Es war in den letzten Jahren eigentlich ein Dauerthema der MotoGP. Kaum ein Wochenende verging, an dem nicht über die Entscheidungen der Stewards diskutiert oder gar gestritten wurde. 2025 ist das deutlich weniger geworden, vor allem dank Simon Crafar. Der neue Chefsteward und Nachfolger von Freddie Spencer sprach nun erstmals über seine Aufgabe und sein Selbstverständnis als Schiedsrichter der Motorrad-WM.
MotoGP-Chefsteward Crafar: Hatte es mir schwieriger vorgestellt
Im Interview mit 'GPone.com' verriet der Neuseeländer, wie sehr er in seiner neuen Rolle aufgeht. Schon der Beginn war eine große Überraschung. "Es ist nicht komplett das, was ich erwartet hatte, denn von außen betrachtet sah es für mich so aus, als wäre es eine schwierige Aufgabe und ich hätte erwartet, mehr schwierige Momente zu durchleben, über einen längeren Zeitraum. Als ich zum Beispiel als Kommentator anfing, da gefiel mir mein erstes Jahr im Job nicht, denn ich hatte das Gefühl, dass ich nicht gut darin war. Ich erlernte einen komplett anderen Karriereweg, eine neue Berufung. Das war nicht trivial, obwohl ich ein ehemaliger Fahrer war", berichtete er von seinem ersten Perspektivwechsel nach der aktiven Karriere.
Der Zweite verlief viel runder: "Es [der Job als Experte und Kommentator, Anm. d. Red.] war wirklich hart am Anfang und es hat Zeit gebraucht, es zu erlernen. Zuerst dachte ich, es wäre in meiner neuen Rolle genauso, aber ich stellte fest, dass ich bereits so viele Erfahrungen gemacht hatte, die ich genau für diesen Job brauchte. Ich fühlte mich von Anfang an großartig und bin überglücklich. So sehr sich das übertrieben anhört, ich fühle mich, als wäre ich da, wo ich hingehöre. So etwas sagen zu können, ist großartig, denn es war nicht, was ich erwartet hatte. Ich war überzeugt, dass es ein oder zwei Jahre brauchen würde, um mich annähernd wohlzufühlen."
Freddie Spencer und Kommentatoren-Kabine als Wegbereiter
Neben seiner eigenen Erfahrung als Rennfahrer aus 500er-Zeiten weist Crafar auf zwei weitere Starthilfen hin. Zum einen gibt es dezidiertes Lob für seinen viel gescholtenen Vorgänger: "Als Freddie [Spencer] hierherkam, war die Arbeit ziemlich anders. Ich schätze mich glücklich, denn er hat in seiner Zeit bereits viel verändert. Ich hatte nicht dieselben Probleme, die er hatte. Zuerst war er im selben Raum wie die Rennleitung, aber das Team war anders. Er hat buchstäblich ein neues Team aufgebaut und großartige Arbeit geleistet, denn dieses Team ist gut. Ich hatte einfach Glück, heutzutage zu beginnen und nicht damals."

Zum anderen kann er nun auch aus der Arbeit als TV-Experte seinen Nutzen ziehen: "Natürlich kannte und verstand ich bereits die Dynamiken eines Unfalls, aber in meinem vorherigen Job lernte ich, wie man gewisse Dinge kommuniziert. Es ist wichtig, eine sehr gute Kommunikation mit den Fahrern und Teams aufrechtzuerhalten. Das ist so wichtig, denn wenn du nicht gut mit ihnen sprichst, dann ist es schwierig für sie nachzuvollziehen, wenn du sie bestrafst. Und dann bist du mit wütenden Leuten konfrontiert."
Kommunikation mit MotoGP-Fahrern essentiell, besonders in Sachen Technik
Tatsächlich scheint ihm dies deutlich besser zu gelingen als seinem Vorgänger. Beschwerden über Crafar sind Mangelware. Letztens äußerten Marc Marquez und Francesco Bagnaia sogar Lob, obwohl sie zum Rapport antanzen mussten. Dabei gibt es in der modernen MotoGP auch noch einen weiteren Faktor, der die Kommunikation der Schiedsrichter mit den Fahrern so wichtig macht.
"Ihr habt absolut Recht, wenn ihr von schwierigen Motorrädern sprecht, denn oft passieren Dinge, die der Fahrer nicht ahnen kann. Manchmal bist du mit Unfällen konfrontiert, die vielleicht durch ein technisches Problem am Bike verursacht wurden, was du ohne das Gespräch mit den Fahrern nicht wissen kannst. Solche Dinge geben uns immer viel zu denken, denn wir wissen, dass wir technische Faktoren bei manchen Vorfällen einbeziehen müssen. Genau deswegen sprechen wir viel mit den Fahrern, bevor wir richten", meint Crafar in Hinblick auf Ride-Height-Devices & Co.

