Der Trend hält. Für Nico Rosberg eine positive, für Lewis Hamilton eine negative Serie. "Ich arbeite noch an meiner 50. Pole Position, aber heute sah es schon einmal viel enger aus", sagt der Weltmeister am Samstagabend in Brasilien. Zuvor hatte ihn sein Teamkollege im Qualifying zum bereits fünften Mal in Folge auf den zweiten Rang verwiesen. Eine lange Durststrecke, nachdem Hamilton Rosberg in der ersten Saisonhälfte gerade samstags nach Belieben dominiert hatte.

Während Hamilton der Turnaround ansonsten kaum beschäftigt - "Was zählt, ist die WM!" -, rätselt Rosberg, warum er überhaupt plötzlich so klar Oberwasser im teaminternen Qualifying-Duell bekommen hat. "Leider habe ich keine Erklärung dafür. Dass ich jetzt im Qualifying schneller bin, ist super. Aber ich habe nichts verändert. Ich weiß nicht, woran es liegt", sagt Rosberg. Befreiter auffahren würde er seit der WM-Entscheidung jedenfalls nicht. "Der Druck war sowieso bei Lewis", versichert Rosberg.

Lewis Hamilton fehlt aktuell die absolute Perfektion, um Rosberg im Qualifying zu schlagen -
Lewis Hamilton fehlt aktuell die absolute Perfektion, um Rosberg im Qualifying zu schlagen -Foto: Sutton

Quali-Strategie: Rosberg setzt sich gegen Renningenieur durch

In der Qualifikation zum Brasilien GP jedenfalls machte sich Rosberg zunächst selbst Druck, ehe er in Q3 mit zwei von drei absoluten Sektorbestzeiten um 0,078 Sekunden vor Hamilton auf Pole raste: Nachdem er im Training einen Tick stärker ausgehen hatte als Hamilton, drehte der nämlich zunächst den Spieß um. In Q1 und Q2 war der Brite schneller. Gerade im zweiten Abschnitt geriet Rosberg in Probleme.

"Ich bin nicht schlecht gefahren. Im Q2 ist ja alles so auf Messers Schneide und ich hatte einfach elektronisch die falschen Einstellungen drin. Da ging es dann dahin und ich habe mich in drei Kurven hintereinander verbremst", sagt Rosberg zu Motorsport-Magazin.com. Für morgen sei das allerdings kein Problem, obwohl er den betreffenden Reifensatz qua Reglement am Start einsetzen muss. "Es waren nur leichte Verbremser, ich habe die Linie ja fast noch halten können. Es war nur langsam", beruhigt Rosberg.

Zu einem Problem hätte sich allerdings die folgende Anweisung Mercedes' erweisen können: Rosberg sollte nach der mittelprächtigen Runde einen weiteren Versuch auf dem Satz unternehmen, um den Einzug ins Q3 final abzusichern. Doch Rosberg sträubte sich und überzeugte seinen Ingenieur, seine Zeit werde schon reichen. "Die haben gesagt 'bleib' draußen'. Aber dann habe ich nochmal Druck gemacht, weil es wichtig war. Noch eine Runde mit diesen Reifen zu fahren, hätte mich vielleicht den Rennsieg am Sonntag kosten können. Denn die haben schon recht viel Verschleiß", erklärt Rosberg bei Motorsport-Magazin.com.

"Nico fuhr ein sehr intelligentes Qualifying, in dem er seine Pace in der Anfangsphase managte, um seine Reifen für morgen frisch zu halten", lobt Toto Wolff seinen Piloten für die kluge Überlegung.

Bei Motorsport-Magazin.com berichtete Rosberg im Detail über den schwierigen Asphalt in Sao Paulo -
Bei Motorsport-Magazin.com berichtete Rosberg im Detail über den schwierigen Asphalt in Sao Paulo -Foto: Sutton

Großer Optimismus bei Rosberg

Bereits am Freitag hatte Rosberg beschrieben, der aus seiner Sicht aufbrechende Asphalt sorge für Probleme mit den Reifen. "Daran habe ich mich jetzt angepasst und es ist okay. Man muss eben ein bisschen kreativ sein. Aber es gibt dadurch schon mehr Reifenverschleiß, weil das richtig aggressiv ist. Das haut schon rein in die Reifen", berichtet er einen Tag später. Dennoch erwarte er eher ein Rennen mit zwei Boxenstopps als deren drei.

Zunächst komme es allerdings wie üblich auf einen guten Start an, wenngleich er in Interlagos dank seiner Pole besonders optimistisch in das Rennen gehen könne. "Es ist nicht sehr weit bis Kurve eins - das hilft wenn man Erster ist", sagt Rosberg. Danach sieht der Deutsche im Grunde nur einen Gegner: Hamilton. Der Rest? Erstaunlich abgeschlagen. "Das ist sehr überraschend. Interlagos ist normalerweise sehr eng. Aber hier ist es so, dass wir viel Power den Berg hoch haben. Und natürlich haben wir eine gute Aero", versucht sich Rosberg an einer Erklärung der Mercedes-Dominanz.

Wird Hamilton seinen Teamkollegen im Kampf um den Vize-Titel unterstützen wie einst Schumacher Barrichello? -
Wird Hamilton seinen Teamkollegen im Kampf um den Vize-Titel unterstützen wie einst Schumacher Barrichello? -Foto: Sutton

Alles spricht für Rosberg - sogar Schützenhilfe?

Nahezu alles spricht also für Rosberg. Zumal Hamilton bereits ahnt, dass seine einzigen Chancen der Start und die Stopps sein werden. "Ich werde es mit der Strategie leider nicht versuchen können, weil wir annähernd dieselbe Strategie fahren", sagt Hamilton. Auch ein Überholmanöver auf der Strecke sei in Interlagos schwierig. "Auf der Strecke ist es sehr unwahrscheinlich - wenn überhaupt möglich -, dass es passieren wird", sagt Hamilton.

Hinzu kommt der Wunsch seines Arbeitgebers, mit Rosberg unbedingt den Vize-Titel gegen Sebastian Vettel abzusichern. "Das ist wichtig. Wir müssen dafür sorgen, dass Nico die nötigen Punkte sammelt. Das ist das Hauptziel", stellt Toto Wolff klar - durch die Blume eine Anweisung an Hamilton, mitzuspielen. "Lewis ist sich bewusst, dass es eine Teamaufgabe ist. Klar guckst du als Rennfahrer zuerst auf dich und dass du mehr Trophäen sammelst. Das ist ein persönliches Ziel, das wir respektieren", ergänzt der Teamchef allerdings.

Ohnehin könne Rosberg die Angelegenheit ohnehin aus eigener Kraft erledigen. "Wie wir an seiner Performance in Mexiko gesehen haben, ist Rosberg sowieso kein Fahrer, den man unterstützen muss", sagt Wolff. "Das war eine ungeheuerlich starke Runde von Nico heute. Er war in Bestform und ist absolut heiß darauf, Zweiter in der Weltmeisterschaft zu werden."

Wohl besonders, weil es sich nach Mexiko erneut um eine Traumkulisse handelt, wie Technik-Guru Paddy Lowe zu Protokoll gibt. ""Wir freuen uns auf einen großartigen Wettkampf in diesem Hexenkessel. Wir hoffen, dass wir den leidenschaftlichen und begeisterungsfähigen brasilianischen Fans eine gute Show bieten können."