Formel 1 / Hintergrund

Springende Pferde und lahmende Gäule - Australien GP: Die Tops und Flops

In den Tops und Flops des Australien-Rennens blickt Motorsport-Magazin.com auf Kampfgeist, starke Persönlichkeiten und rauchende Köpfe durch rauchende Motoren.
von Marion Rott

Top: Bottas' Kampfgeist

Schon während Q2 zum Australien GP spürte Valtteri Bottas Schmerzen im Rücken. Er hatte sich einen Riss an der Bandscheibe zugezogen. Austeigen und Aufgeben kam für den Williams-Piloten aber nicht in Frage. Obwohl er sehr zu kämpfen hatte, zog er das Qualifying bis zur letzten Minute durch und blieb sogar nur drei Zehntel hinter Felipe Massa zurück. Wie stark seine Schmerzen wirklich waren, zeigte sich beim Aussteigen - nur mit Hilfe von zwei Mechanikern kam Bottas aus seinem FW37.

Erste Checks im Medical Center folgten, die Nacht musste er sogar im Krankenhaus verbringen. Deshalb aber auf den Australien GP verzichten? Nein. Bottas kämpfte weiter und arbeitete vor dem Rennstart stundenlang mit seinem Physiotherapeuten, um starten zu können. Es half alles nichts: Die FIA-Ärzte verweigerten das Go und Bottas musste zusehen. Wirklich schade, dass dieser Kampfgeist nicht belohnt wurde.

Top: Vettel und Ferrari

Sebastian Vettel kann feiern - Foto: Sutton

Das erste Rennen für die Scuderia und gleich der erste Podestplatz. Sebastian Vettel ist nun die große Hoffnung der Tifosi, dass es mit ihrem springenden Pferd endlich wieder nach oben geht. Zumindest in Australien war der rote Renner mit Vettel am Steuer zweite Kraft hinter Mercedes. Der Straßenkurs ist aber nicht wirklich aussagekräftig für den späteren Verlauf der Saison - man erinnere sich nur an das McLaren-Doppelpodest 2014.

Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner war jedenfalls aus dem Häuschen. "Ich würde sagen, dass die Geschichte mit Sebastian Vettel und Ferrari schon fast nahtlos an den Beginn von Michael Schumacher und Ferrari anschließt", so das Lob von Danner. Im Gegensatz zu Vettel brauchte Schumacher aber zwei Rennen, bis er erstmals mit Ferrari auf dem Podest stand. In Australien 1996 schied er mit Bremsproblemen aus.

Top: Die Rookies mit starken Saisonauftakt

Starker Auftritt von Felipe Nasr - Foto: Sutton

Ob Felipe Nasr, Carlos Sainz oder Max Verstappen - sie alle überzeugten bei ihrem ersten Rennen in der Formel 1. Top-Noten muss vor allem Nasr erhalten. Der Brasilianer wusste zu Beginn des Wochenendes nicht einmal, ob er fahren würde, musste dann auf ein freies Training verzichten und pilotierte seinen Sauber trotzdem auf Platz fünf. Damit holte er das beste Ergebnis für Sauber seit dem Korea GP 2013 - damals wurde Nico Hülkenberg Vierter.

Aber auch die beiden Toro-Rosso-Piloten Sainz und Verstappen müssen sich nicht verstecken. Sainz kämpfte mit einem widrigen Boxenstopp in Runde 24, der knapp eine Minute vom Ein- bis zum Ausgang der Boxengasse kostete. Dennoch holte er sich mit Rang neun die ersten Punkte. Teamkollege Verstappen startete auf harten Reifen und lag vor seinem Stopp sogar auf Position sechs. Ein Motorproblem zwang den Niederländer aber zur Aufgabe, ansonsten wären Punkte wohl sicher gewesen.

Top: Der Terminator

Ein besonderer Gast auf dem Podest: Arnold Schwarzenegger - Foto: Sutton

Na wer kam denn da plötzlich auf das Siegerpodest gefiltzt, um die Interviews nach dem Rennen zu führen: Arnold Schwarzenegger. Kein steifes bla, bla, bla, sondern witzige Gespräche mit Informations-Charakter. Genau das gefällt Fahrern und Fans. Hamilton scherzte: "Ich dachte, Sie wären größer." Der Konter von Schwarzenegger folgte sofort: "Ich habe meine High Heels heute nicht an!"

