Nissan ist Formel-E-Weltmeister: Das wurde vor rund zwei Wochen beim vorletzten Rennwochenende der Saison in Berlin durch Fahrerweltmeister Oliver Rowland Realität. Und auch wenn der japanische Hersteller beim Saisonfinale an diesem Wochenende in London die Team- und Herstellerwertung nicht für sich entscheiden konnte, bleibt eines festzuhalten: Das Team hat eine beeindruckende Entwicklung hingelegt, von einem Hinterbänkler noch vor wenigen Jahren (P9 2022) zu einer schlagkräftigen Werksmannschaft.

Doch wie kam der Aufschwung zustande? „Der Umschwung kam für mich als Nissan das Team übernommen hat“, hatte Rowland in Berlin gegenüber Motorsport-Magazin.com erklärt. Zuvor hatten erst Schwesterkonzern Renault und ab dem Beginn der Gen2-Ära Ende 2018 dann Nissan seit der Formel-E-Gründung mit dem französischen e.dams-Team zusammengearbeitet. Während der laufenden Saison 2022 folgte dann die vollständige Übernahme der Formel-E-Mannschaft durch Nissan.

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Tommaso Volpe: Team vor Nissan-Übernahme in sehr schlechtem Zustand

“Als Nissan übernommen hat war das Team leider in einem sehr schlechten Zustand“, bestätigte Nissan-Teamchef Tommaso Volpe in London im exklusiven Interview mit Motorsport-Magazin.com diese Darstellungsweise. „Der Kern des Talents im Team war sehr stark, aber das Team war nicht auf dem Level, das der Sport gefordert hat. Während der Gen2 (2018/19-2022; d. Red.) hat der Sport einen großen Sprung in Sachen Professionalität, Technologie, und beim Wettbewerb insgesamt gemacht. Das Team steckte also fest, trotz des starken Talents und konnte nicht auf das Level der Konkurrenz kommen.“

Nissan-Motorsportdirektor Volpe hatte mit der Übernahme von e.dams auch die Teamchef-Rolle von den Gebrüdern Driot übernommen. Die Söhne von Dams-Gründer Jean-Paul Driot hatten bereits zwei Monate zuvor auch die Anteile am hauseigenen Formel-2-Team an Ex-Formel-1-Pilot Charles Pic verkauft.

Nissan-Teamchef Tommaso Volpe
Tommaso Volpe traf sich in London mit Motorsport-Magazin.com, Foto: IMAGO / PsnewZ

Nissans Formel-E-Aufstieg: Diese Rolle spielte ein Umzug nach Paris

“Als Nissan sich entschlossen hat zu übernehmen, brachte es die notwendigen Ressourcen und das notwendige Engagement mit“, so Volpe weiter. Als eine der Hauptbaustellen machte Nissan dabei den Standort des Teams in Le Mans aus und zog rund 200 Kilometer nach Paris um. Das half dem Team auch bei der Rekrutierung von wichtigen Personalien wie Technikdirektor Theophile Gouzin, der zuvor für Spark Technologies als Technikdirektor die Formel-E-Einheitschassis‘ entwickelt hatte, und Performanceleiterin Christina Manas Fernandez. „In Le Mans wären sie vielleicht nicht unbedingt zu uns gekommen. Und sie haben massiv zur Performance beigetragen“, war sich Volpe sicher.

Auch im Hinblick auf den Zeitaufwand für die Anreise bot Paris deutliche Vorteile gegenüber Le Mans. „Jedes Mal, wenn ein Fahrer zur Vorbereitung für ein Rennen kam, musstest du erst einmal ein oder zwei Tage für Reisen einplanen“, berichtete Volpe. „Wenn ein Fahrer also für vier Tage gekommen ist, wurden davon nur zwei Tage wirklich komplett in die Performance investiert, weil die restliche Zeit in die Anreise geflossen ist, selbst mit Oliver aus Großbritannien. Es war also wirklich anstrengend an diesen Ort zu kommen und all das wirkt sich auf die Performance aus.“

Nissan-Titel acht Jahre nach Renault-Erfolgen: War eine komplett andere Organisation

Auch bei der Teamzusammensetzung hat sich seit Nissans Einstieg einiges getan. Von der Struktur aus den Renault-Tagen der Gen1-Ära, in der Renault die ersten drei Team-Titel in Folge und mit Sebastien Buemi 2016 die Fahrermeisterschaft gewann, ist nur noch wenig übrig. „Es war damals eine komplett andere Organisation“, beschrieb Volpe. „Wir haben immer noch einige Teammitglieder, die seit der ersten Saison da waren und für sie ist es ein Gefühl von: ‘Wir sind wieder da, wo wir hingehören.‘“

“Aber für die neuen Personen, die hinzugekommen sind und dem Projekt vertraut haben, seitdem wir eine Nissan-Organisation sind, ist es eine große Genugtuung“, fuhr Volpe fort. „Ihnen wurde ihr Vertrauen in das Projekt zurückgezahlt und gleichzeitig haben wir Nissan für ihre Unterstützung zurückbezahlt.“ Grundsätzlich verlor Volpe lobende Worte über die Zusammenarbeit mit der Nissan-Führung in Japan – bei großen Herstellern im Motorsport nicht immer eine Selbstverständlichkeit.

