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Sophia Flörsch: Wie deutsche Streckenposten ihr in Macau halfen

Ausgerechnet deutsche Streckenposten waren als Erste zur Stelle, als Sophia Flörsch beim Formel-3-Rennen in Macau verunfallte. Die Geschichte dahinter.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Die Geschichte klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein. Als Sophia Flörsch 9.000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat den wohl aufsehenerregendsten Unfall des Jahres im fernen Macau erlebt, sind ausgerechnet zwei Streckenposten aus Deutschland als Erste zur Stelle, um der Münchnerin beizustehen. Noch kurioser: Es war das erste Mal in der 65-jährigen Geschichte des Macau Grand Prix, dass auswärtige Streckenposten das berühmte Rennen überhaupt begleiten durften.

In der Lisboa-Kurve, in der Flörsch während der vierten Rennrunde schwer verunfallte, standen insgesamt 15 Streckenposten - darunter zwei Deutsche, die im Rahmen eines Austauschprogramms des Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) das lokale Team unterstützten und neue Erfahrungen sammeln sollten.

So war es wohl noch ein wenig mehr Glück im Unglück, dass sich Flörsch in ihrer Landessprache verständigen konnte, während sie mit ihrem Dallara-Chassis quer über die Streckenbegrenzung hing; eingesprüht mit dem Schaum des Feuerlöschers, der beim Überschlag in ihrem Auto ausgelöst hatte und ihr zunächst die Sicht verdeckte.

Das Streckenposten-Team in der berühmten Lisboa-Kurve - Foto: Toni Rycer

Flörsch klagte über Nackenschmerzen

Die deutschen Streckenposten reagierten schnell, als sie zusammen mit dem leitenden Marshall der Lisboa-Kurve zur verunfallten Flörsch eilten. "Meine Leute konnten den Ärzten sagen, dass sie sofort eine Nackenstütze bringen müssen, weil Sophia auf Deutsch über Nackenschmerzen klagte", erzählt Toni Rycer, der als Teamleiter mit dem deutschen Streckenposten-Quartett nach Macau gereist war und das Austauschprojekt initiiert hatte.

Flörsch kam letztendlich glimpflich davon. Die einzige Dame im Starterfeld zog sich eine Fraktur des siebten Halswirbels zu. Nach einer elfstündigen Operationsphase konnte Flörsch das Krankenhaus in Macau nach acht Tagen Aufenthalt in Richtung Heimat verlassen.

Streckenposten hielten Sophias Hand

Sie habe sich an alles erinnern können, schilderte sie im exklusiven Interview mit Motorsport-Magazin.com. Auch, wie sehr sich die beiden deutschen Streckenposten um sie kümmerten in dieser chaotischen Situation, in der sich vier weitere Personen - zwei Streckenposten und zwei Fotografen - zum Teil schwere Verletzungen zuzogen.

"Ja, das habe ich registriert", erklärte Flörsch. "Es war schön, da deutsche Stimmen zu hören und einem habe ich fast die Hand zerdrückt. Der war die ganze Zeit auf meiner rechten Seite am Cockpit. Die haben mir sehr geholfen. Für mich war es der erste große Unfall. Ich hatte mir davor noch nie was gebrochen, deshalb konnte ich den Schmerz nicht einschätzen. Da war es schön, in gewisser Weise jemand Vertrautes da zu haben."

"In der Zeit, in der sich die Ärzte organisiert haben, habe meine Leute Sophias Nacken gestützt, den Handschuh ausgezogen und ihre Hand gehalten", berichtet Teamleiter Rycer im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Sie hatte sich regelrecht festgekrallt am Arm meines Kollegen, um die Nähe zu einem Menschen zu spüren."

Vorgänge, die Streckenposten während ihrer Ausbildung lernen. Rycer, der erfahrene DMSB-Koordinator für Sportwarte der Streckensicherung: "Man muss den Fahrern zeigen, dass jemand da ist, sich um sie kümmern, mit ihnen reden und vermitteln, dass sie keine Angst haben müssen." So wie bei Flörsch, die sich später für die tolle Betreuung durch das Streckenpersonal und die behandelnden Ärzte bedankte.

