeschwindigkeit zu halten", so Alonso. Insgesamt solle Singapur aber durchaus zumindest etwas besser zum MCL33 passen. "Garantiert ist es aber nicht", warnt Sportdirektor Gil de Ferran.

Genau das gilt im Duell gegen Haas auch für Renault, sodass die Franzosen hoffen dürfen, endlich auch auf der Strecke wieder einen Konter zu setzen. Wenn Toro Rosso da nicht dazwischen funkt. "Historisch war Toro Rosso hier immer gut. Deshalb sehen wir Singapur als gute Gelegenheit", sagt Brendon Hartley.

Singapur-Brennpunkt #5: Crasht das Safety Car die Strategie?

Alle Prognosen komplett über den Haufen werfen könnte jedoch einmal mehr Bernd Mayländer. In Singapur gilt dieses 'einmal mehr' mehr als überall anders. Die Safety-Car-Quote beim Nachtrennen beträgt nicht weniger als 100 Prozent. Sprich: Bei jedem Rennen in Singapur rückte das SC mindestens einmal aus, in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt gar 1,6 Mal. Das nimmt großen Einfluss auf die Strategie.

Die Auslöser sind vielfältig: Heftige Unfälle durch die nahen Leitplanken, verstopfte Strecke durch diverse Engpässe vor allem im zweiten und dritten Sektor und - nach erstmaligem Auftreten 2017 - auch Regen. Noch dazu die üblichen Strapazen für Mensch und Maschine: Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit. Vor allem gegen Ende des längsten Rennens der Saison - Singapur geht immer nah an die Zwei-Stunden-Grenzen - erhöht das das Fehlerpotential.

"Singapur ist körperlich und mental die größte Herausforderung. Das Rennen geht fast immer an die Zweistundengrenze, du musst hoch konzentriert bleiben, Platz für Fehler hast du keine", schildert Vettel. "Und es ist heiß, obwohl es Nacht ist. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Da kommt alles zusammen." Ricciardo berichtet unterdessen bei seinem ersten Auftritt in Singapur davon völlig auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein: "Das war eines meiner schlimmsten Rennen. Diese Erfahrung wollte ich nie wieder machen, deshalb komme ich jetzt immer übervorbereitet nach Singapur."

Doch auch die Reifen könnten für Taktikspektakel sorgen: Zum vierten Mal überspringt Pirelli wieder eine Mischung. "Im Rennen werden etliche taktische Varianten möglich sein, die allerdings von Safety Car-Phasen und weiteren unvorhersehbaren Elementen beeinflusst werden können, die für einen Stadtkurs typisch sind", sagt Mario Isola.

Formel 1 2018: Brennpunkte vor dem Singapur GP: (11:14 Min.)

Mit dabei ist auch der neue Hypersoft. Die Formel 1 sollte somit schneller denn je durch die Leitplankenkanäle donnern. Weil die Kurvengeschwindigkeiten höher sind als in Monaco - und auch noch mehr als 300 statt nur 260 Kilometer gefahren werden - steigt somit auch der physische Anspruch. "Der Effekt wird auch noch durch die 2018 schnelleren Autos größer werden", ergänzt Williams-Technikchef Paddy Lowe zusätzlich.


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