Normalerweise ist das Formel-1-Rennen in Monaco eine eher langatmige Angelegenheit. Doch 2026 hatte man kaum eine entspannte Minute. Weder die Fans vor den TV-Geräten und schon gar nicht die Stewards bekamen eine Verschnaufpause. Insgesamt zehn Strafen verteilten die Rennkommissare während und nach dem Grand Prix, sechs davon wegen des zu schnellen Fahrens in der Boxengasse. Eine auffällig hohe Anzahl, findet Experte Christian Danner.
"Das ist absolut unüblich. So häufig habe ich das noch nie gesehen", meinte Danner im AvD Motorsport-Magazin. Das soll etwas heißen, schließlich fuhr der Deutsche von 1985 bis 1989 in der Formel 1 und ist seit 1998 TV-Kommentator der Königsklasse. Er wurde schon während des Rennens misstrauisch: "Man kann einmal den Fehler machen, zu schnell reinzufahren oder nicht richtig abzubremsen. Oder das Programm des Autos kann nicht hundertprozentig stimmen. Aber da war irgendwas komisch."
Von den sechs Geschwindigkeitsübertretungen waren fünf nur 0,1 km/h über den erlaubten 60 km/h, Pierre Gasly war bei seinem zweiten Vergehen 0,4 km/h zu schnell. Jeder Fahrer bekam das dafür vorgeschriebene Strafmaß von fünf Sekunden aufgebrummt, der Alpine-Pilot verlor durch seine Zurückversetzung von insgesamt 10 Sekunden sogar ein Podium. Das Team ficht die Strafen im Nachhinein an. Ob sie damit durchkommen, bleibt noch zu klären. Ebenso wie die Ursache für die verdächtige Strafflut.
F1-Experte begibt sich auf Spurensuche: Warum gab es so viele Strafen in Monaco?
Die Ursachenforschung ist jedoch nicht so einfach, denn es könnte mehrere Gründe für das exzessive Speeding geben. Alle Boxengassen-Raser beteuerten, nicht zu schnell gefahren zu sein. George Russell vermutete, dass es sich um einen Systemfehler handeln könnte, da hauptsächlich Mercedes-betriebene Boliden betroffen waren. Franco Colapinto hatte die Theorie, dass Vibrationen aufgrund der Unebenheiten in der Boxengasse zu kleinen Geschwindigkeitssprüngen führten und dabei den Pit-Limiter austricksten.
Danner sieht den Grund hingegen in der Messmethode und der Boxengasseneinfahrt. Die FIA misst mittels Induktionsschleifen im Boden am Beginn und Ende der Pitlane die Durchschnittsgeschwindigkeit der Fahrer. Kürzt man nur ein kleines Stück ab – wie es der leichte Knick in der Boxengasseneinfahrt in Monte Carlo zulässt – berechnet das System zu wenig Zeit für den ersten Abschnitt ein und schlussfolgert eine Tempoüberschreitung. McLaren-Teamchef Andrea Stella und Onboard-Aufnahmen unterstützen diese Hypothese. Man sieht, dass die Geschwindigkeitssünder am Eingang schon früh einlenken, um ein paar Meter zu sparen.
Dann ist es egal, dass der Tacho durchweg 60 km/h anzeigt. "Am Ende zählt das, was die FIA misst", weiß der Experte. Da gibt es auch kein Mitleid für die Teams, die sich strafbar machten: "Die wussten von Anfang an, dass sie in Monaco Schwierigkeiten haben, dass man da ein bisschen abkürzen kann. Darüber, dass man die Kurve lieber ausfährt, hätte man schon sprechen können."
Danner verteidigt FIA: Verantwortung zu 100 Prozent bei Teams!
"Die Regeln sind klar. Wo sie fahren müssen, ist auch klar", führte Danner fort. "Das wurde ihnen gesagt. Und wenn das jemand nicht tut, dann haben sie sich einfach nicht richtig an die Regeln gehalten. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Wenn die FIA so misst, wie sie das tut, muss ich als Team in der Lage sein, mich darauf einzustellen. Wenn ich das ignoriere, dann bin ich selbst blöd."
Er zweifelt auch an der Sinnhaftigkeit des Alpine-Einspruchs. "Es ist einfach blöd, wenn man sagt: 'Der fährt ein bisschen zu schnell, das macht doch nichts.' So ist das im Motorsport. Das sind Dinge, die einem eigentlich keinen Vorteil bringen, aber es ist halt trotzdem nicht ganz so, wie es gehört. Da liegt die Verantwortung – und das muss man der FIA zugutehalten – zu 100 Prozent bei den Teams", lautete das Urteil des Experten. "Die Regeln sind klar, auch das Einbiegen in die Boxengasse. Das wurde kommuniziert. Wenn man sich nicht daran hält, dann ist das leider immer so. Protestieren hilft da nicht."
Christian Danner trauert mit Gasly: Zum Wahnsinnigwerden
Für wen Christian Danner allerdings schon Verständnis hat, sind die Fahrer: "In Monaco ist das Überholen ein Ding der Unmöglichkeit. Da versucht man natürlich, wenigstens beim Boxenstopp alles bis auf 0,1 Sekunden hin auszureizen, um auf jeden Fall nicht überholt zu werden. Deswegen kann man den Fahrern eigentlich keinen Vorwurf machen."
Besonders mit Pierre Gasly, dem ein dritter Platz in Monaco durch die Finger glitt, hat er Mitleid. Der Alpine-Pilot dachte beim Überqueren der Ziellinie, er wäre Dritter geworden und jubelte fast seine ganze Ehrenrunde mit Faustschlägen in die Luft. Erst kurz vor der Boxeneinfahrt hörte er damit auf. Seine 10-Sekunden-Strafe für das zweimalige Speeding warf ihn auf Platz sieben zurück. Nach dem Rennen war er am Boden zerstört und sprach davon, dass ihm sein Podium gestohlen worden sei.
"Das ist als Fahrer zum Wahnsinnigwerden. 0,1 km/h zu schnell und du wirfst ein Podium weg. Da drehst du durch", so Danner. Das Rennen durch die Leitplankenschlucht sei ohnehin schwer genug, wie die vielen Ausfälle in Monaco zeigten. "Dann hast du alles, fährst nirgendwo dagegen, machst keinen Fehler, alles ist gut. Aber dann kommt einer daher und sagt, dass du 0,1 km/h zu viel Geschwindigkeit hattest, obwohl du richtig den Knopf gedrückt hast", kann er sich in die Situation des Franzosen hineinversetzen. Dennoch ändere das nichts am Ergebnis.



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