Formel 1 - Begeisterter Button fällt über Hamilton her

Vollgas wie nie zuvor

Jenson Button kam bei seinem Spontan-Comeback in den Straßen Monacos am ersten Tag gut zurecht. Wie gut, bekam Lewis Hamilton aus nächster Nähe zu sehen.
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Motorsport-Magazin.com - Jenson Button war beim Trainingsauftakt in Monaco eines der großen Fragezeichen. Wie würde sich der F1-Rentner bei seinem Comeback im Fürstentum schlagen, ohne zuvor auch nur eine einzige Runde in McLarens 2017er Boliden gedreht zu haben? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Schon im ersten Training war der Weltmeister von 2009 voll der bei der Musik. Am Nachmittag war er augenscheinlich schon wieder voll in seinem Element.

Das 2. Freie Training war fast vorbei, als Jenson Button sich bei der Anfahrt auf die Hafenschikane außen an Lewis Hamilton vorbeiquetschte. Der McLaren-Reservist trug damit in den Straßen von Monaco quasi das erste echte Überholmanöver mit einem Boliden der 2017er Generation vor, auch wenn sich der Mercedes-Pilot nicht wirklich zur Wehr setzte. Von außen betrachtet schien Button tatsächlich keine Eingewöhnungsprobleme zu haben.

Es tut mir leid, wenn die Leute das gehört haben.
Jenson Button

Nachdem er am Vormittag als 14. nur anderthalb Zehntel auf Teamkollege Stoffel Vandoorne verlor, rückte er in der zweiten Session bis auf ein halbes Zehntel an diesen heran und platzierte sich als Zwölfter in Schlagdistanz zu den Silberpfeilen. Dass der 36-Jährige wieder voll in seinem Element war, zeigte sich auch im Boxenfunk, wo er sich lautstark über Bummler beschwerte. "Es tut mir leid, wenn die Leute das gehört haben. Ich hoffe, sie haben die 'Beeps' an den richtigen Stellen gemacht", zeigte er Zeichen von Reue.

Aber eigentlich war es doch nicht so verkehrt. "Derjenige hatte es schon verdient. Das Ding in Monaco ist, dass du einfach immer in den Spiegel schauen musst. Es ist die größte Frustration, wenn du Leute vor dir hast, die verlangsamen, wenn du auf einer schnellen Runde bist. Ich hoffe, dass es im Qualifying besser läuft. Unsere Jungs machen was das angeht einen fantastischen Job. Ich hoffe, dass die anderen Teams das auch so regeln, denn das ist hier sehr wichtig", fügte er an. Klingt fast so, als ob Button nie weg gewesen wäre. Doch hat es sich auch so angefühlt?

Monaco 2017 ist irre

So vertraut, wie es äußerlich den Anschein machte, war der Routinier mit seinem neuen Arbeitsgerät dann aber doch nicht. Wie auch, hatte er den MCL32 doch nie zuvor gefahren. "Beim Anbremsen fühlt es sich so an, als ob ich gleich in der Mauer landen würde. Das ist erstmal sehr seltsam", erklärte Button den Kulturschock, den ihm die Boliden der 2017er Generation verpassten. "Früher hätten, wenn ich so spät gebremst hätte, die Räder blockiert und ich wäre abgeflogen. Vor allem im zweiten Training als es plötzlich so viel mehr Grip gab, kam der Schock."

Der erste Teil des Schwimmbads geht Vollgas. Ich glaube, den bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht voll gefahren.
Jenson Button

Die zweite Offenbarung kam in den schnellen Passagen, die Button in Monaco dank dem neuen Reglement wie nie zuvor erlebte. "Der erste Teil des Schwimmbads geht Vollgas. Ich glaube, den bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht voll gefahren", so der begeisterte Rückkehrer, der das Grinsen beinahe nicht mehr aus dem Gesicht bekam: "Wenn du so spät bremst und die Kurve noch bekommst, hast du ein breites Grinsen im Gesicht. Es ist irre, diese schnellen Autos hier zu fahren."

Nachdem Button in den vergangenen Jahren als Stammpilot immer seltener vollmotiviert schien, kann der seinen kurzen Abstecher zurück in die Formel 1 umso mehr genießen. "Ich bin definitiv zum richtigen Zeitpunkt zurückgetreten. Aber jetzt habe ich es sehr genossen, wahrscheinlich noch mehr als in den letzten Jahren. Erstmal weil ich sieben Monate nicht mehr gefahren bin und zweitens, weil die Autos besser sind. Die schnellen und die langsamen Kurven, du kannst so viel später Bremsen und mehr Geschwindigkeit mitnehmen. Das habe ich seit Jahren nicht mehr erlebt", freute sich der Brite.

Top-10 Monaco Crashes: (01:16 Min.)

Kein ganz normaler Tag im Büro

Richtig befremdlich wurde es für ihn aber erst, als er sich die Gegner aus der Cockpit-Perspektive anschauen durfte: "Das Komischste ist, wenn du ein Auto durchlässt und dir diese Ausmaße anschaust. Es ist gigantisch und du bist dir nicht mehr sicher, ob du zu nah den Leitplanken dran bist", erklärte Button seine Begegnung der anderen Art.

Das Komischste ist, wenn du ein Auto durchlässt und dir diese Ausmaße anschaust.
Jenson Button

Wirklich fremd gefühlt hat sich der 305-fache Grand-Prix-Teilnehmer aber trotzdem nie, schließlich ist er bei McLaren seit vielen Jahren zuhause. "Es war nicht seltsam, aber aufregend. Ich denke, für die meisten Leute ist es im Büro nicht immer aufregend. Abe dann gibt es diese Tage, die besonders sind. Und heute ist so einer", erklärte er.

Überwogen hat deshalb von Beginn an ganz klar die Freude, wieder einen Boliden in der Königsklasse bewegen zu dürfen: "Als ich auf meiner Installationsrunde in der Mirabeau ankam, musste ich kurz darüber lachen, dass ich nach sieben Monaten doch wieder ein F1-Auto fahre - und das auch noch in Monaco."

Jenson Button fuhr ohne Vorkenntnisse mit dem MCL32 gleich auf Augenhöhe mit Stammpilot Stoffel Vandoorne - Foto: Sutton

Button: Muss mehr an mir arbeiten, als am Auto

Nachdem Button ohne Anlauf das Level des Teamkollegen erreichte, weiß er ganz genau, an welchen Schrauben er noch drehen muss, damit es für ihn am Samstag weiter nach vorne geht. "Ich bin das Auto jetzt 65 Runden gefahren und da kommt noch mehr. Es geht nicht darum, das Auto zu verbessern, sondern darum, Vertrauen aufzubauen", weiß der Routinier, dem der Charakter des MCL32 entgegenzukommen scheint: "Manche Autos kann ich nicht schnell fahren, weil du für sie aggressiv sein musst. Für dieses Auto musst du aber präzise sein, denn sonst beißt es dich. Ich habe immer schon versucht, so präzise wie möglich zu fahren."

Es wird sich am Samstag sicherlich alles ändern, denn ich erwarte nicht, im Zeittraining auf einem Zehntel an einem Mercedes dran zu sein.
Jenson Button

Nachdem er am Donnerstag sogar in Schlagdistanz zu den Silberpfeilen war, erwartet er sich für das Qualifying jedoch ein gänzlich anderes Kräfteverhältnis. "Das Grid ist im Moment sehr durcheinander. Es wird sich am Samstag sicherlich alles ändern, denn ich erwarte nicht, im Zeittraining auf einem Zehntel an einem Mercedes dran zu sein", will er sich keinen Träumereien hingeben.

Stattdessen möchte er sein möglicherweise einmaliges F1-Comeback einfach nur in vollen Zügen genießen. "Es ist einfach eine schöne Erfahrung. Völlig egal was dieses Wochenende passiert, am Montag ist es vergessen. Für mich geht es also darum, dieses Wochenende zu genießen, Spaß zu haben und ein paar mehr schöne Erinnerungen für mich zu schaffen."


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