Jaguar und Berlin - das passt in der jüngeren Vergangenheit zusammen. Zum dritten Mal in Folge gewann ein Fahrzeug des Herstellers ein Rennen auf der Strecke am ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof. Außerdem gewann Jaguar nach dem Doppelsieg in Monaco als erstes Team in der Formel-E-Saison 2024 zwei Rennen in Folge. Verantwortlich dafür ist Werksfahrer Nick Cassidy, der eine spektakuläre Aufholjagd hinlegte.

In der Pressekonferenz nach dem Rennen zeigte sich Cassidy voll des Lobes für seine Jaguar-Mannschaft: "Sie haben mir einen guten Überblick gegeben, wie das Rennen sein könnte und haben mich manche Entscheidungen treffen lassen und manche Entscheidungen auch für mich getroffen." Schon in Monaco hatte Jaguar mit einer cleveren Strategie den Doppelsieg gesichert und auch in Berlin erwies sich die Strategie scheinbar als entscheidend.

Cassidy: Sieg in Berlin mit 60 Prozent Glück

Cassidy sah die Verantwortung für den Sieg jedoch nicht hauptsächlich bei der Strategie, sondern schrieb den Anteil am Erfolg im chaotischen Berlin-Rennen zu 60 Prozent Glück zu: "Ich hatte heute sehr viel Glück, aber manchmal brauch man das, besonders in der Formel E."

Cassidy hatte den neunten Saisonlauf der Elektro-WM ursprünglich von Rang neun in Angriff genommen. Am Start fiel der Neuseeländer auf Position elf zurück und verlor auch im weiteren Rennverlauf zunächst sukzessive an Boden. "Ich hatte keinen guten Start und war nicht schnell, aber wir haben es schlau gemacht und uns auf Problem herausgehalten."

Nick Cassidy im Jaguar
Nick Cassidy pflügte in den Schlussrunden durchs Feld, Foto: LAT Images

Cassidy über Energiespar-Schlacht: So etwas noch nie erlebt

Dieses Unterfangen war jedoch keinesfalls einfach. In Berlin trat erneut eine sogenannte Energiespar-Schlacht, sodass sich die Fahrer oftmals kampflos vorbeiwinkten und die Führung wild hin und her wechselte. Hintergrund ist der starke Windschatten-Effekt der Gen3-Autos, sodass häufig niemand führen will, um den Windschatten des vorausfahrenden Autos zu nutzen und so Energie zu sparen. In Tempelhof führte dieses Phänomen erneut zu einigem Kontaktsport und zahlreichen Frontflügelschäden.

Obwohl derartige Verhältnisse im Vorfeld erwartet worden waren, überraschten die Ausmaße der Energiespar-Schlacht dennoch. "Um ehrlich zu sein habe ich so etwas in einem Formel-E-Rennen noch nie erlebt. Es war am Ende des Feldes verrückt", meinte Cassidy. Der siebenfache ePrix-Sieger fiel immer weiter zurück und fand sich zwischen Runde 17 und 20 gar auf dem letzten Platz wieder. Dabei sparte Cassidy jedoch ordentlich Energie und hatte so deutlich mehr Rest-Energie als die Konkurrenz.

In sechs Runden von Platz zehn zur Führung

Doch danach zog Cassidy das Tempo an: Nach dem Ende des durch den Unfall von Lokalmatador Maximilian Günther (Maserati-DS) ausgelösten Safety-Cars in der 34. von schlussendlich 46 Rennrunden belegte Cassidy den 13. Platz. Anschließend ging es schnell: In Runde 37 drang der Jaguar-Pilot in die Top-10 vor, in der 39. Runde in die Top-5. In Runde 43 übernahm Cassidy schließlich die Führung und baute diese bis ins Ziel auf 4,651 Sekunden aus.

Bei dieser Aufholjagd übertrumpfte Cassidy auch seinen Teamkollegen Mitch Evans, der sich das Rennen über in dem verrückten Kampf an der Spitze befand. Evans kam schlussendlich auf P4 ins Ziel. Im Gegensatz zu Cassidy machte Evans von Startplatz zehn Positionen gut und arbeitete sich schon früh nach vorne, konnte jedoch auch weniger Energie sparen.

Evans über Cassidy-Strategie: Kann das nicht immer machen

Warum wählte Evans nicht auch die Strategie seines Teamkollegen? "Um Nicks Strategie umzusetzen, musst du dich darauf schon sehr früh festlegen", sagte Evans in Berlin zu Motorsport-Magazin.com. "Wir sind Seite an Seite gestartet und ich habe mich entschlossen, mich der Spitzengruppe anzuschließen und versucht, mich so zu positionieren. Was wir von Nick gesehen haben, ist ein ziemlich extremer Fall. Er kann das nicht immer machen."

Unterdessen verteidigte Evans seine eigene Strategie: "Wenn wir ein weiteres Safety-Car gehabt hätten, dann wären die Energie-Zielsetzungen in die Höhe geschnellt und dann hätten sich die Dinge wieder ändern können. Und sich einfach versuchen durchs Feld zu arbeiten ist wirklich schwierig. Im Nachhinein war das, was er gemacht hat, offensichtlich besser, um das Rennen zu gewinnen, aber nicht jeder kann das so machen."

Mitch Evans (Jaguar TCS Racing)
Mitch Evans verpasste das Podest, Foto: LAT Images

Evans gesteht: Hätte gedacht, dass Überholen schwieriger sein würde

Zwar stellte Evans klar, dass die Strategie-Optionen durchaus zuvor bei Jaguar besprochen wurden, doch auch der elfmalige ePrix-Sieger wurde von den extremen Ausmaßen der Energiespar-Schlacht in Berlin überrascht. "Ich dachte, dass es etwas schwieriger sein würde, zu überholen. Deswegen wollte ich versuchen an die Spitze zu kommen, während die Energie-Zielsetzungen noch niedrig waren. Mit seinem Energie-Vorteil konnte er leichter nach vorne fahren, als ich es erwartet hätte."

Obwohl Evans den Sieg im Samstagsrennen von Berlin verpasste, sorgte der 29-Jährige mit seinem vierten Platz dafür, dass Jaguar den Vorsprung in der Team-Weltmeisterschaft weiter ausbauen konnte. Das Team aus dem britischen Coventry hat nun 64 Punkte Vorsprung auf das Porsche-Werksteam an zweiter Stelle. In der Fahrer-Wertung hat Cassidy mit seinem Sieg zum ersten Mal seit dem Sao Paulo ePrix im März die WM-Führung übernommen. Evans befindet sich mit 32 Zählern Rückstand an fünfter Stelle.

Formel E 2024: Team-Tabelle nach 9/16 Rennen

Pos.TeamPunkte
1Jaguar210
2Porsche146
3Nissan129
4DS Penske126
5Andretti-Porsche113