“Sie haben der Führung des Projekts bei den Schlüsselentscheidungen immer vertraut“, lobte Volpe. „Gleichzeitig versuchst du die Dinge herauszufiltern, die automatisch mit großen Konzernen kommen, wie das schwerfällige Prozess-Management, was notwendig ist, wenn du fünf Million Autos verkaufst, aber nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn du 40 Leute im Team hast und eine Entscheidung in einem halben Tag treffen musst.“ Mit Nissan sei aber genau das gelungen, zeigte sich Volpe zufrieden. „Sie haben es uns erlaubt, eine Art von Prozess zu entwickeln, wo das Team nur die Vorteile einer großen Organisation im Rücken spürt“, so der Italiener.

Nissan auf der Suche nach McLaren-Nachfolger: Kommt Andretti von Porsche?

Trotz des großen Erfolgs in der Fahrer-WM war Nissan zugleich nach dem gescheiterten Angriff auf Porsche in den anderen beiden Weltmeisterschaften der Formel E die Enttäuschung anzumerken. Mehr zu den Reaktionen auf das London-Finale könnt Ihr hier nachlesen:

Besonders bei der Hersteller-Wertung, wo in jedem Rennen die zwei am besten platzierten Fahrzeuge eines Herstellers zählen, schmerzte die Niederlage. Denn Nissan verliert nach dem McLaren-Abschied im nächsten Jahr ihr einziges Kundenteam, womit nur noch die beiden Werksautos mit Nissan-Power fahren werden. Porsche verfügt mit dem Werksteam plus die Kundenteams Andretti und Cupra Kiro über sechs Fahrzeuge im Feld. Dementsprechend sucht Nissan für die übernächste Saison beginnende Gen4-Ära nach einem neuen Kunden.

Fündig werden könnte Nissan beim aktuellen Porsche-Kundenteam Andretti, wo die Beziehung seit den anfangs großen Erfolgen mit dem Titel-Gewinn von Jake Dennis im Andretti-Porsche 2023 immer weniger eng geworden sein soll. Im Fahrerlager geht die Theorie um, dass dadurch auch Andrettis absteigende Formkurve von P3 in der Teamwertung 2023 über Rang fünf im Vorjahr und nur noch Platz sieben 2025 zu erklären sein soll. 2025 stellte dabei die erste sieglose Andretti-Saison seit sieben Jahren dar.

Volpe: Andretti eine fantastische Option

”Wir sprechen mit allen, ob das Jaguar, Porsche, Nissan oder wer auch immer ist. Wir wollen sehen, wer die besten Optionen sind“, meinte Andretti-Teamchef Roger Griffiths in London zu Motorsport-Magazin.com. „Heute würde ich sagen, dass Porsche den besten Antrieb hat, aber wir wissen nicht, ob das auch in Zukunft so sein wird.“ Dem fügte Griffiths hinzu: „Wir müssen schauen, was zu uns als Organisation passt. Auch im Hinblick auf die Kultur des Teams.“

Nico Müller bei der Formel E in Berlin
Könnte Andretti zum Nissan-Kunden werden?, Foto: IMAGO / Andreas Gora

“Andretti ist absolut eine sehr gute Option, wenn sie verfügbar sind“, zeigte sich auch Volpe der Idee nicht abgeneigt. „Die Entscheidungen werden in den nächsten Monaten fallen und sicherlich wäre Andretti eine fantastische Option, denn sie haben die Meisterschaft gewonnen und sind eine sehr prestigeträchtige Marke im Motorsport und darüber hinaus, besonders in den USA. Die USA sind ein starker Markt für Nissan. Also könnte man an vielen Stellen einen Haken setzen.“ Zugleich fügte Volpe aber hinzu: „Ähnliches könnte ich auch über andere Marken sagen.“

Akuter als die Kundenteam-Thematik ist jedoch die Fahrerpaarung für das nächste Jahr. Bei Nissan scheint diesbezüglich aber mittlerweile Klarheit zu herrschen. Das ist jedoch längst nicht bei jedem Formel-E-Team so. Die aktuellsten Gerüchte haben wir Euch hier zusammengefasst: