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MotoGP-Meinung: Jorge Lorenzo macht sich zum Affen

Pöbeln statt Profisport. Jorge Lorenzo demontiert auf Social Media seinen Status als MotoGP-Legende. Ein mahnendes Beispiel des Irrwegs nach der Karriere.
von Michael Höller

Motorsport-Magazin.com - Mit zurückgetretenen Motorsport-Stars ist das immer so eine Sache. Zwei bis drei Jahrzehnte lang ordneten sie in ihrem Leben alles ihrer großen Leidenschaft unter. Mit einem Einsatz und, vor allem in jungen Jahren, einer Opferbereitschaft, die wir Nicht-Motorsportler uns gar nicht vorstellen können. Und plötzlich ist das alles von einem Tag auf den anderen nicht mehr da.

Kein Bedarf mehr für tägliches körperliches Training, kein gemeinsames Tüfteln mit dem Crewchief, kaum noch Termine mit Sponsoren und für die Medien, verliert man meist auch rasch an Wert. Man muss sich eine neue Beschäftigung suchen, die einen erfüllt und auf die man seine Energie lenken kann. Was sonst passieren kann, zeigt uns Jorge Lorenzo in diesen Stunden in den sozialen Medien auf peinliche Art und Weise.

Karriere nach der Karriere

Um damit klarzukommen, gibt es unterschiedliche Wege, sich neu zu erfinden und seiner geliebten MotoGP treu zu bleiben. Denn vom zweiten Wohnzimmer komplett loszulassen ist für die meisten Fahrer schwierig. So kann man sein Netzwerk und sein Geld dazu nutzen, selbst ein Team auf die Beine zu stellen. Der kürzlich verstorbene Fausto Gresini hat das ebenso bewiesen wie Herve Poncharal, Lucio Cecchinello oder auch Valentino Rossi.

Man kann aber auch im Rampenlicht der TV-Kameras die Seiten wechseln und künftig hinter statt vor dem Mikrofon stehen. Alex Hofmann gelang das ebenso wie 500ccm-Weltmeister Alex Criville (beim spanischen Movistar TV) oder Superbike-Champion Neil Hodgson (beim britischen BT Sports). Viele schreiten nach der aktiven Karriere noch jahrelang als Testfahrer zur Tat, genießen dabei aber das Fahren der besten Motorräder der Welt ohne Druck und nervige TV-Interviews. So etwa geschehen bei Casey Stoner oder aktuell bei Dani Pedrosa.

Zweiter MotoGP-Testtag: Neue Teile, Stürze und Wortgefechte: (10:53 Min.)

Man kann sich einfach nur seinen Hobbies widmen wie Kevin Schwantz, der plötzlich Gefallen am Stock-Car-Racing fand, oder wie Andrea Dovizioso, der sich in diesen Tagen sein eigenes Motocross-Team für Einsätze in Italien aufbaut. Auch der Aufbau eines eigenes Business-Imperiums ist eine Option, wie Mick Doohan eindrucksvoll bewies. In jedem Fall braucht man aber eine Beschäftigung, welche die Lücke füllt, die durch die verlorene Lebensaufgabe nach dem Rücktritt in der Seele klafft.

Lorenzo sorgt für Kopfschütteln

Was mit jemandem passieren kann, der diese Lücke nicht füllt, beweist uns Jorge Lorenzo: Es scheint, als wüsste der fünffache Motorrad-Weltmeister seit seinem MotoGP-Rücktritt nichts mit sich anzufangen. Ein halbherziges Engagement als Yamaha-Testfahrer endete im Vorjahr in einer Blamage, so richtig von der MotoGP loslassen will er aber auch nicht. Seither taumelt Lorenzo in seiner öffentlichen Selbstdarstellung irgendwo zwischen Influencer, ehrenamtlicher Experte ohne Medium und beleidigter Ex-Mitarbeiter.

Instagram-Bildchen von fetten Supersportwagen in Abu Dhabi, Videoclips aus Luxusressorts auf den Malediven oder Schleichwerbung für einen großen Energydrinkhersteller wechselten sich zuletzt mit einer Flut an Analyse-Tweets zu den Testfahrten ab. So weit, so gut. Lorenzo hat nach seiner erfolgreichen Karriere selbstverständlich das Recht, sein Leben so luxuriös und annehmlich wie möglich zu gestalten. Seine Fans in den sozialen Medien daran teilhaben zu lassen, entspricht ebenso dem Zeitgeist, wie seine Meinung zu diversen Sachverhalten ungefragt auf Twitter kund zu tun.

Peinlicher Schlagabtausch

Womit sich Lorenzo nun aber ins Abseits stellte, war eine Pöbelei gegen Cal Crutchlow. Aufbauend auf Provokationen aus dem Herbst, als Crutchlow ihm seinen Testfahrer-Job abspenstig machte, ließ er sich auf der offiziellen Instagram-Seite der MotoGP nach einem Sturz des Briten zu einem gehässigen Kommentar hinreißen, der hohe Wellen schlug.

Der Schlagabtausch weitete sich rasch auf Jack Miller und Aleix Espargaro aus, die Crutchlow verbal zur Hilfe eilten und schwappte Stunden später auch auf Twitter über. Selbst Lorenzos treueste Fans greifen sich längst an den Kopf und fragen sich, was einen der besten Fahrer seiner Generation zu derartigen Wortmeldungen verleitet. Tja, ein gekränktes Ego gepaart mit Langeweile ist eben eine schlechte Kombination.

Jorge Lorenzo braucht dringend eine Aufgabe, denn das Leben ohne Beschäftigung in vollen Zügen zu genießen, liegt ihm anscheinend nicht. Sonst würde er gar nicht Zeit und Willen aufbringen, sich stundenlang mit Ex-Kollegen via Internet gegenseitig anzupöbeln. Einem Champion ist solch ein Verhalten nicht würdig.


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