Toni Rycer und sein Team beim 65. Macau Grand Prix - Foto: Toni Rycer

Rycer: In solchen Situationen funktionieren wir einfach

Rycer selbst war nicht an der Unfallstelle, tauschte sich nach getaner Arbeit aber ausführlich mit seinen deutschen Kollegen aus. Auch, um die außergewöhnlichen Geschehnisse beim Hauptrennen auf dem Guia Circuit richtig zu verarbeiten. "Wir haben schon einiges erlebt, aber das war wirklich krass. Wir haben ganz sachlich über den Unfall gesprochen, die Aufarbeitung war sehr gut", sagt Rycer und lobt sein Team: "Die Jungs gehen absolut professionell ran. In solchen Situationen funktionieren wir einfach und wissen, worauf es in diesen Momenten ankommt. Alle Achtung!"

Auch die chinesischen Marshalls an der Rennstrecke attestierten ihren deutschen Kollegen laut Rycer eine perfekte Arbeit und luden sie direkt zum nächsten Macau-Rennen 2019 ein. Denn: Tatsächlich zahlte sich ihre langjährige Erfahrung in dieser doch heiklen Situation aus. Unter den 15 Streckenposten in der Lisboa-Kurve waren neben einigen langjährigen Marschalls auch Personen, die diese Arbeit zum ersten Mal ausführten.

So war die Situation mit den mehreren Verletzten - vor allem ein Streckenposten erlitt schwere Verletzungen im Gesichtsbereich - zunächst unübersichtlich bis chaotisch. "Es waren drei Personen, die Ordnung reingebracht haben: Der Chief Marshall und meine beiden Leute", sagt Rycer. "Es ist fantastisch, wie sie da funktioniert haben. Genau in solchen Situationen macht sich die langjährige Erfahrung und die Ausbildung durch die DMSB Academy bemerkbar."

Rycer ist froh, dass Flörsch den Unfall verhältnismäßig gut überstanden hat. Vor dem Rennen hatte er die Nachwuchspilotin noch im Fahrerlager an der Box besucht. Beide kennen sich aus der deutschen Formel 4, in der Rycers Tochter seit einigen Jahren kräftig im Team von Mücke Motorsport mitschraubt - vor zwei Jahren auch an Flörschs Formel-4-Auto, als sie für den Berliner Rennstall antrat. "Die ganze Sache ist uns sehr ans Herz gegangen", sagt Rycer.

Sophia Flörsch: Neue Videos vom Macau-Unfall aufgetaucht: (00:29 Min.)

So kam es zum DMSB-Austauschprogramm

Am Herzen liegt ihm genauso die Arbeit mit und Förderung von Streckenposten. Um jungen Menschen diese ehrenamtliche Arbeit schmackhaft zu machen, setzte sich Rycer beim DMSB für ein spannendes Austauschprojekt ein. So waren im Mai dieses Jahres zum wiederholten Male DMSB-lizenzierte Sportwarte beim Formel-3-Grand-Prix im französischen Pau tätig. Sie arbeiteten dort zum ersten Mal mit vier Kollegen aus Macau zusammen.

Im November folgte der Einsatz der vier deutschen Sportwarte beim Macau Grand Prix. Kein einfaches Unterfangen, denn beim Rennen in der chinesischen Sonderverwaltungszone war es lange Zeit Voraussetzung, dass die Streckenposten Kanton-Chinesisch sprechen müssen und ihren Wohnsitz in Macau haben. Die gute Umsetzung des Austauschprogramms machte den Macau-Einsatz der deutschen Streckenposten letztendlich möglich.

Toni Rycer abschließend: "Und dann ist dort eine deutsche Fahrerin an der Stelle verunglückt, wo zum ersten Mal überhaupt internationale Streckenposten standen - und dann auch noch Deutsche. Was für eine Geschichte, da will man eigentlich gar nicht an Zufall glauben..."


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