Formel 1

Monaco GP 2017: Auf diese Überraschungen müssen sich die F1-Fans gefasst machen

Die ersten Trainings in Monaco verliefen völlig anders als alles bisher in der F1-Saison 2017 Gesehene. Bitte anschnallen! Diese Überraschungen sind drin:
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Wenn die Formel 1 in Monaco ihre Zelte aufschlägt - oder vielmehr sich mit Müh' und Not ins enge Fahrerlager quetscht - bedeutet das traditionell Spektakel pur. In Monte Carlo läuft nichts wie gewohnt, fast alles ist anders - von Kräfteverhältnis über Glanz & Glamour bis Strategie-Überlegungen. Kurzum: Die Königsklasse steht Kopf.

Ganz besonders gilt das offenbar für die Saison 2017. Zumindest legen das die ersten Trainings am Donnerstag nahe. Motorsport-Magazin.com mit einem Überblick, auf welche möglichen Überraschungen, Knüller und Sensationen sich die F1-Fans unbedingt gefasst machen müssen. Bitte anschnallen!

Wilde Leitplanken-Hatz: Wie viele Rekorde denn noch?

Sebastian Vettel stieß in Monaco in völlig neue Dimensionen vor - Foto: Sutton

Völlig irre, wie schnell die Formel 1 mit den neuen 2017er Autos durch den Leitplanken-Wirrwarr von Monaco ballert. Gleich vier neue Rundenrekorde lieferte das Wochenende bisher. "Wir sind jetzt schneller, es gibt mehr Grip", sagt der aktuelle Rekordhalter Sebastian Vettel. Dabei sind gerade einmal die beiden ersten Trainings auf noch recht 'grüner' Strecke absolviert!

"Wir sind schon jetzt zwei Sekunden schneller als im FP1 und FP2 vergangenes Jahr", jubelt selbst der so besonne Pirelli-Mann Mario Isola. Was geht da erst im Qualifying? Offenbar noch eine Menge, vertraut man Kimi Räikkönen: "Wir sehen dann am Samstag, wo wir landen, sobald wir mal richtig pushen."

Unfälle: Wer zerlegt am meisten?

Top-10 Monaco Crashes: (01:16 Min.)

Der brachiale Speed der neuen Boliden führt in Kombination mit deren um 20 Zentimeter gestiegener Breite jedoch zwangsläufig dazu, dass die Unfallgefahr in Monaco signifikant steigt. Zwar gab es im Training bislang nur einen wirklich heftigen Crash, als Rookie Lance Stroll den Williams Verstappen-like in die Massenet-Leitplanke setzte, doch spielte in vielen anderen Fällen nur Glück eine entscheidende Rolle.

So küsste Marcus Ericsson die Leitplanke am Casino, Esteban Ocon vor Portier. Selbst die starken Ferrari touchierten mehrfach die Bande. "Am Auto war nichts kaputt, ich konnte immer weiterfahren. Nach dem dritten oder vierten Mal habe ich mir aber gedacht 'Lass' es jetzt mal sein, schau', wo du hin fährst!", berichtete Vettel. Wenn schon einer der Besten der Zunft einen solchen Ritt auf der Rasierklinge hinlegt - was soll dann erst im Qualifying passieren, wenn es für Herren wie Palmer, Stroll & Co. ums Ganze geht?

Ferrari: Erster Monaco-Sieg seit 16 (!) Jahren?

Vorschau: Das erwartet die F1 in Monaco: (04:40 Min.)

Was für eine Machtdemonstration! Ferrari gab im Training den Ton auf eine Weise an, wie schon lange nicht mehr. Nicht nur auf eine schnelle Runde - in Monaco sowieso das Wichtigste überhaupt - war Sebastian Vettel eine Klasse für sich, auch im Longrun sahen die Ferrari exzellent aus. Sogar sein bekanntes Understatement musste Vettel angesichts dieser Gala aufgeben. Doch etwas Besonderes ist das nicht nur, weil es zuletzt immer super eng zuging mit Mercedes, sondern auch, weil Ferraris jüngste Monaco-Bilanz alles andere als ehrenwert ist.

