Lewis Hamilton war beim Formel-1-Rennen in Singapur der einzige Fahrer in den Top 10, der Positionen gegenüber seinem Startplatz einbüßte. Den Rückfall vom dritten auf den sechsten Rang hat er ausschließlich sich selbst zuzuschreiben. Als Ferrari ihn an die Box holen wollte, widersetzte sich Hamilton der Teamanweisung und machte auf seinen stark abgefahrenen Soft-Reifen weiter. "Das war ein riesiger Denkfehler", bewertet Christian Danner.
"Ferrari hat alles richtig gemacht und dann kommt Hamilton", kritisiert der Formel-1-Experte im AvD Motorsport-Magazin. "Er hat gedacht, dass er schlauer als alle anderen ist." Um Pole-Mann Max Verstappen unter Druck zu setzen, schickte Ferrari seine beiden Fahrer mit unterschiedlichen Reifen ins Rennen. Schnell wurde klar, dass der Medium-Pneu deutlich schwächer war, weshalb Ferrari bei Hamilton auf eine Zwei-Stopp-Strategie wechselte.
Nach einem frühen Wechsel auf Soft war klar, dass der siebenfache Weltmeister noch einmal stoppen müsste. Ein virtuelles Safety Car kam zum perfekten Zeitpunkt, doch wegen Kommunikationsschwierigkeiten verpasste Hamilton die Einfahrt zur Boxengasse. Hamilton wollte daraufhin versuchen, durchzufahren, obwohl ihm das Team davon abriet. In den letzten Runden musste er sich auf 44 Runden alten Reifen Kimi Antonelli, Lando Norris und Oscar Piastri geschlagen geben.
Hamilton überschätzt sich selbst: Kein Vertrauen in Ferrari?
"Ich appelliere an die Eigenverantwortung, keine Frage", stellt Danner klar. Als ehemaliger Formel-1-Pilot weiß er, dass der Fahrer bestimmte Situationen oft selbst am besten einschätzen kann. Doch eben nicht jede Situation. "Wenn es feucht oder nass ist, mit welchem Reifen ich dann fahre. Da muss sich ein Fahrer durchsetzen. Aber strategische Dinge kann der Fahrer im Cockpit nicht entscheiden."
Am Kommandostand haben die Ingenieure einen besseren Überblick und können das gesamte Feld miteinbeziehen. "Er kann nicht kalkulieren, wo er nach dem Stopp rauskommt und wie die Performance dann aussieht", erklärt der Experte. "Sich darüber hinwegzusetzen, war schon grenzwertig. Die Informationen aus der Box sind vielfältig und viel besser als das, was ich im Cockpit habe. Da muss man sich schon aufs Team verlassen können."
Ob das genau das Problem war? Nach so vielen enttäuschenden Rennen in diesem Jahr, darunter der letzte Grand Prix in Malaysia, könnte der siebenfache Weltmeister das Vertrauen in seine Strategen verloren haben. "Das schwingt schon mit", ist Danner überzeugt. Er sieht aber auch eine Selbstüberschätzung von Hamilton: "Ob es dir gefällt oder nicht, du musst ein Grundvertrauen zum Team haben. Auch wenn du enttäuscht wurdest. Du musst das immer wieder von vorne aufbauen."
Dabei hatte Ferrari in Singapur sogar eine goldrichtige Strategie geplant, wie Danner meint. Eine seltene Glanzleistung der Taktik-Abteilung aus Maranello, die Hamilton jedoch zunichtemachte. "Sie entscheiden endlich einmal richtig, bekommen sonst nur Prügel ab, und jetzt will Hamilton nicht. Das war schon blöd", hat Danner Mitleid mit den Strategen. Damit habe der siebenfache Weltmeister ein sicheres Podium verspielt.
Danner: Hamilton bringt Team in die Bredouille - aber Ferrari nicht unschuldig
Dass sich Hamilton nach dem Rennen mehrmals beim Team entschuldigte, rechnet Danner ihm an. Dennoch war Ferrari-Teamchef Fred Vasseur nach dem Rennen fuchsteufelswild. Für den ohnehin schon in der Kritik stehenden und bei den italienischen Medien angeschwärzten Franzosen kam dieses Debakel genau zur falschen Zeit.
"Das Einzige, das Fred will, ist, endlich Ruhe zu haben", kann Danner die Situation nachempfinden. "Der will einfach nur vernünftig arbeiten und Ruhe in dieses ganze Konstrukt bringen. Der hat genug Sorgen am Hals. Durch solche Sachen und das Gerede, das dadurch entsteht, ist die Ruhe wieder beim Teufel." Der durchschnittliche Fan, der sich abseits der Rennen kaum mit der Formel 1 beschäftigt, macht sich nun nämlich über Ferrari lustig. "Das ist das Letzte, was Vasseur braucht", zeigt sich Danner verständlich für dessen Wut.
Doch der Experte weiß auch, dass Vasseur zu einem gewissen Grad auch die Verantwortung übernehmen muss. "Solche Sachen müssen vorher festgelegt werden. Du kannst nicht eine 'Pi mal Daumen'-Entscheidung treffen", kritisiert Danner abermals die scheinbare Unorganisiertheit der Scuderia, die am Funk regelmäßig mit Plänen von A bis Z und darüber hinaus für Unterhaltung sorgt. Schon beim Thema Teamorder zeigte der erfolgreichste Rennstall der Königsklasse, dass sie eher reagieren, anstatt antizipieren und vorbereiten.
"Das ist nach wie vor das größte Manko", schätzt der Experte ein. "Gerade wenn ein Rennen mit dem Safety Car durcheinandergewürfelt wird und Entscheidungen, die vorher getroffen wurden, revidiert werden müssen, geht es relativ langsam bei Ferrari. Das muss vorher besprochen sein. Alle Eventualitäten einbeziehen ins Briefing, bevor er losgeht, und hinterher auch exakt danach fahren und strategisch entscheiden." Hamilton habe seine Lektion gelernt, jetzt müsse sein Team noch das Gleiche tun.
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