Für Hamilton war dieses Interview wohl sein größtes Geschenk nach dem Sieg. "Das Podium war ehrlich gesagt richtig klasse. Normalerweise bin ich nicht so leicht überwältigt, wenn ich einen Prominenten treffe. Aber ich kann es nicht fassen, dass ich dort oben mit dem Terminator gestanden habe", scherzte er. Auch Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner war begeistert. "Das war nicht zu toppen; das war Weltklasse, wie dieser Typ den Grand Prix zu einem so herzlichen Abschluss gebracht hat. Herrlich!", lobte Danner.

Top: Mercedes

Mercedes fuhr in seiner eigenen Welt - Foto: Sutton

"Wenn sie im Qualifying 1,5 Sekunden schneller als der Drittplatzierte sind, gibt es nichts, was ich tun kann", resignierte Felipe Massa am Sonntag. Mercedes fährt auch 2015 weit vor dem Rest des Feldes. Das ist sicherlich der Spannung in Sachen Weltmeisterschaft oder Saisonsiege nicht gerade zuträglich, verlangt aber schlicht Respekt. Mercedes hat es geschafft, sich vor der Saison 2014 an die Spitze zu bringen und hat das über den Winter gehalten, wenn nicht sogar ausgebaut.

Konkurrent Williams jedenfalls verneigt sich vor der Ingenieurskunst der Silberpfeile. "Sie haben hart gearbeitet und alles richtig gemacht, daher gibt es nun die Belohnung dafür", so Performancechef Rob Smedley. "Das Level an Perfektion, das sie erreicht haben, ist einfach außergewöhnlich. Ich ziehe meinen Hut." Und das sollten wir alle tun - zumindest vor den Ingenieuren und Technikern, die fantastische Arbeit geleistet haben.

Flop: Manor steht

Auf der Strecke war von Manor Marussia nichts zu sehen - Foto: Sutton

Bei aller Sympathie und Mitgefühl für die schwierige Lage von Manor Marussia - das Wochenende in Australien war schlichtweg peinlich. Wochen zuvor war das Gerede groß: Wir wollen starten, wir kämpfen seit Monaten, wir haben die Crashtests bestanden, wir fliegen nun nach Melbourne und dann... keine Software für die Autos und damit eine Bilanz von null Kilometern.

Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene bot in Melbourne Hilfe an, allerdings nur unter gewissen Voraussetzungen. "Wir arbeiten - wie jeder weiß - weiterhin daran, unser Geld zu bekommen", erklärte Arrivabene. "Nun handeln wir mit einem anderen Unternehmen, das ist eine ganz andere Geschichte." Somit scheiterte das Team am Vorhaben Saisonauftakt. Bis Malaysia will Manor Marussia aber wirklich fahrbereit sein. Das ist auch zwingend erforderlich, denn bereits in Australien musste sich die Mannschaft vor den Stewards erklären und darlegen, warum das Team nicht startete. Die Software-Erklärung wurde akzeptiert und es drohen keine weiteren Strafen - diesmal.

Flop: Kleines Starterfeld

Es ging beschaulich zu in Australien - Foto: Sutton

Manor unpässlich, Vallteri Bottas verletzt und dann das: Daniil Kvyat musste noch vor dem Start aufgeben. Das Getriebe seines Red Bull verweigerte den fünften Gang, ein Renneinsatz war nicht möglich...da waren's nur noch 16. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Die fragile Power-Unit von Honda versagte ebenfalls den Dienst, als Kevin Magnussen seinen McLaren in die Startaufstellung fahren wollte. Aus auch für den Dänen.

Damit standen lediglich 15 Autos wirklich da, als die Ampeln ausgingen. Nach nur einer Runde war das Feld auch noch um die beiden Lotus ärmer, Pastor Maldonado crashte unverschuldet, Romain Grosjean hatte bereits vor dem Start den Vortrieb seines Boliden verloren. Weniger Autos waren in der jüngeren Vergangenheit nur 2006 beim Skandal-Grand-Prix in Indianapolis am Start.

Sauber und die Gerichtsposse

Plötzlich war Giedo van der Garde da - gefahren ist er aber nicht - Foto: Sutton

Rennfahren, Rundenzeiten, Strategie...all das trat zu Beginn des Wochenendes für Sauber komplett in den Hintergrund. Giedo van der Garde klagte sein Recht auf ein Stamm-Cockpit beim Australien GP ein und bekam Recht. Es ging nur noch um Gerichtsvollzieher, eine merkwürdige Sitzanpassung, streikende Mechaniker, irgendwann sogar um eine Privatklage gegen Teamchefin Monisha Kaltenborn und schließlich musste Sauber sogar auf das erste Freie Training in Melbourne verzichten.

Eine vollkommen unnötige Situation zum Beginn einer Saison und nicht gerade ein Pluspunkt für das Schweizer Traditionsteam. Der ehemalige Minardi-Teamchef Paul Stoddart fand im Interview mit Motorsport-Magazin.com schließlich klare Worte: "Es ist traurig für den Sport, diese Angelegenheit hätte nie nach Melbourne gebracht werden dürfen. Monisha [Kaltenborn] ist Anwältin und hätte die Entscheidung des australischen Gerichts kommen sehen müssen", so Stoddart. Zumindest für Australien wurde die Situation durch den freiwilligen Verzicht von van der Garde halbwegs friedlich gelöst, der nächste Akt des Sauber-van-der-Garde-Schauspiels ist aber bereits in Arbeit.

Flop: Drei feste Reifen sind einer zu wenig

Kimi Räikkönen kam nicht ins Ziel - Foto: Sutton

Wie haben die Teams während der Testfahrten nicht alle geprahlt: Heute lag unser Fokus auf Boxenstopp-Training. Geübt, getestet und weiter optimiert...waren während der Testfahrten vielleicht andere Mechaniker im Einsatz? Denn in Australien waren einige der Boxenstopps eher peinlich als optimal.

Besonders hart traf es Kimi Räikkönen, bei dem gleich beide Stopps in die Hose gingen. Der erste Patzer war allerdings teilweise selbst verschuldet. Dem Finnen rutschte der Finger von der Kupplung und die Räder drehten sich. Bei seinem zweiten Stopp wurde schließlich das linke Hinterrad nicht richtig befestigt und der Ferrari-Mann musste seinen Boliden nur eine Runde später abstellen. "Etwas ist gebrochen", so der Finne am Funk. "Stell das Auto ab", die Antwort von der Box. "Ist das Hinterrad locker?", fragte er. "Es tut uns leid, Kimi", so die eindeutige Antwort der Box.

Ebenfalls das linke Hinterrad klemmte bei Carlos Sainz. Der Rookie verbrachte zwischen den beiden Messpunkten fast eine Minute an der Box. Damit gelang Toro Rosso der mit Abstand längste Stopp - ein trauriger Rekord.

Flop: Renault

Auf Red Bull und Renault wartet viel Arbeit - Foto: Sutton

"Ein Motorschaden mit 50 Kilometern bei vier Triebwerken für die Saison ist etwas Unverständliches", konnte Helmut Marko sich am Freitag in Australien kaum mehr beruhigen. Daniel Ricciardo verpasste das gesamte zweite Training, weil mehrere Komponenten der Power Unit streikten. Über Nacht tauschte Red Bull den Verbrennungsmotor, den Turbolader sowie beide MGUs.

Am Samstag das nächste Problem: Daniil Kvyat klagte über Motorenprobleme und musste im dritten Training aussetzen. Auch am Sonntag wurde es nicht besser. Das Getriebe des Russen versagte noch vor dem Start. "Es könnte etwas mit den Schwingungen, die vom Motor ausgehen, zu tun haben", meinte Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Auch Max Verstappen im Toro Rosso schied nach 34 Runden mit einem Motorschaden aus. Eine niederschmetternde Bilanz für Renault. Bereits Samstagnacht gab es eine erste Krisensitzung zwischen Renault-Geschäftsführer Cyril Abiteboul sowie Horner und Marko. Am Mittwoch soll in Großbritannien nun die große Diskussion zur Situation stattfinden. Klar ist: Renault braucht schnell Lösungen, denn anstatt Fortschritt ist 2015 für den Motorenhersteller bisher nur Rückschritt.


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