Szenen wie am Sonntag in Austin hat die MotoGP nicht gesehen. Vor der Aufwärmrunde für den Amerika-GP bricht in der Startaufstellung ein unvergleichliches Chaos aus. Fahrer, Motorräder und Personal hasten durch den Grid und die Boxengasse, die Rennleitung bricht schließlich mit Roter Flagge ab und startet das Rennen mit rund 15 Minuten Verspätung und einer Quick-Restart-Procedure neu. Die Verwirrung ist unter Aktiven, Teammitgliedern und Fans gleichermaßen groß. Motorsport-Magazin.com analysiert die Situation anhand des Regelbuchs und zeigt auf, welche Fehler gemacht wurden.
Marc Marquez löst MotoGP-Chaos aus
Was war überhaupt genau passiert? Rund eine halbe Stunde vor dem MotoGP-Rennstart begann es in Austin zu regnen. Die Strecke war relativ nass, weshalb sich nach den Sichtungsrunden 19 von 22 Fahrern für Regenreifen entschieden. Lediglich Brad Binder, Enea Bastianini und Ai Ogura setzten auf Slicks. Kurz bevor sich das Feld für die Aufwärmrunde in Bewegung setzen sollte, kam es aber zu einem erneuten Wetterumschwung. Der Regen hörte auf und sogar die Sonne blitzte durch die Wolkendecke. Somit sprach plötzlich nur noch wenig für die Regenreifen. Eine Situation, die Polesitter Marc Marquez bereits antizipiert hatte. Er sprach mit seinem Crewchief Marco Rigamonti einige Minuten zuvor ab, dass er im Fall einer trocknenden Strecke kurz vor der Aufwärmrunde die Startaufstellung verlassen, in die Box eilen und dort auf sein Ersatzmotorrad mit Trocken-Setup wechseln würde. Rund zwei Minuten bevor die Aufwärmrunde beginnen sollte, setzte Marquez seinen Plan in die Tat um.
Seine Flucht aus der Startaufstellung passierte also nachdem in der Startaufstellung jene Tafel gezeigt wurde, die den Fahrern mitteilt, dass in drei Minuten die Aufwärmrunde beginnt. Paragraph 1.18.7. des Sportlichen Reglements sieht vor, dass Piloten, die nach dem Zeigen dieser Tafel noch von Regenreifen auf Slicks oder von Slicks auf Regenreifen wechseln, die Aufwärmrunde aus der Boxengasse in Angriff nehmen müssen, dann auf ihre ursprüngliche Qualifying-Position in der Startaufstellung fahren und dann im Rennen nach Anweisung der Rennleitung eine Ride-Through-Penalty, also eine Durchfahrt der Boxengassse, absolvieren müssen. Das passiert normalerweise innerhalb der ersten drei Runden.
Marc Marquez irrt sich - und ist dennoch erfolgreich
Eine solche Ride-Through-Penalty kostet in Austin etwa 27 Sekunden - dieser Wert wird von der Rennleitung in Form einer Zeitstrafe auf das Rennergebnis eines Fahrers addiert, der eine Ride-Through-Penalty im Rennen nicht mehr absitzen kann. Marc Marquez' Amerika-GP wäre damit also praktisch zerstört gewesen. Doch der MotoGP-Routinier, der sich wie kein anderer Fahrer mit den Feinheiten des Reglements auseinandersetzt, sah eine Chance, die Strafe zu umgehen. "Ich kenne die Regeln gut und weiß, wie man da immer ans Limit gehen kann. Ich habe vorhergesehen: Wenn ich gehe, dann werden mir mehr als zehn Fahrer folgen. Dann werden sie das Rennen abbrechen", gestand er am Sonntagabend.
Marquez bezieht sich hierbei auf Paragraph 1.18.16. des Sportlichen Reglements, der als Reaktion auf den Argentinien-Grand-Prix 2018 eingeführt wurde, als in einer ähnlichen Situation ebenfalls viele Fahrer in letzter Sekunde ihre Motorräder wechselten und für Chaos sorgten. Die Regelung besagt seither, dass im Sinne der Sicherheit der Rennstart verschoben wird, wenn elf oder mehr Fahrer aus der Boxengasse in das Rennen gehen wollen. Marquez' Plan ging gleich aus zweierlei Gründen nicht auf - und dennoch kam es zum von ihm gewünschten Ergebnis.
