1. - War Ferrari wirklich besser als Mercedes?

Ja, Ferrari hatte in Sepang die Nase vor Klassenpriumus Mercedes. Allerdings nur sehr leicht, und der Vorsprung war am Ende vor allem den Bedingungen geschuldet. Während die Silberpfeile Probleme hatten, bei bis zu 60 Grad Streckentemperatur mit den Reifen hauszuhalten, kam der Ferrari wesentlich besser mit der Hitze zurecht. Vettel konnte Mercedes seine Strategie aufzwingen, indem er es mit nur zwei Boxenstopps durchs Rennen schaffte.

Dazu lag der Sepang International Circuit dem F1 W06-Silberpfeil nicht so sehr wie viele andere Strecken. Dieses Jahr ist der Mercedes noch mehr auf Abtrieb in den Kurven ausgelegt - das vertrug sich nicht mit den Reifen-Problemen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Ferrari ein riesiger Fortschritt über den Winter gelungen ist. "Man muss anerkennen, dass Ferrari verdammt schnell war", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.

Schon in den Trainings hatte sich angedeutet, dass Ferrari die Longrun-Pace von Mercedes mitgehen kann, was vor allem Kimi Räikkönen eindrucksvoll unter Beweis stellte. Im Rennen profitierte Vettel außerdem von der frühen Safety-Car-Phase, die ihn kampflos an die Spitze führte, während Rosberg und Hamilton zum Reifenwechsel an die Box fuhren und dadurch zurückfielen.

Der Ferrari-Sieg war am Ende also aus der Kombination des schnellen Autos, der Rahmen- und Umgebungsbedingungen sowie Mercedes' Schwierigkeiten mit den Pirellis. Oder wie es der Mercedes-Vorstandsvorsitzende Niki Lauda ausdrückte: "Sie waren heute ganz einfach unschlagbar. Weil sie eine perfekte Strategie hatten und Vettel einen unglaublichen Job gemacht hat. Das Auto hat gut performt und die Reifen haben gehalten."

Die Safety-Car-Phase kam Vettel und der Strategie entgegen -
Die Safety-Car-Phase kam Vettel und der Strategie entgegen -Foto: Sutton

2. - Was bedeutet der Sieg für Ferrari?

Unheimlich viel. Der letzte Sieg datiert auf den Spanien Grand Prix 2013, als sich Fernando Alonso durchsetzen konnte. Was folgte, war eine lange Dürre-Zeit für die Scuderia mit der sieglosen 2014er-Saison als negativem Höhepunkt. Bei Ferrari ticken die Uhren etwas anders, Begeisterung und Leidenschaft zeichnen den Rennstall seit jeher dramatisch aus. Nicht umsonst entschied Teamchef Maurizio Arrivabene in Sepang, dass Strecken-Chefmechaniker Diego Ioverno mit aufs Podium soll.

"Vor allem habe ich mich für die Jungs in Maranello gefreut", erklärte Arrivabene auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "In den letzten Monaten haben sie wie Hölle gearbeitet und das war unglaublich hilfreich. Deshalb habe ich Diego Ioverno auf das Podium gebeten. Denn er repräsentiert die Leute, die nicht nur mit wunderbaren Gedanken arbeiten, sondern sich die Finger schmutzig machen. Hier und in Maranello. Es machte mich stolz, ihn da oben zu sehen. Leute wie er repräsentieren die Leidenschaft und das Herz von Ferrari."

Große Erleichterung in Maranello nach dem Sieg -
Große Erleichterung in Maranello nach dem Sieg -Foto: Sutton

3. - Was bedeutet der Sieg für Vettel?

Da musste der Heppenheimer selber überlegen. Seine ersten Siege mit Toro Rosso 2008 in Monza und China 2009 für Red Bull seien natürlich etwas Besonderes gewesen. Anscheinend war der Premierenerfolg für Ferrari aber eine eigene Hausnummer. Vettel: "Vielleicht war es noch ein klein wenig besser, weil es dieses gewisse Extra hatte. Ich weiß es nicht. Das war mein Traum."

Natürlich spielte dabei auch ein gewisser deutscher Vorgänger eine Rolle. "Das Team hat mich direkt willkommen geheißen", sagte Vettel über seinen ersten Arbeitstag in Maranello. "Als sich dort die Tore öffneten, war das wie ein wahrgewordener Traum. Ich erinnere mich noch daran, als ich das letzte Mal als kleiner Junge hier war. Ich schaute Michael über den Zaun hinweg beim Fahren zu. Und jetzt fahre ich das rote Auto. Das ist unglaublich."

