Formel 1

Williams-Abstieg: So will sich das Formel-1-Team befreien

Williams zählt zu den größten Traditionsteams der Formel 1. Doch bei dem Privatrennstall läuft es nicht. Wie jetzt der Turnaround gelingen soll.
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Der schleichende Niedergang des Formel-1-Traditionsteams Williams hält in der F1-Saison 2017 an. Noch bei den Wintertestfahrten hatte der Rennstall einen starken Eindruck hinterlassen, galt als einer der großen Gewinner der neuen Formel-1-Regeln. Doch nach einem passablen Saisonstart mit zwei sechsten Plätzen von Felipe Massa in den ersten drei Rennen brach die Leistungskurve der Truppe aus Grove rapide ein.

Williams 2017: Stagnation von Barcelona bis Monza

Abgesehen von einem abenteuerlichen Umständen geschuldeten Wunder-Podium Lance Strolls in Baku gelang es Williams bis einschließlich Japan kein einziges Mal mehr, ein Ergebnis wie in Australien und China einzufahren. Ein einziger siebter Platz in Monza war noch das Highlight aller übrigen Rennen. Wie es zu diesem Leistungseinbruch kommen konnte? "Von Barcelona bis Monza war das Auto im Grunde dasselbe wie zu Saisonbeginn", erklärt Felipe Massa.

Mangelnde Upgrades also als Kern allen Übels? Jein. "Wir hatten nichts, das gar nicht funktioniert hat. Wir hatten in Österreich etwas zu kämpfen als wir dort ein Upgrade gebracht haben. Es hat aber im Grunde geliefert, was wir vom Windtunnel ausgehend erwartet haben", berichtet Williams-Technikchef Paddy Lowe. "Aber wir hatten ein paar Lektionen zu lernen, wie die Performance durch Setup und Balance am besten abzurufen war. Es gab kein Upgrade dieses Jahr, das uns nicht weiter gebracht hat. Es ging mehr darum, dass wir experimentieren mussten, um es mit dem Setup bestmöglich umzusetzen. "

Lowe/Massa: Updates ja, Verständnis nein

Massa bestätigt: "Wir hatten Teile, aber sie haben nicht funktioniert. Wir hatten viel, aber es hat nicht funktioniert. Das Team musste verstehen, warum es nicht funktioniert hat." Für den Brasilianer jedoch kein unvertrautes Szenario, kennt er das Team aus den letzten Jahren doch nicht gerade als Entwicklungsweltmeister. "Wann soll das gewesen sein?", fragt Massa auf Aussagen, zu Beginn seiner Zeit im Team hätte Williams noch ordentlich entwickeln.

Davon könne man allenfalls im ersten Jahr, also 2014 sprechen. "Aber alle anderen Jahre waren so wie dieses: keine Verbesserung über die Saison wie wir es erwartet hatten. Dieses Jahr auch", kritisiert Massa. "Und letztes Jahr haben wir gar nichts verstanden, wir konnten das Auto einfach nicht wie die anderen Teams verbessern. 2015 auch. Dieses Jahr haben wir gut begonnen, aber konnten uns nicht so gut verbessern wie die anderen."

Massa: Williams 2017 noch Gegner für Force India? Vergiss es!

Immerhin: In den vergangenen Wochen will Williams einige seiner Probleme nun erkannt und verstanden haben. " Wir haben etwas verändert. Wir haben noch immer gleiche Teile, aber jetzt funktionieren sie besser. Jetzt holen wir sie (die Konkurrenz, Anm. d. Red.) wieder ein, nur es ist zu spät. Warte ... wir sind noch immer Fünfter in der WM. Also doch nicht zu spät. Es fühlt sich nur so an, weil das Saisonende so nah ist", sagt Massa.

Für Force India, in den vergangenen Jahren zum neuen großen Gegner Williams' herangewachsen, werde es allerdings nicht reichen. "Dieses Jahr? Vergiss es! Sie sind stärker. Sie haben ein konkurrenzfähigeres Auto. Ich denke aber nächstes Jahr können wir mit Force India kämpfen", hofft Massa. Doch warnt er vor wieder neuer Konkurrenz: "Renault mal schauen- sie sind ein großes Team und werden stark wachsen. McLaren wird auch besser sein."

