Porsche hat es geschafft: Nach den Fahrertiteln 2023 mit Jake Dennis im Kundenauto von Andretti und 2024 mit Pascal Wehrlein im Werksporsche, ist den Zuffenhausenern im siebten Jahr seit dem Formel-E-Einstieg nun auch der WM-Triumph in der Team- und Hersteller-Wertung gelungen.
“Es war eine lange Reise“, sagte Teamchef Florian Modlinger in London zu Motorsport-Magazin.com. „Ich habe sieben Tage vor der Saison 2022 bei Porsche zu arbeiten begonnen. Was ich in den vier Saisons erlebt habe, war intensiv, war ein langer Weg, eine lange Reise und ich bin stolz auf das gesamte Team, auf jeden Einzelnen zu Hause und an der Strecke.“
Porsche-Teamchef Modlinger nie entspannt: „Auf jeder anderen Strecke, aber nicht in London“
“Wir werden das erst später realisieren, aber ich bin auch stolz für die Marke Porsche im Motorsport mit so einer Geschichte einen kleinen Baustein zu dieser beigetragen zu haben“, fuhr Modlinger fort. „Die erste als FIA-Weltmeisterschaft ausgetragenen Hersteller-Wertung für Porsche nach Weissach und Flach nach Hause zu bringen, ist ein Erlebnis, wo ich sehr dankbar bin, dass ich ein Teil dieses Teams sein darf.“
Trotz des schon vor dem letzten Rennen durchaus beachtlichen Vorsprungs auf Konkurrent Nissan, kehrte bei Modlinger nie ein Gefühl von Sicherheit ein. „Auf jeder anderen Strecke wäre ich hier sehr entspannt ins Rennen gegangen“, so Modlinger. „Aber in London, wenn man die Geschichte von London kennt, Indoor, Outdoor, winklig, da kann so viel passieren. Man hat es gestern gesehen: Chaos. Man hat es heute gesehen: Chaos. Da muss man es nach Hause bringen. Das ist uns heute gelungen.“

Pascal Wehrlein trauert Vizeweltmeisterschaft nicht hinterher: Wäre lieber Vierter geworden
Dass Platz zwei in der Fahrer-Wertung für Werksfahrer Pascal Wehrlein noch an Nick Cassidy verloren ging, war derweil für keinen der Beteiligten von Belang. Für den 30-Jährigen selbst ganz im Gegenteil. „Um ehrlich zu sein, wäre ich lieber Vierter geworden. Es gibt einige Vorteile am Ende des Jahres“, scherzte Wehrlein in der Pressekonferenz nach Rennende und spielte damit wohl auf die FIA-Gala an, die für die Top-3 der WM verpflichtend ist.
Statt der verlorenen Vizeweltmeisterschaft bei den Fahrern hinterherzutrauern war Wehrlein stattdessen auch voll auf den Erfolg in den anderen Wertungen konzentriert: „Das Team hat wirklich hart gearbeitet und wir haben die letzten zwei Jahre alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Jeder kann wirklich glücklich sein.“
Zugleich machte Wehrlein schon einmal die ersten Andeutungen, wie die Titelfeier bei Porsche heute ausfallen könnte. „London wird heute das Bier ausgehen“, kündigte er an. „Mein Team mag ein gutes Bier am Abend. Wir müssen alles kriegen, was wir bekommen können.“ Anschließend geht es für Wehrlein in den Urlaub. „Ich werde mein Handy ausschalten. Florian sollte also nicht versuchen mich anzurufen oder zu erreichen“, scherzte Wehrlein weiter. Modlinger flachste zurück: „Ich werde dich finden.“
Nissan lässt Porsche frühzeitig jubeln
Seinen Anteil zum Titel beigetragen hat auch David Beckmann, der in dieser Saison für Porsche-Kundenteam Cupra Kiro fuhr, dabei aber nach wie vor als Ersatz- und Simulatorfahrer bei Porsche unter Vertrag stand. Beckmann sammelte im letzten Saisonrennen just seinen ersten Formel-E-Punkt. „Einen kleinen Teil habe ich vielleicht beigetragen“, so Beckmann zu Motorsport-Magazin.com. „Aber den meisten Anteil hatte schon das Team, Antonio und Pascal. Aber ich hoffe die Arbeit, die ich vor Ort in Weissach mache, schadet zumindest nicht.“
Porsche konnte sich im finalen Rennen der Saison schon relativ frühzeitig zurücklehnen. Das lag darin begründet, dass der finale Angriff von Hauptkonkurrent Nissan auf die beiden Titel völlig in sich zusammenfiel. In der 16. von 36 Rennrunden fiel Rowland nach einem überambitionierten Manöver gegen Nico Müller im Andretti-Porsche aus, für welches der neue Weltmeister beim Auftakt der neuen Saison in Sao Paulo auch noch mit einer Versetzung um drei Plätze in der Startaufstellung belegt wurde.
Nissan-Teamchef: Mussten ins Risiko gehen
„Nach unserem Qualifying mussten wir ins Risiko gehen“, kommentierte Nissan-Teamchef Tommaso Volpe nach Rennende im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com den Rowland-Unfall. „Wir mussten versuchen zu pushen und zurück an die Spitze zu kommen. Und wenn du speziell auf einer Strecke wie dieser ins Risiko gehst, endet das in Problemen. Wir hatten also eingeplant, dass es sich vielleicht auszahlen oder auch nicht auszahlen würde, wenn wir Risiken eingehen.“

