Ich denke, nein, ich fürchte, dass uns allen der extreme Zustand der technischen Paranoia in der Formel 1 bewusst ist. Menschliche Schutzschilde vor den Garagen, Spionage-Fotos und so weiter. Aber jetzt wird es für mich einmal Zeit, kommunikative Einsicht zu erbitten. Wir schulden der komplexen technischen Realität dieses Sportes etwas mehr Respekt.
Der unweigerlich seltsam anmutende 'Fall Charles Leclerc' hat mich erst einmal darauf gebracht. Leclerc provozierte mit seiner anhaltenden Kritik an seinem Brems-System am Sonntagabend schließlich eine kleine mediale Konfrontation mit Ferraris Brems-Zulieferer Brembo, der sich dazu genötigt fühlte, Leclercs Beschuldigen der Bremsen für seinen Crash als verfrüht darzustellen.
Kurios an der ganzen Nummer ist natürlich, dass wir anhand von Leclercs Aussagen gar nicht einfach auf ein Brembo-Problem hätten schlussfolgern können. Es wäre ja interessant, die Hintergründe zu wissen. Aber Leclerc stoppte sich bei aller Kritik am Ende davor, das Problem wirklich zu erklären: "Alles, was ich sagen kann, ist, dass wir eine Lösung parat haben."
Formel-1-Fahrer geizen bis ins Extrem mit Technik-Details
Und das ist symbolisch für einen mich immens frustrierenden Teil der Formel 1, der noch nie einfach war, aber so schlimm war er auch noch nie. Leclercs Ausführungen am Sonntag gingen schon weit über das hinaus, was man normalerweise öffentlich an Aussagen trifft. Im Fahrerlager herrscht eine unglaubliche Aversion dagegen, auch nur irgendein technisches Detail preiszugeben.
Diese Aversion nimmt inzwischen teils absurde Züge an. Nur fest im Sattel sitzende Fahrer (beziehungsweise Weltmeister) wagen nach den Sessions interessante Aussagen zu Setup-Details. Lewis Hamilton beschrieb am Samstag in der Pressekonferenz anschaulich, wie Ferrari Auto-Balance und Pole-Chancen entglitten waren und wie sie mit Frontflügel-Anpassungen bis Q3 dagegen gekämpft hatten. Spannende Details für uns Außenstehende. Und ich bin jetzt kein Ingenieur, aber ich sehe einfach null Gründe, was Konkurrenten daraus so Wichtiges ziehen könnten, als dass man das den Fahrern abtrainieren sollte.
Solche guten Antworten bekommt man aber vielleicht noch von einem Verstappen oder einem Alonso. Jüngere, von der PR-Maschinerie durch die Mangel gedrehte Fahrer riskieren nichts. Einer von ihnen bekam von meinem Kollegen Christian Menath am letzten Freitag eine sehr unschuldige Mini-Nachfrage zum Lenkeinschlag - wegen der engen Loews-Haarnadel in Monaco ein interessantes Detail am Rande - und warf erst einmal einen prüfenden Blick zu seiner PR-Begleitung, ehe er eine knappe Antwort dazu gab.
Technik ist essenziell für die Geschichten der Formel 1
Das Problem für mich ist dabei, dass die Formel 1 von der Technik lebt. Die populärste Nachricht vom letzten Donnerstag war die Story um die Monaco-Trick-Heckflügel. Das hier ist eben keine Rennserie mit großem Einheits-Anteil wie es etwa die IndyCars sind. Das hier sind radikale Prototypen, auf Chassis- und auf Motorseite. Wie genau sollen wir das aber wertschätzen, wenn Teams sich so schwer tun, das zur Schau zu stellen?
Hier ist es angebracht, kurz einmal etwas anzureißen, was vor allem Toto Wolff in der Hybrid-Ära immer wieder erwähnt hat. Vielleicht sind wir als Sport nicht gut genug darin, unsere technischen Errungenschaften zur Schau zu stellen. Die Realität ist, dass man dafür einmal die technische Paranoia und einmal die PR-Paranoia ablegen müsste.

Zu radikalen Prototypen gehören einzigartige Lösungen und Defekte. Ich würde die Teams und Motor-Hersteller bitten, das mehr zu akzeptieren, und ein bisschen was davon zu zeigen, um der breiten Öffentlichkeit das technische Spektakel Formel 1 besser zu vermitteln.
Warnung an die Formel 1: Ohne Technik-Akzeptanz haben wir ein Problem
Ich erinnere mich, als man vor ein paar Jahren das "Show and Tell"-Format freitags einführte, bei dem Teams ein Auto für die Medien vor den Trainings in die Boxengasse stellen mussten. Und ein paar hielten sich wohl für besonders clever, als sie ihre beiden Autos für Vergleichstests in FP1 unterschiedlich aufbauten und das Auto mit den alten Teilen rausstellten. Damit verhinderte man, dass Medien - und damit Fans - interessante Bilder bekamen, um die hochauflösenden Spyshots der Konkurrenz um was, ein paar Stunden zu verzögern?

Und ja, Defekte gehören im Prototypen-Sport auch dazu, das verstehen hoffe ich alle Fans da draußen. Wenn Leclerc also Probleme mit den Bremsen hat, wollen natürlich alle wissen, warum. Dann wäre eine Antwort nett, anstatt drei Tage später wahrscheinlich so zu tun, als ob alles nicht so schlimm gewesen wäre. Es muss auch nicht sein, dass man wie Audi jeden einzelnen Defekt öffentlich als undefiniertes "Problem" totschweigt.
Wenn wie in Monaco die Action auf der Strecke etwas zu kurz kommt, oder wenn ein Team völlig dominiert, dann sind technische Hintergründe umso interessanter. Warum genau fahren wir noch Formel 1, wenn wir uns verbieten, was zur Technik zu sagen? Wenn wir nichts mehr über die Technik wissen, dann laufen alle Beteiligten Gefahr, einfach nur sportlich langweilig zu sein.



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