Auf den ersten Blick sieht das Formel 1-Rennen in Singapur wieder wie ein typischer Fehler der Ferrari-Strategen aus. Lewis Hamilton hatte sich seit mehreren Runden über die Taktik beschwert, da kommt in Runde 40 ein virtuelles Safety Car wie gerufen. Doch anstatt Hamilton auf alten Soft-Reifen zum Reifenwechsel zu holen, kommt nur Charles Leclerc rein. Dann war das VSC und damit die Chance auf einen günstigen Stopp weg. Warum holte Ferrari nicht beide an die Box? Dahinter steckt mehr als ein einfacher Strategie-Fehler.

Wieder keine Teamorder: Hamilton steckt hinter Leclerc fest

Der siebenfache Weltmeister startete den Singapur-GP auf dem Medium-Reifen. Mit einer gesplitteten Strategie – Leclerc war auf Soft ins Rennen gegangen – wollte die Scuderia Pole-Setter Max Verstappen unter Druck setzen. Schnell fiel aber auf, dass der C4 die eindeutig schlechtere Wahl auf dem glatten Straßenkurs war. Als Hamilton zurückfiel, entschied sich Ferrari, ihn schon in Runde 18 an die Box zu holen.

Laut Pirelli hätte der Medium-Pneu mindestens bis Runde 25 drauf bleiben müssen, um das Rennen mit einem Stopp auf Hard durchfahren zu können. Hamilton bekam aber einen Soft. Bei noch 44 ausstehenden Runden würde eine Ein-Stopp-Strategie nicht aufgehen. Es war klar, dass Hamilton noch einmal reinkommen müsse und damit der einzige Zwei-Stopper der Top-Gruppe sein würde.

Dann blieb er auch noch hinter seinem Teamkollegen stecken. Leclerc war nach seinem Reifenwechsel genau vor Hamilton herausgekommen, allerdings mit den Medium-Reifen. Eine Teamorder gab es wie so oft in dieser Saison nicht. "Wir haben gerade zwei Sekunden verloren. Ich muss diesen Speed nutzen", verlangte er. Als er als Antwort darauf nur gesagt bekam, an welchen Stellen er seine Reifen mehr schonen sollte, fügte er sich: "Gut, ich lasse mich zurückfallen."

Vasseur: Strategie war gut – bis das VSC kam…

"Zwei Runden später war er schon zwei Sekunden hinten", relativierte Vasseur die Entscheidung gegen eine Teamorder. Tatsächlich betrug Hamiltons Rückstand erst rund zehn Runden später zwei Sekunden. "Es war die richtige Entscheidung", ist Vasseur dennoch überzeugt. "Die Strategie war gut – bis das VSC kam."

Ab jetzt wird die Geschichte kompliziert. In Runde 40 rollte Lance Stroll mit einem Kupplungsschaden aus und ein VSC neutralisierte das Rennen. Der perfekte Zeitpunkt für Hamilton, an die Box zu kommen und sich neue Reifen für den letzten Stint abzuholen. Doch er fuhr an der Einfahrt vorbei. Eine weitere Gelegenheit gab es nicht mehr. Bis zum Rennende blieb er auf demselben Reifensatz, obwohl Ferrari am Funk bestätigte, dass er nicht durchkommen würde.

Hamilton widersetzt sich Ferrari-Strategie, Vasseur sauer! Was ist wirklich passiert? (09:56 Min.)

"Uns fehlen sechs Runden, um Plan C [Ein-Stopp] umzusetzen", warnte Carlo Santi seinen Fahrer. Hamilton versuchte es trotzdem, da er mit einem Boxenstopp ohnehin zwei Positionen verloren hätte. Am Ende ging sein Wagnis nicht auf: Er musste sich in den letzten Runden von Kimi Antonelli, Lando Norris und sogar Oscar Piastri überholen lassen. Statt eines Podiumsplatzes wurde es nur Platz sechs für Hamilton.

Nach der Zielflagge brachte Hamilton ein bisschen Licht in die Situation: "Es tut mir leid, Jungs", funkte er. "Ich habe euch heute im Stich gelassen mit der Strategie. Es war meine Entscheidung und ich habe uns wertvolle Punkte gekostet. Ich werde versuchen, das beim nächsten Mal wieder gut zu machen." Also waren es gar nicht die Ferrari-Taktiker, die sein Rennen verpatzten, sondern er selbst?