Paddy Lowes Williams-Masterplan für 2018

Doch sieht Massa einen großen Grund für Optimismus: Paddy Lowe plant, dem Williams-Boliden für 2018 eine komplette Generalüberholung zu verpassen - ein Philosophie-Wechsel trotz konstanten Reglements. "Hier versuchen sie, für nächstes Jahr eine große Veränderung am Auto zu realisieren", berichtet Massa. "Es wäre aber schön gewesen wenn das schon zwei, drei Jahre früher passiert wäre." Für das diesjährige Auto war das noch nicht möglich gewesen, stieß Lowe doch erst nach Saisonende 2016 von Mercedes zu Williams, als die Planungen des Rennstalls für 2018 bereits längst klare Formen angenommen hatten.

Doch inzwischen sieht sich Williams wieder im Aufschwung - schon in der laufenden Saison. "Vielleicht sieht es so aus, dass wir im Verhältnis zu unseren Konkurrenten in Sachen Entwicklung im Saisonverlauf zurückgefallen sind. Vor allem zu Force India, McLaren und manchmal Renault", sagt Paddy Lowe. In Japan etwa sei Force India drastisch schneller gewesen. "Aber es wechselt", verteidigt der Technikchef das Team. "Zugegeben, wir haben an Boden verloren. Aber nicht, weil die Updates nicht funktioniert haben. Es lag daran, dass wir vielleicht nicht mit der Rate entwickelt haben wie wir gesollt hätten - oder zumindest so, wie die anderen es haben."

Massa spürt erste Aufwärtstendenz

Inzwischen hat Williams jedoch nachgelegt. "Wir verstehen jetzt, wie wir das Auto entwickeln müssen. Den Job, den wir in vergangenen Monaten mit dem Auto gemacht haben, ist definitiv der, den wir seit Jahresbeginn hätten machen müssen. So sind wir jetzt hinten dran, haben viele Gelegenheiten ausgelassen. Aber in den letzten Monaten haben wir das Auto jetzt definitiv konkurrenzfähig gemacht", meint Felipe Massa.

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Das zeige nicht nur sein Einzug in das Q3 beim Japan GP. "Ich habe in meiner letzten Runde in Malaysia einen Fehler gemacht, sonst wäre ich da schon in Q3 gewesen. Wir waren da schon konkurrenzfähig. Der neue Heckflügel hier war jetzt auch gut. Das ist positiv", sagt der Brasilianer. Das gelte für alle Updates, die zuletzt an den FW40 gekommen seien. Massa: "Wir haben in der Saisonmitte keine Verbesserungen gesehen. Hier jetzt den neuen Heckflügel, wir hatten Neues an den Bremsen, am Unterboden und noch paar Ideen, die wir am Auto geändert haben."

Formel-1-Saison 2018 hat für Williams schon begonnen

Insgesamt zielt Williams dabei jedoch kaum mehr auf Verbesserungen für die laufende Saison. " Das meiste, das wir jetzt machen, machen wir bereits für 2018. Deshalb erwarten wir jetzt keinen sensationellen Umschwung mehr. Wir haben vor einem Monat angefangen umzuschalten. Wir bringen seitdem Dinge ans Auto, die für nächstes Jahr gedacht sind. Der Heckflügel hier ist ein gutes Beispiel, der darauf zielte. Das heißt jetzt nicht, dass wir den so bringen werden. Aber was wir damit lernen, fließt ein", schildert Lowe mit Blick auf seine großen Pläne für das Design 2018.

Dass diese Teile jedoch auch am aktuellen Boliden helfen, könne angesichts der insgesamt konstant bleibenden Regeln nur ein gutes Zeichen sein, so Felipe Massa. "Wir wissen, dass wir uns anstrengen müssen, um das Auto weiter zu verbessern. Nächstes Jahr gibt es dieselben Regeln wie dieses, sodass einige der Verbesserungen auch schon Entwicklungen für nächstes Jahr sind. Du versuchst, Dinge zu bringen, die schon für nächstes Jahr sind."

"Und jetzt können wir mit den anderen Teams um die fünfte Position kämpfen. Das ist alles, was wir wollen." Zumindest in dieser Saison, ist bei mehr als 70 Punkten Rückstand auf Force India realistisch betrachtet doch nichts anderes mehr möglich. Ab 2018 aber soll es für Williams dann wieder um mehr gehen - trotz zunehmender Konkurrenz durch die aufstrebenden Teams Renault und McLaren.


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