Formel 1

Formel 1: Amerikaner zu schlecht? USA-Stars fluchen auf Haas F1

Warum fährt in der Formel 1 kein US-Amerikaner? Weil keiner gut genug sei, meint ausgerechnet das Haas F1 Team - und kassiert einen Shitstorm in der Heimat.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - "Bullshit", "falsch" und "arrogant": Das Formel-1-Team von Haas hat sich in der eigenen Heimat, den USA, einen heftigen Shitstorm aus der dortigen Motorsport-Szene eingefangen. Diverse aktive und ehemalige Rennfahrer aus NASCAR, IndyCar & Co. sind in den Vereinigten Staaten Sturm gegen Aussagen des Haas-Teamchefs Günther Steiner gelaufen, aktuell fahre nur deshalb kein US-Amerikaner für sein Team, weil dort niemand bereit und gut genug für die Herausforderungen der Formel 1 sei.

"IndyCar sowieso konkurrenzfähiger als Formel 1"

"Völliger Bullshit", entrüstete sich IndyCar-Pilot Graham Rahal bei Twitter. "Wenn ihr, Haas F1 Team, das wirklich glaubt, warum ruft ihr nicht mal ein paar von uns an und lasst es uns probieren? Aber das ist unsere Zeit sowieso nicht wert. Amerikanische Fahrer sind verdammt gut. Ich bin überzeugt, dass es hier jede Menge Talente gibt. Aber bleibt lieber in der IndyCar, die ist sowieso viel konkurrenzfähiger."

Mario Andretti: Aussagen falsch und arrogant

"Word", pflichtete Alexander Rossi, 2015 als bis dato letzter US-Amerikaner in einem Formel-1-Rennen gestartet, Rahal bei. "Falsch und arrogant", wetterte Mario Andretti, F1-Weltmeister von 1978. IndyCar-Fahrer Conor Daly war ebenfalls alles andere als gut auf den Rennstall um Teamchef Steiner zu sprechen.

"Wie könnt ihr euch nur selbst ein "amerikanisches" Team nennen und gleichzeitig eure gesamte Fahrer-Nation in der Heimat derart beschimpfen?", polterte Daly. "Es hat ja nicht einmal eine Andeutung gegeben, dass es hier irgendwelche gut etablierten amerikanischen Fahrer gibt."

Das hat Günther Steiner genau gesagt

Doch was hatte Steiner genau gesagt? "Nur einen amerikanischen Fahrer zu haben, der vielleicht auf einem gewissen Level nicht mithalten kann, ist vielleicht nicht gut für den Sport. Es wäre ein Ziel, aber gerade gibt es meiner Meinung nach in den Vereinigten Staaten niemanden, der bereit für die F1 wäre", zitierte Autosport kürzlich den Tiroler. Deshalb sei das Thema US-Fahrer im US-Team gerade nicht ganz oben auf seiner Agenda - obwohl Haas "natürlich" sehr gerne einen haben würde.

Kein Wunder, würde das nicht nur dem Rennstall selbst, sondern auch der Formel 1 insgesamt in den USA extrem weiterhelfen, einen Imageschub verpassen, den gerade auch die neuen F1-Eigner Liberty Media unbedingt sehen wollen. Für Steiner ist das allerdings nur mit einem wirklich starken Piloten möglich.

Steiner: Formel 1 ganz anderer Level als alles andere

"Meiner Meinung nach wäre ein amerikanischer Fahrer großartig, aber er muss erfolgreich sein", so der Haas-Teamchef bereits im vergangenen Jahr als IndyCar-Champion Josef Newgarden erst als Kandidat für ein freies Cockpit bei Toro Rosso, dann auch kurzzeitig als potentieller Kandidat für Haas gehandelt worden war. "Ich sage nicht, dass Josef nicht erfolgreich wäre, aber du kannst nicht einfach reinspringen", erklärte Steiner.

Die Formel 1 unterscheide sich eben von allen anderen Rennserien, so Steiner. "Wenn du aus einer anderen Serie in die Formel 1 kommst, ist es schwierig. Da herrscht viel mehr Druck. Ich habe in vielen Serien im Motorsport gearbeitet und ich weiß deshalb, dass der Druck hier ein ganz anderer Level ist als irgendwo sonst", begründete der Haas-Teamchef mit eigener Erfahrung. "Das ist für mich Fakt. Hier ist der Druck gewaltig."

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Warum es USA-Fahrer in der Formel 1 so schwer haben

Als Beispiel nannte Steiner Brendon Hartley, der sich bei seinem Debüt selbst gegen einen völlig neben sich stehenden Daniil Kvyat schwer getan hätte. "Das ist normal. Aber er war ja noch mit der Kultur in der F1 vertraut, weil er Testfahrer war. Josef wurde nie daran gewöhnt. Einen Amerikaner reinzusetzen und ihn scheitern zu lassen - es war mit Alexander Rossi (bei Manor, Anm. d. Red.) genau dasselbe - ist nicht gut für ihn, ist nicht gut für die F1 in Amerika und ist nicht gut für uns", so Steiner damals etwas reflektierter als mit seinen jüngeren Aussagen.

Ein ähnliches Beispiel lieferte Scott Speed, der vor Rossi letzte, nahezu komplett erfolglose, US-Amerikaner in der Königsklasse. "Wir müssen erst sicherstellen, dass er auch Erfolg haben kann", fordert daher Steiner. Diesen Ball nahm im Zuge des Shitstorms auch einer der Kritiker wieder auf. NASCAR-Legende Jeff Gordon war zwar ebenfalls nicht begeistert, nannte statt Schimpftiraden damit aber Gründe für die US-Vakanz im Fahrerfeld der Formel 1.

"Die F1-Teams werden niemals einen amerikanischen Fahrer wirklich annehmen, es sei denn sie bauen ihn auf und trainieren ihn selbst in Europa wenn er noch neun oder zehn Jahre alt ist", so Gordon. Hinzu kommt, dass Piloten in Europa schlicht sehr viel mehr Möglichkeiten haben, überhaupt die nötigen 40 FIA-Superlizenz Punkte zu sammeln. In den USA bringt einzig die IndyCar Series wirklich nennenswerte Zähler.

Mitunter deshalb mahnt Gordon: "Es gibt in Amerika viele große Talente, die mit den richtigen Gelegenheiten und einer guten Ausrüstung erfolgreich sein könnten, aber ich sehe nicht, dass das allzu bald geschehen wird." Bei Haas könnte das ohnehin frühestens 2019 der Fall sein - für 2018 verfügen sowohl Romain Grosjean und Kevin Magnussen über laufende Verträge und genießen trotz durchwachsener Leistungen in der vergangenen Saison offenbar beide das volle Vertrauen des Teams.


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