Beim Formel-1-Rennen in Monza sind immer alle Augen auf Ferrari gerichtet. Jeder Erfolg wird gefeiert wie ein WM-Sieg und jeder Fehler wird auseinandergenommen. Leider passierten der Scuderia bei ihrem Heimrennen in Italien einige davon. Charles Leclerc flog in der zweiten Runde in der Parabolica ab, davor kam es in der ersten Schikane zum Streit mit Lewis Hamilton und sowieso ist die Stimmung im Team gar nicht gut. Formel-1-Experte Christian Danner analysiert das Ferrari-Debakel.

Danner nimmt Hamilton für Startmanöver in Verantwortung

Der Anfang aller Probleme war die erste Runde. Hamilton stach in der ersten Kurve innen hinein, was dazu führte, dass er im zweiten Teil der Schikane außen auf den Kies ausweichen musste. Am Funk beschuldigte der siebenfache Weltmeister seinen Teamkollegen sofort, ihn abgedrängt zu haben. Leclerc streckte nach dem GP eine Hand aus und meinte, dass beide zu weit gingen. Hamilton wollte davon nichts wissen: "Ich war in Kurve zwei vorne. Da gab es kein 'wir'." Rückendeckung bekam er ausgerechnet von seinem ehemaligen Teamkollegen und WM-Rivalen Nico Rosberg.

Christian Danner ist da anderer Meinung. "In den Driver Guidelines hat das Auto, das vorne ist, Vorfahrt. Das war schon Hamilton. Aber die Art und Weise, wie er sich da vorgequetscht hat… Das ist die erste Kurve des Grand Prix, eine Schikane, die bekannt dafür ist, ein Nadelöhr zu sein", kann sich der Experte Hamiltons Manöver nicht erklären. "Wenn man es realistisch betrachtet, muss ich sagen, dass das nicht sehr clever von Hamilton war."

Für den ehemaligen F1-Fahrer, der selbst mehrmals in Monza antrat, lag die Verantwortung für den Kiesausflug eindeutig bei Hamilton: "Manchmal ist es klüger, einen Unfall zu vermeiden. Und derjenige, der ihn hätte vermeiden können, ist klar Hamilton. Wo hätte der Leclerc denn hinfahren sollen? Da ist wirklich nicht viel Platz." Auch die Schuldzuschiebungen des Ferrari-Piloten nach dem Vorfall waren für Danner unangebracht.

Ferrari-Teamorder: "Es gibt keine klaren Verhältnisse"

Bei welchem Thema der Formel-1-Experte Hamilton aber zustimmt, ist das Thema Teamorder, was schon beim Zandvoort-GP ein Streitpunkt war. Der WM-Dritte hatte nach Silverstone 32 Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Kimi Antonelli. Dieser Abstand beträgt mittlerweile 76 Zähler. Laut Hamilton hätte sich Ferrari hier viel früher einschalten müssen. Danner stößt sich vor allem an der Unvorbereitetheit der Scuderia.

"Es gibt nach wie vor keine klaren Verhältnisse", kritisiert der Experte. "Man muss für jede Situation eine Lösung haben. Das in Monza war absehbar. Aber da muss man antizipieren und nicht reagieren. Reagieren ist schön und wahnsinnig spektakulär, aber Reaktion heißt immer: Ich bin hinten dran. Und das ist nicht clever." Besser wäre es, wenn beide Fahrer bereits im Voraus wüssten, was in gewissen Situationen von ihnen verlangt wird.

Bei Ferrari gibt es keine Regeln! Hamilton fordert Vasseur-Eingriff (49:58 Min.)

Das müsse aber nicht heißen, dass die Fahrer nicht mehr gegeneinander kämpfen dürfen: "Man darf den Fahrern nicht den Spaß an der Formel 1 nehmen." Aber im Vorhinein besprochene Verhaltensregeln, wie etwa die berüchtigten "Papaya Rules" von McLaren oder auch Mercedes' "Rules of Engagement", haben ihre Vorteile. "Dann weiß der Fahrer genau, was auf ihn zukommt und was er machen muss, ob es ihm gefällt oder nicht." Dass Ferrari-Teamchef Fred Vasseur je ein Gespräch mit seinen zwei Fahrern über solche Regeln führte, bezweifelt Danner stark: "Nie im Leben." Diese Annahme bestätigte Lewis Hamilton am Sonntag: "Hier gibt es keine Regeln."

Motor-Defizit "kann nicht sein!" Sieht Danner Chance auf Besserung?

Abgesehen davon, ist diese Teamorder-Debatte für den Formel-1-Experten ohnehin etwas irrelevant: "Es ist nie zu spät [für eine Teamorder, Anm. d. Red.], auch wenn ich nicht glaube, dass Ferrari einen Hauch einer Chance gegen Mercedes hat." Denn was den Traditionsrennstall zurückhält, noch viel mehr als jeder Teamkollegen-Zwist oder Strategiepatzer, ist der Motor.

"Es kann nicht sein, dass die ein derartiges Leistungsmanko bis in die zweite Saisonhälfte mitschleppen", ist Danner fassungslos. "Das Auto hat vielleicht ein bisschen schlechtere Luftwiderstandswerte, aber es ist in erster Linie motorisch deutlich unterlegen." Das Aggregat aus Maranello wurde bereits zweimal geupdatet, damit sind alle Joker der ADUO-Regelung für 2026 verbraucht. Bis 2027 wird Ferrari also mit der gleichen Power Unit weiterfahren müssen.

Eine Power Unit, die gar keine Meter gegen den Mercedes-Motor gutmacht - wortwörtlich. Nach dem Monza-Freitag schätzte Hamilton, dass er auf der Geraden sechs Zehntel auf die Silberpfeile verliert. Trotzdem sprach das Team von einem Erfolg, denn die neue Ausbaustufe verbesserte das Handling in den langsamen Kurven.

Mit dem jetzigen Defizit müsse man vorerst leben, meinte der Teamchef. "Wir haben nicht erwartet, uns mit ADUO 1 und ADUO 2 zu erholen. Wir machen kleine Schritte. Aber auch wenn du nur ein paar PS dazu kriegst, ist es ein guter Fortschritt in der Startaufstellung", so Vasseur.

"Wenn Ferrari sich einmal ein bisschen an die eigene Nase greifen würde, dann wäre ihnen schon sehr geholfen", lautet Danners finales Urteil. Da er in absehbarer Zeit keine großen Änderungen erwartet, hat der Experte auch keine Hoffnung auf eine Verbesserung: "Madrid ist schwer zu sagen, da wird es [das Defizit] nicht so verrückt sein. Aber in Aserbaidschan und Austin gibt es lange Geraden. Deswegen befürchte ich, dass Ferrari dort auch wieder mittelmäßig sein wird."

Ferrari durfte die Strecke in Madrid bereits testen und Charles Leclerc zog ein positives Fazit. Das sagt er zur Stadtstrecke und "La Monumental":