Ich würde sagen, dass es wieder an der Zeit ist, dass Ferrari hier gewinnt. Wir sind bereit!
Sebastian Vettel

Stolze 16 Jahre ist der bis dato letzte Triumph der Scuderia in Monte Carlo her. Lässt Vettel erstmals seit Michael Schumacher 2001 Maranello an einem Monaco-Wochenende wieder jubeln? "Ich würde sagen, dass es wieder an der Zeit ist, dass Ferrari hier gewinnt. Wir sind bereit!", verspricht Vettel. Nichts anderes erwartet auch die Konkurrenz: "Vettel ist momentan außen vor", sagt Red Bulls Helmut Marko im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Ferrari war in sehr guter Form", bestätigt Pirellis Mario Isola.

Toro Rosso: Wunder im Fürstentum?

Toro Rosso kommt in Monaco ausgesprochen gut zurecht - Foto: Sutton

Es war die große Überraschung des Trainingsdonnerstags in Monaco: Schon im ersten Training merkte Toro Rosso auf, als Carlos Sainz und Daniil Kvyat selbst ohne Ultrasofts in die Top-10 fuhren. "Beeindruckend!", meint Pirellis Mario Isola. Am Nachmittag drehte das Duo mit den weichsten Pirelli dann richtig auf - sogar einen zwischenzeitlichen Streckenrekord erzielte der Russe. Das sensationelle Endergebnis: P4 & P5 - vor Mercedes! "Wenn sie im Qualifying nicht vor uns sind, dann ist das etwas, was ich niemals verstehen werde", sagt Carlos Sainz.

Die Chancen für Toro Rosso sind echt gegeben.
Helmut Marko

Geht da was in Monaco? Mischen die Jungbullen die Spitze auf? So ganz traut dem Braten noch niemand. "Wir sollten nicht ausflippen", sagt Daniil Kvyat. Auch Motorsportberater Helmut Marko steigt im Exklusiv-Interview mit Motorsport-Magazin.com leicht auf die Euphoriebremse: "Diese Strecke liegt ihrem Auto. Deshalb bin ich guter Dinge, dass sie beide Autos in die Top-10 bringen. Man muss aber natürlich relativieren, da die Teams mit unterschiedlichen Benzinmengen fahren. Aber die Chancen für Toro Rosso sind echt gegeben."

Red Bull: Sieg als Wiedergutmachung?

Eine Runde in Monaco mit Max Verstappen: (02:39 Min.)

Die Kohlen für den Brause-Konzern aus dem Feuer holen soll in Monaco aber naturgemäß der große Bruder Red Bull. Auch wenn die Bullen 2017 bisland noch nicht zu überzeugen wussten - in Monte Carlo verspricht man sich aus historischer Erfahrung viel. Den ganz großen Wurf jedenfalls schließt RBR nicht aus. "Wir haben hier deutlich mehr Updates gebracht. Zusammen mit der Streckenführung ist das der Grund dafür. Unsere Erwartungen gehen von Reihe eins bis Reihe drei", sagt Marko. Tatsächlich gelang zumindest Daniel Ricciardo im FP2 bereits, sich zwischen die Ferrari zu schieben.

Ricciardo ist ein irrsinnig exakter Fahrer. Er liebt Straßenkurse.
Helmut Marko

Nach der großen, aber durch einen peinlichen Boxenstopp-Fail verpatzten, Siegchance im Vorjahr sinnt insbesondere der Australier auf Wiedergutmachung. Von Ricciardo verspricht sich auch Helmut Marko jede Menge im Fürstentum. "Ricciardo ist ein irrsinnig exakter Fahrer. Er liebt Straßenkurse. Ricciardo gehört sicher zu den schnellsten Piloten, ist einer, der sich sukzessive steigert", frohlockt Red Bulls Motorsportberater am Motorsport-Magazin.com-Mikrofon.

Mercedes: Nur unter ferner liefen ...?

Erinnerungen: Nico Rosberg über den Monaco GP: (02:06 Min.)

Dagegen gar nicht in Fahrt gekommen ist in Monaco bislang Mercedes. Regelrecht völlig von der Rolle präsentierten sich die Silberpfeile im zweiten Training. Hatte Lewis Hamilton im FP1 zuvor noch mit Bestzeit für Normalität gesorgt, sah es am Nachmittag plötzlich grundverschieden aus. Gerade so schafften es die Silberpfeile in die Top-10 - mehr als eine Sekunde fehlte auf Ferrari. Hintergrund: Eine umfassende Setup-Änderung war völlig daneben gegangen. Doch lag es nur daran? Findet Mercedes zurück in die Spur?

