Mit 378 Punkten belegt Ferrari im Moment den zweiten Platz in der Konstrukteurs-WM, doch der 72-Punkte-Vorsprung ist bei weitem nicht so komfortabel, wie er auf dem Papier wirkt. Zieht sich der bisherige Formel 1-Trend so weiter, wird sich der SF-26 wohl kaum als zweitstärkstes Auto behaupten können. Trotz zweiter ADUO-Ausbaustufe liefert der Motor immer noch zu wenig Leistung.

Zusätzlich kämpfte Ferrari in Aserbaidschan - obwohl die Temperaturen an der 30-Grad-Marke kratzten und auf dem Asphalt fast 50 Grad gemessen wurden - damit, die Reifen ins richtige Temperaturfenster zu bekommen. Doch was tun? Das Handtuch werfen und den Fokus auf 2027 richten? "Bloß nicht", warnt Christian Danner im AvD Motorsport-Magazin. "Ferrari sollte auf gar keinen Fall lockerlassen. Dranbleiben, weiterkämpfen – davon profitiert das Team im kommenden Jahr am meisten."

Ferrari-Dilemma: Ist Vasseur zu schwach für Maranello? (32:06 Min.)

Danner: Bloß nicht Willliams nachmachen

Als Negativbeispiel zieht er Williams heran. Eigentlich wollte der Traditionsrennstall die Lücke zur Spitze unter dem neuen Reglement schließen, stattdessen liegt Williams in der Konstrukteurswertung mit zwölf Punkten nur auf Rang neun. "Williams hat dieselben Probleme, die sie immer hatten, nämlich eine veraltete Infrastruktur", erklärt Danner. "Deswegen sage ich: auf keinen Fall lockerlassen. Es herrscht Regelstabilität, zumindest was die Aerodynamik und das Chassis angeht. Was mit dem Motor 2027 passieren wird, ist Pille-Palle."

Als wäre es nicht genug, dass Ferrari technisch dabei ist, zur dritt- oder teils vierstärksten Kraft abzurutschen, wird auch in der Gerüchteküche fleißig Unruhe gestiftet. Italienische Medien berichteten nach der Pleite in Baku, intern herrschten Zweifel, ob Fred Vasseur der richtige Mann auf dem Chefhocker am Kommandostand ist. In die Debatte um einen möglichen Nachfolger mischte sich kürzlich auch Ex-Red-Bull-Teamchef Christian Horner ein, der in einem Interview mit der Times erklärte: "Ich meine, Ferrari ist die größte Marke in der Formel 1. Das ist der Traum. Und man könnte sagen, es ist der schlafende Riese der Formel 1."

Vasseur reagierte auf Nachfragen nach dem Aserbaidschan Grand Prix gereizt. "Wir können nicht in Ruhe arbeiten. 50 Prozent aller Fragen, die ich bekomme, drehen sich um diese Themen, und das ist etwas frustrierend", beschwerte er sich. Ungewohnt für Ferrari wurde am Dienstag ein Call mit ausgewählten Medien einberufen, zu denen auch Motorsport-Magazin.com gehörte, um Vasseur das Vertrauen auszusprechen. Mehr dazu liest du in diesen Artikel:

Laut Danner kann Ferrari die Gerüchte rund um personelle Veränderungen gar nicht gebrauchen. "Wenn Horner den Job haben will, dann wird er natürlich am Stuhl von Fred Vasseur sägen müssen. Das hat er jetzt mal nachhaltig getan. Aber das ist etwas, was Fred intern die Arbeit nicht einfacher macht. Denn alle Leute, die da arbeiten, müssen ja auch irgendwie an die Zukunft und das Gemeinsame glauben", stellte er klar.

In die gleiche Kerbe schlägt auch einer Maurizio Arrivabene, der von 2014 bis 2019 die Geschicke des Teams leitete. "Es ist alles nicht so einfach, wie es aussieht. Ferrari verfügt nicht mehr über Ingenieure vom Kaliber eines Resta, Sassi, Cardile und Stella – sie arbeiten mittlerweile für andere Teams. Man muss alles neu aufbauen. Ferrari braucht Ruhe und einen Steuermann, der frei arbeiten kann. Diese beiden Dinge können viele Probleme lösen", meinte der 69-Jährige gegenüber der italienischen Sky.

Jean Todt am Kommandostand
Jean Todt steht für die erfolgreichste Formle-1-Ära der Scuderia., Foto: IMAGO / HochZwei

F1-Experte: Todt konnte alle um die Finger wickeln

Doch während Arrivabene findet, dass "bei Ferrari ein einzelner Mann nichts ändern kann", zieht Danner ein Gegenbeispiel aus der Vergangenheit heran. Denn wie man die Belegschaft in Maranello zu einem Team zusammenschweißt, das an einem Strang zieht, habe Jean Todt gezeigt. Bis heute steht sein Name für die erfolgreichste Ära der Scuderia. Unter seiner Regie gewann Ferrari von 1999 bis 2004 sechs Konstrukteurstitel und mit Michael Schumacher fünf Fahrertitel in Folge. Als er 1993 zu Ferrari stieß, sei das Team, wie er 2025 in einem Interview mit La Repubblica verriet, "eine Ruine" gewesen, die er Schritt für Schritt in ein Juwel verwandelte.

"Jean Todt hat damals alle um den Finger gewickelt. Natürlich war Ross [Brawn, damals Technikchef; Anm. d. Red.] auch dabei, den jeder ansprechen konnte und der überall technisch in der Lage war zu sagen: Nee, das machen wir anders. Aber das hat alles funktioniert, weil der Chef die Macht und das Bedürfnis hatte, da richtig Ordnung reinzubringen", betonte Danner.

Der Bahrain GP 2026 findet doch statt, allerdings im malaysischen Sepang. Der Nahost-Krieg lässt die Formel 1 beim Rennkalender erfinderisch werden.