Einen ersten Schritt in den Fußstapfen von Schumacher zu tun, war für Vettel sichtlich emotional - auch wenn er am liebsten eine eigene Ära bei Ferrari begründen würde. Vettel: "Als ich aufwuchs, war Michael für mich und uns alle ein Held. Damit spreche ich für alle Kartfahrer-Kinder in Deutschland. Wir haben zu ihm aufgesehen und als er jährlich vorbeischaute, um nach uns zu sehen, war das die Welt für uns." Vettel ist nach Schumacher und Wolfgang Graf Berghe von Trips der dritte deutsche Sieger in der Ferrari-Geschichte. Das Trio vereinigt insgesamt 75 Ferrari-Siege auf sich.

Der Sprung auf dem Podium kommt vertraut vor -
Der Sprung auf dem Podium kommt vertraut vor -Foto: Sutton

4. - Was bedeutet der Sieg für die Formel 1?

Vor allem eines: Endlich wieder Spannung! Das teaminterne Duell der beiden Mercedes-Piloten war zwar extrem spannend und bot gute Unterhaltung, aber: Die Silberpfeile waren zu dominant, Doppelsiege an der Tagesordnung. Ohne echten Gegner verlor der Mercedes-Zweikampf an Emotionalität. Da kam der am Funk kreischende, Tränen verdrückende, Fahnen schwenkende Vettel doch gerade recht, um den Faktor Menschlichkeit wieder in den Vordergrund zu stellen. Sport funktioniert schließlich nicht ohne echte Helden. Außerdem war es das erste Mal in der 'neuen Formel 1', dass Mercedes besiegt wurde, ohne dass das Team größere Probleme hatte.

Gleichzeitig war es ein Sieg für das Innenleben der Formel 1. Ferrari galt als einer der größten Kritiker der neuen Power Units. Ein möglicher Ausstieg aus der Königsklasse oder die Gründung einer Piratenserie war zumindest nicht mehr ganz von der Hand zu weisen. Nach den letzten Erfolgen ist der Ärger der Roten über den Hybrid-Antrieb erst einmal verflogen.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff formulierte es so: "Es scheint so, als ob die Formel 1 immer dann zuschlägt, wenn bestimmte Leute viel Lärm darum machen, die Regeln zu ändern. Das war im vergangenen Jahr in Bahrain der Fall und heute haben wir das wieder erlebt. Es war kein perfekter Tag für Mercedes, aber es war ein guter für die Formel 1."

Vettel gewann den Malaysia GP nach einem spannenden Dreikampf -
Vettel gewann den Malaysia GP nach einem spannenden Dreikampf -Foto: Sutton

5. - Was bedeutet der Sieg für Deutschland?

Endlich mal wieder eine gute Nachricht für das nicht mehr ganz so Motorsport verrückte Deutschland. Einziges Thema der vergangenen Wochen: Die Absage des Deutschland-Rennens in diesem Jahr. Ein politisches und finanzielles Hickhack, durch das selbst Experten kaum noch durchblickten. Da ist ein Rennsieg durch einen deutschen Fahrer - und das im Ferrari - doch viel einfacher nachzuvollziehen. "Ein wiedererstarkter Ferrari mit Sebastian Vettel - gerade in Zeiten, in denen wir den Deutschland Grand Prix verloren haben, ist eine gute Sache", meinte selbst Toto Wolff.

Der Vettel-Sieg schlug sich auch auf dem Fernsehmarkt nieder. Nach den schwachen RTL-Zahlen beim Auftakt in Australien stiegen die Quoten zum Malaysia GP stark an. Bei RTL verfolgten am Sonntagmorgen bis zu 5,6 Millionen Zuschauer das Rennen live im Fernsehen. Der Spitzenwert wurde am Ende des spannenden Rennens erzielt. Durchschnittlich verfolgten 4,31 Millionen (Marktanteil: 38,8 %) die RTL-Übertragung des Grand Prix von Malaysia. Das waren 100.000 Zuschauer mehr als im vergangenen Jahr.

Vettels Sieg ist positiv für den deutschen F1-Markt -
Vettels Sieg ist positiv für den deutschen F1-Markt -Foto: Sutton

6. - Ist Vettel wirklich "langweilig"?

Bernie Ecclestone hatte im Vorfeld des Malaysia-Rennens mal wieder für Wirbel gesorgt. Während einer kleinen Presserunde ließ er sich unter anderem über Sebastian Vettels Image aus und nannte Lewis Hamilton im gleichen Atemzug den besten Weltmeister, den die Formel 1 je hatte. Bernie ist inzwischen ein Fan des Briten, weil er auch wegen seiner On/Off-Beziehung zu Nicole Scherzinger weltweit bekannt ist. Seine Aktivitäten in den sozialen Kanälen, dicke Autos, Hunde und riesige Halsketten tun ihr Übriges, um auch für die breite Masse spannend zu werden.

