Mit einem erneuten zweiten Platz endet bei der Formel 1 in Singapur ein Wochende der Beinahe-Durchbrüche von Ferrari. Immer schien der erste Platz in Griffweite, nie schaffte es einer der beiden Fahrer zuzupacken. Charles Leclerc reflektiert nach dem Rennen über einen mit maximal harten Bandagen geführten Start-Showdown. Warum hielt er gegen Max Verstappen nicht rein?

"Ich bin glücklich, aber nicht überglücklich", lautet Leclercs Gefühlslage nach Singapur. 7,335 Sekunden hinter Verstappen kam er auf dem zweiten Platz ins Ziel. Wie schon nach den Qualifyings hängt darüber eine kleine Wolke: "Max hatte mehr Pace als wir, das haben wir erwartet, aber wir waren auch etwas näher dran als erwartet. Das war ein cooles Rennen, und ich habe bis zum Schluss daran geglaubt."

Charles Leclerc kann Singapur gewinnen - am Start

So wäre der Ferrari wohl schnell genug gewesen, um den Red Bull hinter sich zu halten. "Sicher, bei diesen Umständen, wo du praktisch die identische Strategie mit den gleichen Reifen fährst, und dich kopierst, bekommst du nicht die eine oder die eineinhalb Sekunden zusammen, die du in Singapur zum Überholen brauchst", weiß Ferrari-Teamchef Fred Vasseur. Leclerc hätte nur irgendwie an die Führung kommen müssen.

Dafür hatte Leclerc im Rennen tatsächlich zwei Chancen gehabt. Eine große und eine kleine. Die große wird sich jeder fragen, der den Start gesehen hat. Verstappen kam einmal mehr nicht gut weg: "Wir müssen verstehen, was mit dem Motor los war, noch bevor ich die Kupplung kommen lassen habe, das hat dem Start geschadet." Auf den ersten Metern war Leclerc sofort neben ihm.

Verstappen begann nach links zu ziehen, um Leclerc bis an die Wand zu drängen. Das Risiko war ihm, der in der Formel-1-WM im Niemandsland liegt, egal: "Ich bin nur hier, um zu gewinnen. Ich musste alles tun, was ich konnte, um es Charles richtig schwierig zu machen, tief in diese Kurve hineinzubremsen. Das war der einzige Weg, um ihn davon abzuhalten, in Führung zu gehen."

Der Start beim Formel-1-Rennen in Singapur
Verstappen vs. Leclerc an der Spitze des Feldes, Foto: IMAGO / Andalou Agency
Der Start zum Singapur GP
Verstappen vs. Leclerc am Limit, Foto: IMAGO / Anadolu Agency

So setzte sich Max Verstappen in der ersten Kurve gegen Leclerc durch

Das hätte er auch nicht mit jedem Gegner so gemacht: "Charles ist ein sehr erfahrener Fahrer, und wir waren sehr sauber." Dass er recht hat, zeigt auch Leclercs Antwort: "Da war nicht mehr viel Platz, aber ich hätte es ganz gleich gemacht." Verstappens Plan ging auf. Leclerc wurde nervös: "Ich war ganz links, etwas hinter ihm. Da konnte ich die Tafeln auf der rechten Seite nicht sehen. Dann verlierst du deine Referenzen. Normalerweise nutzt du die als Referenzen für den Bremspunkt."

Verstappens Manöver bedeutete, dass Leclerc die erste Kurve mit einem äußerst engen Radius anfahren musste, und dafür auf der schmutzigsten Stelle der Bremszone anbremsen musste. So weit innen fährt sonst das ganze Wochenende nämlich niemand. Die Suche nach dem Bremspunkt war ein Ritt auf der Rasierklinge, und Leclerc wagte es nicht spät genug: "Ich versuchte es so gut wie möglich einzuschätzen, aber Max hat den ersten Platz behalten."

Verstappen setzte - nicht zum ersten Mal, man fühlt sich an sein Duell mit Oscar Piastri in der ersten Kurve von Imola erinnert - seinen Bremspunkt am spätestmöglichen Zeitpunkt, ließ Leclerc gerade noch genug Platz in der ersten Kurve, und blieb in der direkt folgenden zweiten Kurve um eine Reifenbreite innerhalb der Track Limits: "Den richtigen Bremspunkt einzuschätzen, ist immer sehr schwierig, aber das hat, denke ich, genau geklappt."

Leclerc erfasst Verstappen-Probleme zu spät und verpasst zweite Chance

"Vielleicht hätte ich etwas aggressiver am Start sein können", weiß Leclerc nicht, ob es später gegangen wäre. "So ist es jetzt." Kurz darauf tat sich eine kleinere Tür auf. In den ersten Runden hatte Verstappen plötzlich auftretende Probleme mit der Leistungsabgabe seiner Batterie. Aber Leclerc dachte beim ersten Mal, es sei nur einer dieser kurzen Deployment-Ungereimtheiten, die es mit den 2026er-Motoren oft in den Startrunden gibt.

"Also habe ich nicht wirklich meine Batterie ausgequetscht, was vielleicht ein Fehler war", meint Leclerc. "Als ich dann realisierte, dass er die ganze Zeit keine Leistung am Ende der Geraden hatte, konnte ich nichts mehr tun. Es war zu spät, um meine Leistung zu nutzen." Dann bekam Verstappen das Deployment mit anderen Einstellungen in den Griff und fuhr langsam vom Ferrari weg.

Hinter dem in Sachen Rennpace stärkeren Verstappen zu sein, bedeutete effektiv das Ende für Leclercs Sieg-Ambitionen. Ferrari stoppte ihn früher, aber für einen Undercut war er schon zu weit weg. Dann stoppte er unter dem späten Virtuellen Safety Car in Runde 39 erneut, konnte aber trotz viel besserer Soft-Reifen nur 10 seiner danach 17 Sekunden Rückstand bis ins Ziel aufholen. Der Red Bull war einfach zu schnell: "Ich habe alles gegeben und bereue nichts. Mehr ging heute nicht, denke ich."