Kein Bestrafer: MotoGP-Fahrer sollen durch Regeln geschützt werden
Dabei gibt es für den Chefsteward noch eine weitere Hürde zu meistern. Als Experte gab es den netten Plausch mit den Fahrern. Jetzt gilt es Professionelles und Persönliches zu trennen. "Wenn ich mich mit einem Fahrer auf einen Kaffee beim Frühstück treffe, hat sich nichts geändert. Aber es ist anders, wenn sie auf mich mit einem Problem zukommen, eindeutig anders. Sie wollen ihre Position verteidigen und es wird daraus eine professionelle Arbeitsbeziehung von beiden Seiten. Es funktioniert mit fast allen gut, denn fast alle können die beiden Seiten trennen und das ist es, was ich möchte, denn es ist anders, wenn ich sie im Büro treffe, als wenn man sich im Paddock trifft", berichtet Crafar.

Bei diesem Thema war es ihm ein Anliegen, sein Selbstverständnis klarzustellen: "Es ist wichtig für mich, es zu erklären, denn so viele Leute sehen mich in der Rolle des Bestrafers, der die Sanktionen verhängt. Ich sehe das anders. Für mich geht es im Job darum, die Fahrer zu schützen, so ist das. Die Regeln sind geschrieben, um die Fahrer vor Gefahren zu schützen und mein Teil der Aufgabe ist es, die Fahrer daran zu hindern, immer wieder dieselben Fehler zu begehen. Außerdem muss ich sie vor Gefahren schützen, die potenziell ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Meine Rolle geht darüber hinaus, einfach diesen oder jenen Fahrer zu bestrafen."
Strafen nichts persönliches, sondern eine 'Lehre' für die (Nachwuchs-)Fahrer
Und so haben seine Strafen auch nichts mit persönlichen Fehden zu tun. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: "Wenn ich einen Fahrer bestrafen muss, heißt das nicht, dass ich nicht gerne Zeit mit ihm verbringe. Tatsächlich ist es das Gegenteil. Oft treffe ich im Büro die Fahrer, die mir gefallen, denn sie sind die Entschlossensten und manchmal die Aggressivsten. Ich glaube nicht, dass die Fahrer, die nie bei mir im Büro landen, unbedingt schlecht sein müssen, denn sie können auch sehr saubere Fahrer sein, aber ich mag das nicht unbedingt auf der Strecke."

Manchmal geht es dann aber auch doch für Crafars Geschmack deutlich zu weit und er greift hart durch. Besonders in den Nachwuchsklassen ist das klar ersichtlich. Hier hat er auch die größte, aber auch erfüllendste, Herausforderung vorgefunden: "Ich wusste, dass die Lehre für die jungen Fahrer Teil meiner Aufgabe ist, aber ich verstand nicht, wie wichtig dieser Aspekt für uns ist. Ich genieße es sehr. Wir wollen eine sicherere Zukunft für diese Fahrer schaffen, wenn sie in höhere Klassen aufsteigen."
So hat Crafar zuletzt etwa Moto2-Pilot Diogo Moreira aus der Boxengasse starten lassen. Der Brasilianer scheint noch ein paar Lehrstunden des Chefstewards zu brauchen, gilt aber als großes Talent. Der Sprung in die Königsklasse mit Honda scheint mittlerweile realistisch. Mehr dazu im nachfolgenden Artikel:



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