Beide sahen heute Morgen stark aus und ich bin sicher, dass sie es für Samstag wieder richten.
Sebastian Vettel

"Mercedes hatte Probleme mit den Bedingungen", meint Pirellis Mario Isola. "Aber ich bin sicher, dass sie etwas in den Daten finden werden, um ihre Performance zu verbessern." Mercedes' Glück im Unglück: Der freie Freitag im Fürstentum. "Aus ihrer Sicht haben sie glücklicherweise jetzt viel Zeit, um nachzudenken, zu grübeln und zu simulieren", sagt Helmut Marko steigt im Interview mit Motorsport-Magazin.com. Doch auch er geht nicht von einem leichten Unterfangen für Mercedes aus. "Es wird sicher nicht leicht, zum Speed von Vettel aufzuschließen. Wahrscheinlich liegt es am langen Radstand. Das zweite Auto mit einem langen Radstand ist der Renault und sie scheinen auch Schwierigkeiten zu haben", erklärt der Motorsportberater. Vettel dagegen rechnet fest mit dem Konter: "Beide sahen heute Morgen stark aus und ich bin sicher, dass sie es für Samstag wieder richten können."

Button on fire: Ein letztes Mal volle Kanone?

Jenson Button is back! Der McLaren-Ersatzmann für Indy-500-Ausflügler Fernando Alonso startet am Wochenende seinen 16. Monaco GP in Folge - und scheint dabei durchaus ambitioniert, in Monte Carlo seine fünfte Punkteankunft am Stück einzuheimsen. So testete der britische Weltmeister von 2009 schon im Training, wie sich trotz Monaco überholen lässt. Und das nicht mit irgendwem: Ausgerechnet Landsmann Lewis Hamilton suchte sich JB als Opfer aus. Ein Rennmanöver schon im Training. Die neuen Autos? "Irre!", sagt Button - da ist jemand heiß wie Frittenfett!

Öde Einstopp-Strategie als krudes Pokerspiel?

Wissenswertes über den Monaco GP: (00:58 Min.)

Das Qualifying ist in Monaco nicht die halbe, sondern beinahe die ganze Miete, heißt es. Dennoch: Die Siegquote von Pole ist etwa in Spanien höher. Warum? Weil in Monaco immer völlig Unvorhergesehenes passieren kann, was mitunter die Strategien völlig über den Haufen zu werfen vermag. Gerade in diesem Jahr ein womöglich entscheidender Schlüssel, bauen selbst die ultraweichen Reifen so gut wie nicht ab. "Wir hatten mehr oder weniger null Abbau - auch auf langen Stints", berichtet Pirellis Mario Isola. 77 Runden könne sogar der Ultrasoft im Rennen durchhalten. "Und da mache ich keine Witze. Sie sollten in einer Position sein, das ganze Rennen auf einem Satz zu fahren", stellt der Italiener klar.

Da mache ich keine Witze. Sie sollten in einer Position sein, das ganze Rennen auf einem Satz zu fahren.
Mario Isola

Die Folge: In Sachen Strategie ist alles möglich, obwohl, bei normalem Rennverlauf, niemand mehr als einen Stopp im Fürstentum erwartet. "Sie haben verschiedene strategische Optionen, denn sie können wechseln wenn sie wollen - je nach Rennbedingungen. Denn falls am Anfang ein Safety Car kommt, ist es eine ganz andere Situation", sagt Isola. "Ich gehe davon aus, dass jeder einen langen Stint auf dem Ultrasoft plant." Wegen genau dieser Kombination (SC-Risiko gerade am Start, schneller Wechsel auf US, dann Durchfahren möglich, da kaum Abbau) erscheint ein Start auf den Supersofts sinnvoll. Im Rennen werde zudem das gemessene Delta zwischen den weichsten Mischungen von 0,7 Sekunden kleiner ausfallen, sodass man mit dem Supersoft kaum den Anschluss verlieren würde - gerade im traditionellen Monaco-Zug.

Doch gilt diese Überlegung nach Einschätzung Isolas nur für außerhalb er Top-10. Mit dem Supersoft ins Q3 einzuziehen erachtet der Pirelli-Mann als viel zu riskant. "Die ersten zehn Autos liegen nicht so weit auseinander. Wenn du dir dann die 0,7 Sekunden ansiehst, das Delta von Supersoft zu Ultrasoft, dann ist es recht riskant zu versuchen, mit Supersoft in Q3 zu kommen. Wenn du einen Fehler machst oder Verkehr hast, was in Monaco immer passieren kann, dann ist es ein großes Risiko und du von P11, P12, P13 startest", sagt Isola.


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