Die besten Aufholjagden aller Zeiten? Da gibt es viele Anwärter. Liverpools Comeback im Champions-League-Finale 2004/05 gegen die AC Milan, Schalkes famose Aufholjagd im Revierderby 2017/18 gegen Borussia Dortmund, Tom Bradys Meisterstück im Super Bowl 2016, die unglaublichen neun Sekunden von 'Killer-Miller' im NBA-Halbfinale der Eastern Conference 1995 oder Max Verstappens geniale Aufholjagd vom 17. Startplatz im Brasilien-GP 2024, um nur einige zu nennen. Was viele aber schnell vergessen: Auch Pedro Acosta muss hier erwähnt werden. Denn vor exakt fünf Jahren legte der damalige Moto3-Rookie im Doha-Grand-Prix ebenfalls eine Aufholjagd für die Geschichtsbücher hin. Motorsport-Magazin.com blickt zurück.
Bummeln im Training: Pedro Acosta kassiert harte Moto3-Strafe
Beginnen wir am Freitagabend, denn dort qualifizierte sich Acosta im 2. Freien Training zum Doha GP zwar als Neunter direkt für Q2, leistete sich aber auch einen bitteren Lapsus. Gemeinsam mit sechs anderen Fahrern bummelte er vor der letzten Kurve und behinderte damit andere Piloten, die bereits auf einer fliegenden Runde unterwegs waren. Etwas, vor dem die Rennleitung vor dem Rennwochenende extra noch gewarnt hatte, dass die Fahrer dies nicht tun sollten. Die MotoGP-Stewards um Freddie Spencer kannten folglich keine Gnade: Sie bestraften Acosta, Dennis Foggia, Sergio Garcia, Romano Fenati, Riccardo Rossi und Stefano Nepa mit einem Start aus der Boxengasse.
Der erste Bock in Acostas noch junger WM-Karriere, hatte er doch erst eine Woche zuvor im Katar-Grand-Prix sein Debüt in der Motorrad-Weltmeisterschaft gefeiert - und wie. Gerade einmal 16 Jahre alt, war er gleich in seinem ersten Rennen als Moto3-Pilot auf das Podium gefahren und nur um 0,042 Sekunden am Sieg vorbeigeschrammt. Schon da hatte Acosta der Weltöffentlichkeit also eindrucksvoll klargemacht, dass er kein gewöhnlicher Rookie ist. Welch gigantisches Talent aber wirklich im amtierenden Red-Bull-Rookies-Cup-Champion schlummerte, offenbarte er in jenem Doha-Grand-Prix am 4. April 2021.
Aus der Boxengasse startend, hatte den Ajo-Piloten an diesem Sonntag wohl niemand auf dem Zettel. Doch das Rennen der kleinsten WM-Klasse sollte sich ganz anders entwickeln, als die große Mehrheit das erwartet hatte. Als Gabriel Rodrigo beim Start die Führung von Polesitter und Auftaktsieger Jaume Masia übernahm und das Verfolgerfeld um Acosta mit elf Sekunden Rückstand auf die Spitze aus der Boxengasse hinterherfuhr, deutete schließlich auch noch nichts auf eine legendäre Aufholjagd hin. Doch das große Problem: Auch die Fahrer, die aus der Startaufstellung losgefahren waren, trauten ihren Verfolgern aus der Boxengasse wohl kein Comeback zu. Rückblickend eine fatale Fehlinterpretation des Renngeschehens.
Aufholjagd für die Geschichtsbücher: Pedro Acosta stürmt zum Debütsieg
Acosta und Co. völlig außer Acht lassend, entwickelte sich im Doha-GP ein Rennen zweier Gruppen. An der Spitze kämpfte die 21 Mann starke Führungsgruppe wie wild um jede Position, am Ende jagte die Verfolgergruppe den Anschluss. Wie verrückt es an der Spitze teilweise zuging? Runde zehn lieferte das perfekte Beispiel: Darryn Binder überquerte die Ziellinie als Führender, nur um sich nach Kurve eins noch auf Platz 14 wiederzufinden. Das Tempo war langsam, die Hektik groß. Ganz anders in der Verfolgergruppe: Dort hatte man sich vor Rennstart abgesprochen und hielt sich mit gegenseitigen Überholmanövern zurück. Angeführt von Acosta - und zwischenzeitlich auch kurz von Fenati - waren die Bestraften so im Schnitt mehr als eine Sekunde pro Runde schneller als ihre Vordermänner.