Hamilton trifft Strategie-Fehlentscheidung selbst! Vasseur kocht über

"Wir haben ihm gesagt, dass er an die Box kommen soll", bestätigt der Teamchef und erteilt allen Kritikern eine Abmahnung: "Macht nicht das Team für etwas verantwortlich, wenn er sich am Funk klar entschuldigt und die Verantwortung übernommen hat. Er hat zugegeben, dass er das Team enttäuscht hat." Vasseur ist normalerweise für seine humorvolle Art bekannt, doch am Sonntagabend in Singapur ist der Franzose fuchsteufelswild.

"Er hat sich entschieden, nicht zu stoppen. Ansonsten wären wir auf Platz zwei und drei über die Ziellinie gekommen", wütet der Teamchef gegen Hamilton wegen eines verlorenen Doppelpodiums. Antonelli hatte ebenfalls unter dem VSC gestoppt, den hätte Hamilton also nicht mehr überholen müssen. Norris hingegen schon. Ob das auf dem überholfeindlichen Marina Bay Street Circuit möglich gewesen wäre, bleibt fraglich. "Wir haben einen weiteren Reifenwechsel vorgeschlagen, weil wir nicht wussten, ob er es bis zum Ende geschafft hätte. Darum wollten wir ihn während des VSC reinholen", ätzt der Teamchef weiter.

Vasseur erklärt, wie sich die Situation am Funk unter dem VSC abgespielt hat: "Wir waren Platz zwei und drei auf der Strecke und haben zwei Autos zum Reifenwechsel geholt. Einer dieser zwei hat gesagt: 'Nein, ich will lieber auf der Strecke bleiben.' Na gut, das hat er nicht gesagt. Er meinte, dass er die Einfahrt verpasst hat." Das ist auch die Erklärung, die Hamilton nach dem Rennen wiederholt.

Ob es sich wirklich so zugetragen hat, können wir nicht bestätigen. Am Funk ist ab Beginn der VSC-Phase an keine Anweisung an Hamilton zum Boxenstopp zu hören. Allerdings es gibt eine kurze Störung, die die Übertragung beeinflusst haben könnte. Sicher ist, dass die Boxencrew für zwei Wechsel vorbereitet war. Auf den Onboard-Aufnahmen von Leclerc ist klar ersichtlich, dass die Mechaniker jeweils zwei Reifensätze bereithalten, als der Monegasse hineinfährt.

Es ist also davon auszugehen, dass Ferrari zwei Stopps durchführen wollte. Ob Carlo Santi vergessen hat, seinem Fahrer Bescheid zu geben, oder ob wir durch die Störung die Anweisung einfach nicht hören konnten und sich Hamilton bewusst dagegenentschied, wie es ihm sein Teamchef unterstellt, können wir nicht herausfinden. Die Entschuldigung ist keine Bestätigung, dass sich Hamilton gegen einen Stopp unter dem VSC entschied. Schließlich kam er auch später nicht zum Reifenwechsel.

Hamilton reuig - Vasseur: Habe Respekt für die Gefühle meiner Fahrer

Hamilton ist nach dem Rennen auf jeden Fall voller Reue: "Es war nicht das Resultat, das wir uns erhofft hatten und das ist meine Schuld. Ich habe heute eine schmerzhafte Lektion gelernt und ich übernehme die volle Verantwortung für die Entscheidung, die ich getroffen habe. Ich akzeptiere, dass ich falsch gelegen habe. Ich entschuldige mich beim Team für die verlorenen Punkte. Sie arbeiten jedes Wochenende so hart und ich will für sie mein Bestes geben. Ich werde beim nächsten Rennen wieder weiterkämpfen."

"Wir wissen, dass es ihm leidtut. Es war ein Fehler, wenn du dir das Endergebnis ansiehst", gesteht Vasseur auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com. "Aber ihr sagt uns oft, dass wir auf unsere Fahrer hören sollen, weil sie schließlich im Auto sind und ihre Reifen am besten einschätzen können. Ich denke, in diesem Fall war es für mich klar, aber ich habe Respekt für ihre Gefühle, wenn sie im Auto sind."

Zwischen den zwei Freunden, die sich schon seit Hamiltons Anfangsjahren in der Formel 1 gut kennen, dürfte bis zum nächsten Rennen in Austin alles wieder im Lot sein. Dass Ferrari mit Charles Leclerc nach Sepang zumindest ein weiteres Podium einfuhr und insgesamt mehr Punkte als Mercedes holte, dürfte die Stimmung ebenfalls heben. "Wir waren heute gut", weiß der Teamchef. Wie es für Leclerc im Rennen lief, erfahrt ihr im folgenden Artikel: