Die Formel E 2025 steht ihrem Ende bevor. Am heutigen Sonntag findet um 18:04 Uhr deutscher Zeit das 16. und letzte Rennen der Saison an. Dabei werden auch einige Gesichter im Fahrerlager zum letzten Mal ihre derzeitigen Positionen ausführen. Zu ihnen zählt auch Jaguar-Teamchef James Barclay. Der Brite verlässt nach zwölf Jahren den Jaguar Land Rover Konzern, bei dem er seit dem Formel-E-Einstieg Ende 2016 die Geschicke als Teamchef des Werksteams an der Strecke leitete. Nun wechselt Barclay als Leiter des neuen McLaren-LMDh-Projekts in die WEC.

Barclay kann auf eine überaus erfolgreiche Zeit bei Jaguar zurückblicken. Im zweiten Jahr in der Formel E gelang der erste Podestplatz, ein Jahr später in Rom der erste Sieg durch Mitch Evans, der dem Team seit 2016 treu blieb. 2024 gelang schließlich Jaguars größter Triumph unter Barclays Leitung. Beim Saisonfinale in London gewann Jaguar sowohl die Team- als auch die Herstellerwertung.

Der langersehnte Fahrertitel blieb Barclay dabei aber immer verwehrt. 2021 qualifizierte sich Evans beim letzten Rennen in Berlin auf der besten Startposition der Titelanwärter, nur um beim Start nicht vom Fleck zu kommen und in einem heftigen Unfall von dem dahinter startenden Edoardo Mortara getroffen zu werden.

Auch in den drei darauffolgenden Jahren befand sich Evans im Titelkampf, ging aber immer leer aus. 2023 wurde er Dritter, 2022 und 2024 Vizeweltmeister. 2024 kam es dabei auch zu Reibereien mit Teamkollege Nick Cassidy, die den Neuseeländer dazu veranlassten, nach dieser Saison das Weite zu suchen.

Nick Cassidy ist Jaguar-Fahrer in der Formel E
Nick Cassidy verlässt Jaguar, Foto: Jaguar TCS Racing

In Barclays Abschieds-Saison 2025 wurde es schließlich überhaupt nichts mit dem Titelkampf unter dem neuen Gen3-Evo-Reglement. Zwar konnte das Jaguar-Werksteam mit fünf Siegen die meisten überhaupt einfahren, doch gerade in der Mitte der Saison fehlte die Konstanz mit fünf Rennen vollkommen ohne Zähler. Nun tritt Barclay ab und traf sich am Rande des London ePrix mit Motorsport-Magazin.com zum Interview.

Herr Barclay, es ist Ihr letztes Wochenende bei Jaguar. Wie würden Sie Ihre Gefühlslage beschreiben und welches Vermächtnis hinterlassen Sie bei dem Team?

Es wird immer ein sehr ungewöhnliches Gefühl bleiben, ein Team zu verlassen, was man selbst kreiert hat. Als ich ins Geschäft kam, wurde mir aufgetragen Jaguar zurück ins Racing zu bringen. Dass wir hier sein können mit Weltmeistertiteln und 21 Rennsiegen, ist eine sehr, sehr besondere Errungenschaft. Ich fühle mich glücklich und geehrt, dass mir die Möglichkeit gegeben wurde, dieses Team von einem weißen Blatt Papier aus anzuführen.

2016 stieg Jaguar in die Formel E ein, Foto: FIA Formula E
2016 stieg Jaguar in die Formel E ein, Foto: FIA Formula E

Wie fühle ich mich? Ich habe immer gesagt, dass ich die Schwarz-Weiß-Fotos von Jaguar Racing nehmen und sie farbig machen wollte. Und das haben wir als Gruppe geschafft und darauf bin ich wirklich, wirklich stolz. Es ist wohl die größte kontinuierliche Erfolgsgeschichte von Jaguar in einer Weltmeisterschaft mit mehr Erfolgen als in jedem anderen Programm in ihrer Geschichte. Darauf bin ich wirklich stolz und auf das Team, denn sie haben soviel darin investiert das möglich zu machen.

An welchem Punkt haben Sie gesagt, dass es vielleicht Zeit für etwas Neues ist?

Ehrlich gesagt habe ich mich nie das Team verlassen gesehen. Ich war immer auf die Zukunft des Teams konzentriert, um sicherzustellen, dass bei der Planung, der Strategie und der Finanzierung alles läuft. Aber letztendlich musst du als Individuum auch wachsen. Ich könnte hier den Rest meines Lebens arbeiten, in Rente gehen und ich wäre glücklich.