Ganz anders Vettel, der Facebook und Co. nicht mag und sein Privatleben hermetisch abriegelt. Ecclestone sagte wenige Tage vor dem Rennen in Sepang: "Sebastian hat vier WM-Titel, aber er gehört leider zu den Fahrern, die glauben, es sei genug, in einem Rennauto herumzufahren. Ich sehe ihn nicht auf dem Roten Teppich."

Nach dem Sieg im roten Auto zeigte Vettel allerdings einmal mehr, dass er durchaus zum Publikums-Helden taugt. Auf der offiziellen FIA-Pressekonferenz im Anschluss an das Rennen haute er es einfach raus: "Ich will mich heute Abend volllaufen lassen! Das ist mir egal!" (I want to get pissed tonight). Derartige Ausdrücke hört die FIA überhaupt nicht gern, kann sogar Geldstrafen verhängen. Vettel war's egal...

40. Sieg in der Formel 1 für Sebastian Vettel -
40. Sieg in der Formel 1 für Sebastian Vettel -Foto: Sutton

7. - Wie wirkt sich Vettels Sieg auf die Statistik aus?

Sebastian Vettel hat mit seinem Sieg ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte von Ferrari aufgeschlagen. Er ist der dritte deutsche Fahrer in Diensten der Scuderia, der ein Rennen gewinnen konnte sowie insgesamt der fünfte deutsche Pilot in Maranello. Seine Vorgänger waren Wolfgang Graf Berghe von Trips, Kurt Adolff, Hans Stuck Senior und Michael Schumacher. Motorsport-Magazin.com zeigt die wichtigsten Statistik-Zahlen zu Vettels Ferrari-Sieg:

  • 40. Sieg für Sebastian Vettel in der Formel 1
  • Platz 4 in der ewigen Siegerliste für Vettel - Senna mit 41 Siegen Dritter
  • 68. F1-Podestplatz für Vettel - jetzt genauso viele wie Barrichello
  • Vettel ist 3. deutscher Ferrari-Sieger - andere: Schumacher, Graf Berghe von Trips
  • 75. Ferrari-Sieg durch einen deutschen Fahrer (Schumacher 72, Trips 2)
  • Vettel ist der 5. Deutsche bei Ferrari - zuvor Trips, Kurt Adolff, Hans Stuck Snr, Schumacher
  • 222. Sieg für Ferrari in der Formel 1
  • 682. Podiumsplatz in der F1 für Ferrari
  • Von 891 F1-Rennen führte 411 Mal ein Ferrari-Fahrer

8. - Wie geht es jetzt weiter für Vettel und Ferrari?

Nach Vettels Sieg sind die Erwartungen natürlich hoch. Es wird erst einmal erwartet, dass Ferrari auch beim kommenden Rennen in China um den Sieg kämpfen kann. Viele Experten gehen allerdings davon aus, dass ein Mercedes-Doppelsieg das wahrscheinlichste Ergebnis sein wird. China ist eine absolute Mercedes-Strecke, dazu herrschen niedrigere Temperaturen als in Sepang. Mercedes in Form von Toto Wolff blieb zunächst entspannt. "Wir haben keine Panik, aber wir müssen umdenken. Es war seit langer Zeit nicht mehr der Fall, dass wir nicht die Kontrolle über die Dinge hatten", sagte der Österreicher.

Gut möglich aber, dass Mercedes angesichts der Ferrari-Stärke die eigenen Planungen anpasst und bei einigen Rennen schon früher Updates für das Auto bringen wird als angedacht. Auch Ferrari glaubte nicht, dass das Team plötzlich die Nummer 1 im Sport ist. Der lockere Doppelsieg in Australien hat schließlich gezeigt, wozu der Silberpfeil in der Lage ist.

Maurizio Arrivabene war darauf bedacht, die Stimmung hochzuhalten, sich aber nicht zu sehr aus dem Fenster zu lehnen: "Wir bleiben mit den Füßen auf dem Boden. Ich denke, dass Mercedes super stark ist, aber wir lassen uns nicht ablenken und folgen unserem Programm." Vettel stimmte seinem Teamchef in Sachen Mercedes-Stärke zu: "Man muss realistisch bleiben. Sie hatten über den Winter, während der Testfahrten und auch im ersten Rennen einen großen Vorsprung. Der verschwindet nicht einfach."