Zum einen folgten Marquez nur neun Fahrer in die Boxengasse (Di Giannantonio, Alex Marquez, Acosta, Morbidelli, Bagnaia, Mir, Miller, Vinales, Aldeguer), womit das Limit von elf Fahrern nicht erreicht wurde. Und generell hätte die Regelung in diesem Fall nicht gezogen. Denn sie bezieht sich wie bereits erwähnt darauf, dass elf oder mehr Fahrer das Rennen aus der Boxengasse in Angriff nehmen. Der Wechsel von Regenreifen auf Slicks hätte für Marc Marquez und seine Fluchtkollegen allerdings - wie ebenfalls bereits erwähnt - lediglich einen Start der Aufwärmrunde aus der Boxengasse zufolge gehabt. Anschließend wäre es für sie ganz normal auf ihre Startpositionen im Grid gegangen und anschließend hätten sie mit einer Ride-Through-Penalty bestraft werden müssen.
Im Reglement findet sich kein konkreter Absatz, der in dieser Situation einen Startabbruch gerechtfertigt hätte. Freilich obliegt es der Rennleitung aber stets, ein Rennen oder auch einen Start abzubrechen, wenn sie eine Gefahr für Fahrer, Teammitglieder oder weitere Personen erkennt. Bei dem ausgebrochenen Chaos lässt sich eine solche Gefahr auf jeden Fall argumentieren, das Handeln der Rennleitung kann insofern also als korrekt angesehen werden.
MotoGP-Rennleitung macht verdiente Vorteile zunichte
Definitiv nicht im Sinne des Sports und auch des Reglements ist aber die Tatsache, dass die in die Boxengasse geflüchteten Fahrer nach dem Restart völlig straffrei davongekommen waren. Sie hätten mit Ride-Through-Strafen belegt werden müssen, wie in einer von der Rennleitung vor Saisonbeginn eigens verfassten Klarstellung festgehalten wird: "Der Wechsel des Reifentyps (Regenreifen-Slick) in der Boxengasse wird eine Ride-Through-Penalty zur Folge haben."
Wie in der Klarstellung weiter ausgeführt wird, sei es das Ziel, mit dieser Regelung folgende Dinge zu erreichen: Es soll vermieden werden, dass Fahrer die Startaufstellung verlassen. Es soll vermieden werden, dass es zu Startverzögerungen kommt. Und es soll mehr Fairness für jene Fahrer geben, die bereits mit der richtigen Reifenwahl in der Startaufstellung stehen. Nichts davon wurde am Sonntag in Austin erreicht.
Ganz im Gegenteil: Den drei Fahrern, die mit Slicks im Grid standen - Ogura, Bastianini und Binder - wurde ihr Vorteil zunichtegemacht. Sie hätten bei korrekter Umsetzung des Reglements und der daraus folgenden Aussprache von Ride-Through-Strafen einen Vorteil von rund 27 Sekunden gegenüber Marc Marquez und Co. gehabt. Kein Wunder also, dass etwa Oguras Trackhouse-Teamchef Davide Brivio nach dem Abbruch schäumte: "Ich bin sehr verärgert. So kann man einen Start nicht handhaben. Wir sind ein Risiko eingegangen und haben die richtige Wahl getroffen, aber man hat uns nicht erlaubt, mit dieser richtigen Wahl zu starten. Jetzt ist alles dahin."
MotoGP-Rennleitung liefert maue Erklärung
Die MotoGP-Presse bat am Sonntag um die Möglichkeit, zur Rennleitung zu sprechen, um eine Erklärung der getätigten Entscheidungen zu erhalten. Wie üblich kam es allerdings nicht zu einer solchen Medienrunde, die MotoGP schickte lediglich ein kurzes Statement von Rennleiter Mike Webb: "Wir haben aus Sicherheitsgründen eine Verzögerung des Starts und dann ein Quick-Start-Procedure angeordnet. Angesichts der Anzahl von Fahrern, Motorrädern und Boxenpersonal in der Startaufstellung und im Bereich der Boxengasse war es unmöglich, die Aufwärmrunde zu starten. Ein Neustart des Rennens war die sicherste Lösung, um auf die noch nie dagewesenen Umstände beim Start des Grand Prix zu reagieren. Wir werden die Situation gemeinsam mit den Teams analysieren und das Reglement überarbeiten." Wohl nur ein schwacher Trost für die benachteiligten Fahrer und Teams.



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