Joan Mir ist in der bisherigen MotoGP-Saison Honda-intern der eindeutig schnellste und zugleich der klar schlechtplatzierteste Pilot in der Fahrerwertung. Der Spanier fährt seinen Markenkollegen stets davon, doch dann kommt er im Rennen fast immer zu Sturz. Einer der anderen Fahrer im Kader erklärt nun, warum beide Faktoren miteinander zusammenhängen.
Johann Zarco gibt zu: Kann nicht so bremsen wie Joan Mir
Über die letzten Jahre war es zumeist Johann Zarco, der die Speerspitze der Japaner darstellte. Nun muss der Franzose zugeben, dass ein anderer die Pace vorgibt. "Mir schafft es oft, mehr aus dem Motorrad herauszuholen. Er ist sehr stark beim Bremsen, und wir wissen ja, dass man in der MotoGP bei Geschwindigkeiten von über 350 km/h den Unterschied ausmacht, wenn man gut bremsen kann", verrät er im Interview bei seinen Landsleuten von 'Canal+' die Stärke Joan Mirs.

Dabei hat es der Weltmeister von 2020 geschafft, einen bestimmen Stil zu praktizieren, der den anderen im Hause Honda nicht gelingt: "Wenn ich mir seine Bremstechnik ansehe, schaffe ich das nicht. Denn er haucht dem Motorrad beim Bremsen Leben ein, indem er die Bremsen loslässt und dann wieder bremst. Er schaukelt das Motorrad auf. Das ermöglicht es ihm, die Gabel anders zu beanspruchen und den Kontakt zum Hinterrad wiederherzustellen, während Marini, Diogo Moreira oder ich dazu neigen, beim Bremsen konstanter vorzugehen."
Riskante Bremstechnik erzeugt Ritt auf der Honda-Kanonenkugel
Mir verschiebt also mit einem absichtlich variierenden Bremsdruck die Balance der Honda so, dass er die Hinterradbremse besser nutzen kann. "Sobald das Hinterrad nicht mehr abhebt, berührt es wieder den Boden, doch das Motorrad bleibt steif. Um diesem vielleicht etwas zu steifen Fahrverhalten entgegenzuwirken, verleiht Mir dem Motorrad auf diese Weise Biss", beschreibt es Johann Zarco. Der MotoGP-Veteran hat schon so einige hochklassige Fahrer als Teamkollegen beobachten dürfen. Umso mehr ist er von Mirs Bremstechnik beeindruckt: "Ich kenne auch den Fahrstil der anderen, da ich lange Zeit bei Ducati war. Ich erkenne die verschiedenen Bremsstile und für mich ist das, was Mir da macht, außergewöhnlich."

Doch verwandelt sich Joan Mir damit wohl auch zu einer Art Reiter der Kanonenkugel. Diese instabile Bremstechnik über ein gesamtes Rennen im Zaum zu halten, scheint selbst für einen Piloten seines Könnens kaum möglich. "Er hat ein großes Talent dafür, aber er hat auch seine Grenzen. Ich glaube, dass er vielleicht gerade deshalb so oft Fehler begeht", lautet daher Zarcos Vermutung.
"Kann passieren, wenn du pushst!" - Joan Mir stets am Limit und darüber hinaus
Tatsächlich scheinen die Fakten diese Theorie zu belegen. Im Gegensatz zu seinem bisherigen Ruf bei Honda ist Mir in dieser Saison nicht unbedingt ein Sturz-Pilot per se. Vier Mal in drei Wochenenden lag er bisher auf der Nase, eine merkliche, aber nicht horrende Quote. WM-Leader Marco Bezzecchi stürzte beispielsweise bereits sechsmal. Das Problem: Jeder einzelne von Mirs Stürzen ereignete sich in Sprint oder Rennen. "Es ist die Konsequenz daraus, dass ich mit dem Motorrad am Limit bin", sagte der Spanier nach seinem erneuten Ausfall in Austin.

Mir hat also eine Methode gefunden, das Limit der Honda auf der Bremse weiter zu verschieben, aber diese ist stark risikobehaftet. Im Training oder Qualifying geht das noch gut, aber bei vielen Runden am Stück kommt fast zwangsläufig der Moment des entscheidenden Fehlers. Dieser bedeutet dann bei einer solchen Instabilität auf der Bremse zumeist auch den Sturz über das Vorderrad. Etwas an dieser Vorgehensweise ändern will der Spanier aber erstmal nicht: "Ich habe gepusht. Und wenn du zu 150 Prozent pushst, dann können diese Dinge passieren. Ich empfinde keinerlei Bedauern."
Vielleicht kann Joan Mir ja beim Heimrennen in Jerez seinen riskanten Fahrstil endlich einmal in ein Ergebnis ummünzen. Wir ihr den Klassiker verfolgen könnt, erfahrt ihr hier:



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