Die Möglichkeit, die mir gegeben wurde, McLarens Rückkehr in die höchste Ebene der Sportwagenrennen anzuführen, und was in der WEC passiert ist eine einzigartige Zeit im Racing. Das war etwas, wo ich das Gefühl hatte, dass ich weiter wachsen könnte. Um am besten zu sein bei dem was wir tun, müssen wir uns immer verbessern, wachsen und lernen. Ich hatte das Gefühl, dass dies meine Chance war, das weiter zu tun.

Gerüchten zufolge steht der aktuelle Teamchef des Formel-E-Teams von McLaren, Ian James, als Ihr Nachfolger in den Startlöchern. Wäre Jaguar bei ihm in guten Händen?

Wenn man die Boxengasse hinabschaut, wer steht heraus? Ian mit Sicherheit. Er hat zwei Weltmeisterschaften mit Mercedes gewonnen und viele Erfolge gefeiert. Es gibt hier eine ziemlich gute Boxengasse an Teamchefs. Aber ja, gegen Ians Geschichte, Erfolg und Charakter kann man nicht argumentieren.

Abgesehen von all den Erfolgen: Gibt es einen kleinen Teil von Ihnen, der dem nie gewonnenen Fahrertitel hinterhertrauert und der Tatsache, dass Jaguar in Ihrem letzten Jahr nicht mehr im Titelkampf war?

Das Barometer ist sehr hoch, wenn du erwartest, drei Weltmeistertitel zu gewinnen. Das hat noch keiner geschafft. Zwei dieser drei zu gewinnen ist nach jedem Maßstab fantastisch. Ich hätte natürlich persönlich gerne eine Fahrerweltmeisterschaft mit einem unserer Fahrer gewonnen. Sie hätten es beide letztes Jahr verdient. Ich würde also lügen, wenn ich sagen würde, dass es mich nicht nervt. Aber es schmälert nicht die Leistung von letztem Jahr. Es war ein sehr glückliches Jahr für uns. Und wenn man sich London im letzten Jahr anguckt, war Nick in deiner Position die Weltmeisterschaft zu gewinnen und wurde unverschuldet aus dem Rennen genommen.

Inwiefern war der intensive Titelkampf mit Porsche im vergangenen Jahr und die darin investierten Ressourcen ein Grund dafür, dass die Leistung in diesem Jahr nicht mehr ganz für die Spitze gereicht hat?

Ich kann nicht sagen, dass das ein Fakt ist. Natürlich pushst du bis zum Ende, wenn du um eine Meisterschaft kämpfst und es ist ein hohes Arbeitspensum. Es ist also sicherlich doppelt so viel Arbeit. Nissan ist ein perfektes Beispiel. Sie waren letztes Jahr nicht im Titelkampf und konnten ihre ganzen Anstrengungen in das neue Auto stecken. Aber ich kann nicht sagen, dass uns als Organisation in diesem Bereich etwas gefehlt hat. Wir haben einen sehr großen Schritt mit dem Auto in diesem Jahr gemacht. Wir haben mehr Rennen als Porsche gewonnen. Unser Auto war also tatsächlich sehr erfolgreich.

Jaguar-Pilot Mitch Evans bei der Formel E in Portland 2024.
Jaguar verpasste 2024 knapp den Fahrertitel, Foto: Hankook

Aber wir hatten eine Periode ohne Punkte. Das waren entweder Dinge, die wir hätten besser machen können, wie die Zuverlässigkeit, die wir uns in der Zwischenzeit vorgenommen haben, aber wir hatten auch viel Pech. Wir wurden aus zwei Rennen genommen, Mitch in Tokio, Nick in Shanghai. Und wir hatten einen Defekt an einem Einheitsbauteil mit Mitch. Beide Male hätten wir auf dem Podium sein sollen. Ohne diese Dinge würden wir dieses Wochenende um die Meisterschaft kämpfen. Und wir können die Saison in den Top-3 beenden, was ein großer Erfolg ist. Und das haben wir die letzten fünf, sechs Jahre geschafft.

Zum Abschluss: Was ist Ihre Lieblingserinnerung aus all den Jahren?

Das ist eine schwierige Frage. Ich würde sagen entweder der Doppelsieg in Monaco letztes Jahr oder unser erster Sieg in Rom.