14 Tage ist es her, dass Jorge Martin mit seinem Sprint-Sieg in Misano ein echtes Ausrufezeichen im MotoGP-Titelkampf setzte. Er düpierte den klar favorisierten Polesitter Francesco Bagnaia noch auf den ersten Metern von Startplatz vier und gab die Führung anschließend nicht mehr her. "Das war 10 von 10", jubelte er daraufhin, ehe am nächsten Tag eine weitere spektakuläre Wendung im WM-Kampf folgte. Im Flag-to-Flag-Rennen verkalkulierte sich Martin mit einem unnötigen Boxenstopp, während Bagnaia als Zweiter Big-Points anschrieb.

Zum Start in das zweite Misano-Wochenende in diesem Jahr deutete dann zunächst alles daraufhin, als könnte der 'Martinator' nach seinem Fauxpas wieder zurückschlagen. Diesmal von Platz zwei in den Sprint gehend, schoss der Pramac-Pilot am Samstag erneut auf den ersten Metern an Bagnaia vorbei in Führung und kontrollierte das Geschehen in der Anfangsphase von dort auch. Erst zur Mitte des Sprints näherte sich Bagnaia langsam an, in Schlagdistanz kam er jedoch nicht - bis Martin in Runde acht ein folgenschwerer Fehler in Kurve 13 unterlief.

Francesco Bagnaia nutzt Martin-Patzer zum Sprint-Sieg

Im dritten der vier aufeinanderfolgenden Rechtsknicke bremste der gebürtige Madrilene etwas zu spät und ging weit. Francesco Bagnaia war sofort zur Stelle, setzte sich in Kurve 14 auf der Innenbahn neben Martin und übernahm die Führung. Letzterer war sofort um eine schnelle Antwort bemüht, musste den Ducati-Star zunächst aber etwas davonziehen lassen. In der Schlussphase näherte sich Martin dann nochmal an, kam aber nicht mehr in eine Überholposition gegen Bagnaia, der damit erstmals seit 2022 wieder vor heimischen Fans gewinnen konnte.

Entscheidend war dabei wohl eine Tracklimits-Warnung, die Martin nur Augenblicke vor dem entscheidenden Überholmanöver des amtierenden MotoGP-Weltmeisters auf seinem Dashboard angezeigt bekommen hatte. "Ich wurde dadurch etwas abgelenkt, als ich in die Kurven 12 und 13 hineingefahren bin", verriet der scheidende Pramac-Pilot am Samstag nach Sprintende in seiner Medienrunde. "Dadurch bin ich etwas zu weit gegangen. Wir müssen an dieser Stelle in Schräglage bremsen und ich habe fast schon die weiße Linie berührt, dadurch musste ich etwas vom Gas gehen. Für diesen Fehler habe ich teuer bezahlt, denn diese anderthalb Meter waren dann genug für Pecco, um mich überholen zu können."

Jorge Martin führte bis zu seinem Fehler knapp vor Pecco Bagnaia, Foto: LAT Images
Jorge Martin führte bis zu seinem Fehler knapp vor Pecco Bagnaia, Foto: LAT Images

Tracklimits-Warnung bringt Jorge Martin aus dem Konzept

"Ich habe meine Konzentration verloren, als ich über die Tracklimits informiert wurde und das hat heute den Unterschied gemacht", hält Martin fest. Bitter, denn auf das 'Aufpoppen' einer solchen Tracklimits-Warnung auf dem Dashboard können Fahrer und Team keinen Einfluss nehmen. Vielmehr wird sie von der Rennleitung auf das Dashboard des betroffenen Fahrers geschickt und kann somit jederzeit aufleuchten. Rechnet der Fahrer in diesem Moment nicht damit - wie Martin am Samstag - kann er davon zweifelsohne abgelenkt werden. Ein Teamradio, wie es ab 2025 schrittweise eingeführt werden soll, könnte dabei durchaus Abhilfe schaffen. Denn dann könnte das Team dem Fahrer diese Botschaft aufs Ohr sprechen - und zwar zu vorher festgelegten Zeitpunkten auf der Strecke, etwa auf Geraden und nicht in kniffligen Bremszonen.

MotoGP bekommt Funksystem: Tut die Revolution dem Sport gut? (06:58 Min.)

Doch das wird wohl frühstens 2027 möglich sein, potenziell auch erst viel später. Am Sonntag ist also erneut Vorsicht geboten. Doch Martin will diesem kleinen, aber folgenschweren Fehler gar nicht zu lange hinterhertrauern. Vielmehr sieht er das Positive des Sprints: "Ich konnte mich danach nochmal an Pecco heranfahren und hätte nur noch zwei oder drei Runden für eine weitere Attacke gebraucht. Das macht mich optimistisch für morgen. Mit dem Medium [Hinterreifen, Anm.] funktioniert mein Setup nämlich etwas besser. Die Balance ist besser, ich habe mehr Grip. Wenn ich nach den ersten zwei Runden wieder Erster bin, bin ich mir sicher, dass ich dann vorne bleiben kann. Mit einem guten Start kann ich mit Pecco kämpfen."

Entscheidend wird dabei wohl erneut eines sein: Keine Fehler zu machen. Titelverteidiger Bagnaia blickt deshalb auch besorgt auf seine schwache Startbilanz der letzten Wochen. "Wir wissen nicht warum, aber in den letzten paar Rennen bin ich immer sehr schlecht gestartet. Das Bike hebt zu stark ab, ich muss das Gas wegnehmen. Das hat mich viele Positionen gekostet, das darf nicht passieren", warnt er und blickt deshalb sicherlich etwas besorgt auf den Rennsonntag. Schießt Martin beim Start erneut vorbei, könnte es aufgrund der Überholschwierigkeiten in Misano schwer werden. Zu ähnlich scheint die Rennpace der beiden Titelanwärter, denn auch Bagnaia schätzt sich auf dem Medium-Hinterreifen stark ein.

Francesco Bagnaia jubelt: Wollte heute unbedingt gewinnen!

Noch ist das aber alles Zukunftsmusik und genau deshalb will sich Bagnaia für den Moment mit den positiven Erkenntnissen des Samstages beschäftigen. "Ich habe alles gegeben und konnte mit 100 Prozent Fitness fahren", sagt er. "Ich habe den Start vergeigt, konnte aber Jorges Fehler ausnutzen. Ich wollte heute keinesfalls Zweiter werden, ich wollte gewinnen. Daher habe ich alles versucht und es zum Glück auch geschafft."

In der Fahrer-WM liegt der Ducati-Star damit nur noch vier Punkte hinter Martin, mit einem Sieg könnte er die WM-Führung am Sonntag aus eigener Kraft zurückerobern. Was meint ihr: Gelingt Bagnaia dies oder kann Martin wieder zurückschlagen? Gebt uns eure Prognosen in den Kommentaren ab!