Es bestehen eigentlich keine Zweifel mehr daran, dass Kimi Antonelli sich zum Formel-1-Weltmeister 2026 krönen wird. Die Frage ist nur noch, wann der Italiener auch mathematisch den Sack zumachen wird. In Singapur genügte zum wiederholten Male nur eine Verwaltungsfahrt, um George Russell weiter zu enteilen.

Dass er dabei auch noch auf das Podium fuhr und damit bereits in zwei Wochen in Austin den Sack zumachen kann, war nicht unbedingt notwendig. Aber es passt ins Bild einer Saison, in der im Zweifel die Würfel zugunsten des Youngsters fallen, wie es dazu kam. Denn eigentlich schien das Duell um Platz 3 zwischen Lewis Hamilton und Lando Norris ausgefochten zu werden, aber beide vertaten sich in Runde 54 im direkten Duell. Antonelli nahm das Geschenk dankend an und ging an Norris vorbei. Das Manöver gegen Hamilton danach war aufgrund des massiven Reifenunterschieds einfach.

Kimi Antonelli bringt Mercedes mit Track Limits und Bremsen ins Schwitzen

Doch bis dahin war es alles andere als ein lockerer Abend für den Mercedes-Fahrer gewesen. Zwei Themen brachten sein Team ordentlich ins Schwitzen. Eines ist ein Dauerbrenner bei Antonelli: die Track Limits. In den Runden 19 und 20 sammelte er sich unter dem Druck von Lando Norris in Turn 1 schon seine ersten beiden Vergehen ein, ein weiteres folgte in Runde 35. Folgerichtig sah er dafür auch schon eine schwarz-weiße Flagge.

Als er also nach seinem Boxenstopp in Runde 40 in Kurve 7 erneut von der Strecke abkam, gingen viele von einer nahenden Zeitstrafe aus. Dabei war dieses Vergehen nur das Symptom eines viel gravierenderen Problems. Über lange Phasen litt der Mercedes von Antonelli nämlich an überhitzenden Bremsen, wie dieser bereits während des Rennens feststellte. "Als ich auf die Bremse trat, passierte nichts", beschrieb er seinen Schreckmoment in Runde 40. "Ich hatte wenig Bremskraft und ich wäre fast in der Wand gelandet."

Bereits zuvor war die Bremstemperatur ein anhaltendes Problem gewesen, das noch dazu verschlimmert wurde, dass die entsprechenden Sensoren an seinem Boliden ausgefallen waren. "Wir wussten nicht genau, welche Temperatur wir in den Bremsen hatten, es ging also nur um das Gefühl. Aber sie waren heiß, denn ich konnte es sogar riechen. Das war nicht angenehm", sagte Antonelli.

Den gesamten ersten Stint steckte Antonelli hinter Hamilton im Verkehr fest. Die Bremsprobleme seien deshalb zu erwarten gewesen, rekapitulierte er. "Ich musste vor jeder Bremszone versuchen, vom Gas zu gehen und ein bisschen langsamer anzukommen, um mit weniger Druck auf das Bremspedal zu gehen."

In der Formel 1 erfolgt die Bremskühlung über den Fahrtwind. Die Bremskühlschächte sind gleichzeitig aber auch aerodynamisch ein Performance-Faktor und werden deshalb immer nur auf das unbedingt notwendige Niveau geöffnet, um nicht Rundenzeit zu verschenken. Singapur ist aufgrund seiner heißen Temperaturen und der zahlreichen größtenteils harten Bremspunkte besonders kritisch. 24 Prozent einer Runde verbringen die Fahrer auf der Bremse, was sie zu einer der härtesten Strecken für die Bremsen macht.

Warum bekam Antonelli keine Strafe für seine Track-Limit-Vergehen?

Doch schließlich überlebten Antonellis Bremsen das Rennen und er erreichte das Ziel ohne eine Strafe. Denn die Stewards hatten trotz seines vierten Track-Limit-Vergehens geschwiegen. Das könnte daran liegen, dass laut dem Reglement nur das Abkommen von der Strecke ohne einen triftigen Grund geahndet wird.

Ob ein technisches Problem einen triftigen Grund darstellt, wurde in der Vergangenheit aber fallweise unterschiedlich ausgelegt. Offizielle Untersuchung gab es zu diesem Fall keine, also kann man nur mutmaßen, dass in diesem Fall seine Bremsprobleme zu Gunsten von Antonelli ausgelegt wurde. Im Endeffekt ist dieses Thema aber ohnehin irrelevant, denn der WM-Führende überquerte die Ziellinie fast 16 Sekunden vor Norris. Er wäre also auch mit einer 5- oder 10-Sekunden-Strafe Dritter geblieben.

Unklar ist hingegen ein drittes Sorgenthema, auf das Antonelli etwa zur Rennhalbzeit aufmerksam machte. Nämlich, dass er zwischen seinen Füßen eine Flüssigkeit bemerkt hatte. Im Zusammenhang mit den zu diesem Zeitpunkt noch anhaltenden Bremsproblemen ein Grund zur Sorge, allerdings nichts, das sich in den Daten niederschlug oder später im Rennen nochmal aufgetreten wäre. Toto Wolff glaubt deshalb an eine triviale Erklärung: "Wir vermuten, dass es seine Trinkflasche war, aus der etwas Flüssigkeit dorthin kam, oder dass sie ein Leck hatte."

Bereits in Austin könnte Kimi Antonelli den Sack in der Formel-1-WM zumachen. Dafür benötigt er aber nicht nur einen Sieg, sondern auch ein bisschen Schützenhilfe. Falls Russell Achter oder besser wird oder Hamilton Vierter oder besser wird, wird der Titelkampf auch bei einem Erfolg des 20-Jährigen mindestens bis Mexiko vertagt.

Hier der aktuelle WM-Stand: