"Es ist lange her, seit ich auf diesem Platz gesessen bin. Ich kann mich gar nicht mehr an meine letzte Pole Position erinnern", gibt Lewis Hamilton in der FIA-Pressekonferenz nach dem Formel-1-Qualifying in Mexiko zu. Tatsächlich sind 1.198 Tage bzw. drei Jahre, drei Monate und zehn Tage seit dem Ungarn GP 2023 vergangen, bei dem der Rekordweltmeister das letzte Mal auf dem ersten Startplatz stand.
Heute sitzt er aber zum ersten Mal in Rot in der Mitte der Top-3-Fahrer. Nur 0,009 Sekunden trennten ihn von George Russell. Der 41-Jährige, der damit der älteste Polesetter seit Mario Andretti beim Italien GP 1982 ist, hat in Mexiko-Stadt einen weiteren Punkt auf seiner Ferrari-Liste abgehakt: Sprint-Pole und -Sieg sowie Rennsieg hatte er bereits, jetzt kommt die Pole Position dazu. Fehlt nur noch eine Weltmeisterschaft.
"Die erste Pole mit Ferrari… Mann, es erinnert mich, wie ich Michael [Schumacher, Anm. d. Red.] dabei zugesehen habe, wie er all diese Pole Positionen und Siege mit Ferrari geholt hat. Es ist sehr besonders", freut sich Hamilton, der schon mehrmals betonte, dass er bei Ferrari Ähnliches wie die deutsche Motorsport-Ikone erreichen möchte. Dabei zählte Hamilton für die wenigsten zu den Favoriten auf den ersten Startplatz beim Mexiko-Stadt GP.
Mexiko-Qualifying: So holte Hamilton fast eine halbe Sekunde Rückstand auf
In keiner Trainingssession war er auf Augenhöhe seines Teamkollegen Charles Leclerc, der sich im Rennen auf Startplatz drei einreihen wird. Wegen eines Motorproblems verpasste Hamilton sogar die Hälfte des zweiten Freien Trainings. Zwischen Freitag und Samstag wechselte Ferrari daher seine Antriebseinheit gegen eine bereits im Pool vorhandene. Die defekte PU muss erst untersucht werden.
Trotz der bisherigen Schwierigkeiten hat Hamilton nie daran gezweifelt, dass er das Zeug für die Pole Position hat. "Es war so knapp im Qualifying, da musst du einfach auf den Millimeter perfekt sein. Aber meine Runde war sehr sauber – das habe ich auch gebraucht", weiß der siebenfache Weltmeister. Nach den ersten Runden in Q3 fehlten ihm 0,422 Sekunden auf die Bestzeit seines Teamkollegen. "Das ist eine große Lücke, die du mit der letzten Runde aufholen musst", war sich Hamilton seiner Herausforderung bewusst. "Aber ich wusste noch ein paar Stellen, an denen ich mich verbessern konnte."
Das waren vor allem die Anfahrt auf Kurve eins – wo er einen guten Windschatten von Lando Norris bekam –, die Fahrt durch die Schikane 4-5 und Kurve 12. In all diesen Minisektoren erzielte Hamilton auf seiner letzten Runde Bestzeiten. Vor allem im Mittelsektor holte er drei Zehntel auf, im letzten eine Zehntel. Dabei gelang ihm etwas, das Ferrari schon lange Zeit Probleme bereitete: die Reifenvorbereitung.
Reifenvorbereitung als Schlüssel: Hamilton bewältigt "jahrelanges" Problem
In den vergangenen Wochen galt die Scuderia vor dem Qualifying häufig als Favorit. Doch dann gelang dem Team nicht dieselbe Leistungssteigerung wie der Konkurrenz, weil Hamilton und Leclerc die Reifen nicht ins richtige Arbeitsfenster bekamen. Genau das gelang dem Polesetter in Mexiko aber: "Es war perfekt auf der Vorbereitungsrunde. Das ist der Schlüssel. Nachdem ich durch Kurve eins, zwei und drei war, wurde es ganz geschmeidig."
Gerade in diesem Bereich hatte Hamilton die letzten Jahren Probleme, wie er in Mexiko erklärt. Seit 2022 die 18-Zoll-Reifen eingeführt wurden, musste er seinen Fahrstil an die "steinharten" Pneus anpassen. "Du musst die Kurven anders angehen. Sie brauchen eine andere Balance", beschreibt Hamilton. Er kann sich noch an die Zeit der flexibleren 13-Zoll-Reifen erinnern: "Wir sind förmlich dahingekrochen, dann hast du angefangen zu pushen und der Reifen war bereit."
Heute müssen die Formel-1-Fahrer dagegen eine häufig schwer nachvollziehbare und äußerst sensible Abfolge schneller und langsamer Fahrphasen einhalten, die selbst dann nicht immer zum gewünschten Ergebnis führt. Wenn man aber den Sweetspot trifft, funktioniert der Pirelli sehr gut – wie eben bei Hamilton im Qualifying: "Ich konnte endlich das Maximum vom Reifen herausholen und es über die ganze Runde behalten. Oft passiert es, dass zuerst die Vorderreifen aus dem Fenster fallen und dann die Hinterreifen, wie eine durchgehende Wippe. Die Balance zu treffen, ist wie eine Nadel im Heuhaufen zu finden."
Die Reifenvorbereitung ist auf dem Autódromo Hermanos Rodríguez wegen des staubigen und rutschigen Asphalts besonders schwierig, weil die Pneus auch zur Überhitzung neigen. Wie genau Hamilton daher das delikate Reifen-Kunststück schaffte, verrät er nicht im Detail, nur: "Ich konnte ein paar Techniken benutzen, die ich seit ungefähr 13 Jahren nicht mehr gebraucht habe." Er verzichtete jedenfalls auf eine zusätzliche Vorbereitungsrunde, da die Temperatur seiner Reifen bereits nach der Outlap auf einer guten Höhe war.
Leclerc über P3: "Kann nur auf mich selbst wütend sein" - Chancen fürs Rennen?
Während Hamilton glänzte, hatte Charles Leclerc Schwierigkeiten. "Ich habe keine gute Arbeit geleistet", klagt der Ferrari-Fahrer über seine Vorbereitung im Q3. "Ich hatte Probleme damit, auf der Outlap immer wieder die gleichen Bedingungen zu reproduzieren." Nach den ersten Ausfahrten im finalen Shootout lag Leclerc mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,045 Sekunden auf Max Verstappen in Führung, auf seinem zweiten Versuch konnte er sich aber nur im dritten Sektor verbessern. Wieder konnte er einen Top-Freitag nicht in ein Top-Ergebnis ummünzen.
Leclerc geht deshalb hart mit sich selbst ins Gericht: "Ich kann nur auf mich selbst wütend sein, denn am Ende hatte ich eine saubere Outlap für die zweite Runde in Q3. Ich habe es einfach nur nicht hinbekommen." Für das Rennen erwartet er sich trotz der vielversprechenden Rennpace des SF-26 nicht viel: "Ich bezweifle, dass es Überholmanöver geben wird. Aber ich werde es in Kurve eins [Runde eins] natürlich versuchen. Das ist hier immer spannend."
Das beste Beispiel dafür war das letzte Rennen in Mexiko, als die ersten Vier auf Augenhöhe in die erste Kurve fuhren. Max Verstappen musste danach weit über den Wiesen räubern, bevor er sich wieder einreihen konnte. Hamilton weiß daher, dass es auf die ersten Meter ankommt, um seinen zweiten Saisonsieg zu holen: "Ich war noch nie auf der Pole, ich bin immer von weiter hinten gekommen. Deshalb will ich mich darauf konzentrieren, alles zu optimieren."
Tatsächlich ist das nicht wahr. Hamilton stand bereits beim Großen Preis von Mexiko 2016 auf dem ersten Startplatz. Angesichts seiner 105 Pole Positions ist dieser Erinnerungsfehler allerdings verzeihlich. Einen Stolperstein gibt es noch, der seinen zweiten Ferrari-Sieg gefährden könnte: Wegen seines Ausfalls im zweiten Freien Training fehlen ihm wichtige Erkenntnisse über das Verhalten seines SF-26 im Renntrimm. Leclerc zeigte allerdings bei seinen Longruns, dass der Ferrari eindeutig der Favorit ist.



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