Kein Wunder also, dass Acosta und Co. bereits in Runde acht mit Andi Farid Izdihar und Lorenzo Fellon ihre ersten Opfer eingeholt und überholt hatten. Knapp sechs Sekunden fehlten dem 'Hai von Mazarron' zu diesem Zeitpunkt schon nur noch auf den ersten Platz. Und weil die Spitze noch immer nicht auf die herannahende Gefahr reagierte und weiter wild kämpfte, schmolz auch das letzte Puffer schnell dahin. Im Verlauf der 12. von 18 Rennrunden hatte Acosta die Führungsgruppe endgültig eingeholt und sich zwei Runden später schon auf Rang elf nach vorne gekämpft.
Zu Beginn von Runde 15 dann ein weiterer, entscheidender Rennmoment. Jeremy Alcoba verbremste sich in der Anfahrt zu Kurve eins, touchierte das Heck von Binder, stürzte und räumte dabei auch noch John McPhee ab. Zwei potenzielle Podestanwärter waren raus, im Kiesbett entbrannte ein kurzes Handgemenge zwischen den beiden Piloten. Die Unruhe im Feld erreichte einen neuen Höhepunkt, doch Acosta ließ sich davon nicht ablenken. Er nutzte die Fehler seiner Konkurrenten eiskalt aus und lag plötzlich schon auf Rang sechs.

Beginnend mit der vorletzten Runde setzte sich vorne dann eine kleine Gruppe um Rodrigo, Binder, Masia, Andrea Migno und Acosta ab. Diese Fünf hatten auf den letzten Metern offenbar die beste Pace und würden den Sieg untereinander ausmachen. Speziell Acosta zeigte dabei aber, welch großartiger Rennfahrer er in seinem erst zweiten Grand Prix überhaupt schon war. Wie ein taktisches Genie überholte er im Verlauf der vorletzten Runde Binder in Kurve zehn und Masia in der Schlusskurve, um als Zweiter auf die Start-Ziel-Gerade einzubiegen. Dort schoss er dank des massiven Windschattens in Front und ließ im Anschluss den Hammer fallen. Ganze vier Zehntel Vorsprung fuhr er zwischenzeitlich heraus. Binder konnte im Schlusssektor zwar nochmal aufholen, in Schlagdistanz für ein Überholmanöver kam der kleine Bruder von MotoGP-Pilot Brad aber nicht mehr. Und so raste Acosta um 17:41 Uhr Ortszeit als Erster über die Ziellinie und gewann sein erstes Rennen in der Motorrad-WM - aus der Boxengasse!

Unglaublich, sensationell! MotoGP-Welt huldigt famosen Pedro Acosta
"Ich habe dafür keine Worte", zeigte sich MotoGP-Kommentator Steve Day ebenso sprachlos und schockiert wie Kollege Matt Bird: "Sowas werden wir in den nächsten 25 Jahren nicht mehr wiedersehen!" Im Alter von 16 Jahren und 314 Tagen hatte Acosta als erster Moto3-Pilot überhaupt aus der Boxengasse gewonnen. KTM-Motorsportchef Pit Beirer konnte da nur schwärmen: "Das war ein sensationelles Rennen von Pedro. Er war schon vor dem Start so selbstbewusst und hat uns gesagt, dass er vorne mitmischen wird. Als er nach der ersten Runde zehn Sekunden zurück war, dachten Aki [Ajo] und ich, dass das vielleicht doch etwas zu viel wäre. Aber er ist einfach unglaublich gefahren. Das war verrückt, fantastisch!"
Auf dem Weg zum Parc Ferme verneigte sich das MotoGP-Paddock vor Acosta. Brad Binder und das KTM-Werksteam, Aleix Espargaro, Valentino Rossi oder die Mannschaften von Suzuki und Yamaha waren nur einige der Gratulanten, die in der Boxengasse auf den vorbeifahrenden Acosta warteten. Der Ajo-Rookie selbst ordnete seinen historischen Erfolg anschließend wie folgt ein: "Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Wenn du mit den besten Leuten zusammenarbeitest, ist alles möglich. Gestern hatte ich nach der Strafe Zweifel, aber heute bin ich aufgewacht und habe meinem Assistenten direkt gesagt, dass wir es schaffen können. Ich möchte mich bei meiner Familie bedanken, denn ohne sie wäre ich heute nicht hier."

Zum ersten Mal in seiner noch so jungen Karriere durfte sich Acosta nun auch WM-Führender nennen - und den ersten Platz in der Weltmeisterschaft sollte er bis zum Jahresende auch nicht mehr abgeben. Die sensationelle Aufholjagd in Katar bildete also den Grundstein für Acostas Titelgewinn in seinem Rookiejahr in der Moto3. In Portimao und Jerez folgten direkt die nächsten Siege, drei weitere gab es dann später noch am Sachsenring, in Spielberg und nochmals in Portimao zu bejubeln. Dass da das nächste Toptalent auf die MotoGP zustürmte, erkannte auch Marc Marquez. Der damals noch verletzt von Zuhause zuschauende Superstar schrieb gleich nach Acostas Zielankunft im Doha-GP auf Twitter: "Er ist gut, wirklich gut. Gratulation zum ersten Sieg von vielen in der Weltmeisterschaft! Bravo!"
Marquez sollte sich nicht irren, es war tatsächlich nur der erste von vielen Acosta-Siegen in der Motorrad-WM. Der erste Triumph an einem Sonntag lässt in der MotoGP aber noch immer auf sich warten. Damit es zeitnah klappen kann, hofft Acosta beim nächsten Grand Prix in Jerez nun auf KTM-Updates:



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