In den Runden 11 und 22 war das Rennen zudem auch für die beiden Kunden-Nissan von McLaren bei ihrer Abschiedsvorstellung in der Formel E beendet. Bei dem ersten Zwischenfall mit Taylor Barnard wurde zudem auch noch ausgerechnet Norman Nato im zweiten Werks-Nissan blockiert, wodurch der Franzose weit zurückfiel und das Rennen nur auf P11 beendete. „Taylor hat nach einem Kontakt die Kontrolle über das Auto verloren und ich war direkt hinter ihm“, so Nato nach Rennende zu Motorsport-Magazin.com „Das war Pech, aber das ist ein bisschen die Geschichte meiner Saison.“
Nissan verliert P2 an Jaguar: Haben nicht mehr genug abgeliefert
Durch das enttäuschende Abschluss-Wochenende in London und die zeitgleich starke Performance Jaguar hat Nissan nicht nur Team- und Herstellertitel verpasst, sondern ist in beiden Wertungen sogar noch hinter Jaguar auf Rang drei abgerutscht. Trotz der besten Nissan-Saison überhaupt in der Formel E und dem Fahrertitel durch Rowland schwingt somit auch einige Enttäuschung beim japanischen Hersteller mit.
“Wir sind betrübt, denn wir sind hier als Zweiter hergekommen, um den Team- und Herstellertitel zu gewinnen, oder zumindest darum zu kämpfen. Und jetzt sind wir Dritter geworden“, fasste es Nissan-Teamchef Tommaso Volpe zusammen. Zumindest in der Team-Wertung wirkt sich die niedrigere Meisterschaftsposition auch auf das Preisgeld für Nissan aus – ein laut Volpe aber relativ zu vernachlässigender Faktor. „Leider ist das Preisgeld in der Formel E nur ein Bruchteil im Vergleich zu den Kosten“ so der Italiener. „Im Vergleich zu anderen Meisterschaften, stehen das investierte Geld und das Preisgeld in keinem Verhältnis. Aber es hat natürlich einen positiven Effekt, wenn du das Top-Preisgeld erhältst.

Für Volpe stand aber grundsätzlich etwas anderes im Fokus: „Es geht um die Belohnung für das Team, denn die hatte es bis zu einem bestimmten Punkt verdient. Dann haben wir in den letzten Rennen nicht mehr gut genug abgeliefert. Ich nehme also an, es ist okay so.“ Dennoch bleibt festzuhalten: Für Nissan war es eine überaus erfolgreiche Saison. „Als ich 2023 zum Projekt gestoßen bin, steckte fast nichts im Team. Es ist ein großer Schritt gewesen und es ist gut, über die nicht gewonnene Meisterschaft enttäuscht zu sein“, wollte auch Nato diesen Aspekt nicht untergehen lassen.
„2023 kamen wir nach London und haben etwa um die Positionen sieben bis neun in der Meisterschaft gekämpft“, so der einmalige ePrix-Sieger weiter. „Dass wir also in der Lage sind, mit Porsche und Jaguar zu kämpfen ist ein gutes Gefühl. Natürlich wollen wir mehr, aber das Team macht jedes Jahr Fortschritte und es wird kommen.“


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