Fast fühlt es sich wieder wie Anfang 2024 an. McLaren und Lando Norris treten in einem siegfähigen Auto zu einem Formel-1-Rennen an, kämpfen um diesen Sieg, verlieren, und Teamchef Andrea Stella muss am Sonntagabend das gefürchtete "rückblickend betrachtet" auspacken. Norris' erster Impuls war nach dem Rennen überraschend großer Ärger über seine Strategen. Lag er damit im Recht, oder ist er selbst schuld?
"Wir haben uns einfach undercutten lassen, es gibt sonst keine Entschuldigung", lautete dieser allererste Norris-Impuls im Parc-ferme-Interview. "Wir hätten zuerst stoppen sollen." Norris hatte sich in den ersten Runden am Start und dann nach dem Safety-Car-Restart in schneller Abfolge an Max Verstappen, Kimi Antonelli und Charles Leclerc vorbei und bis Runde 13 in Führung gearbeitet.
Der anfangs führende Leclerc begann zum gleichen Zeitpunkt abzufallen, dadurch entwickelte sich ab da an der Spitze ein klares Duell zwischen Norris und Antonelli um den Sieg. Mit anfänglichem Vorteil von Norris, der einen kleinen Vorsprung auf Antonelli konstant halten konnte.
Trotzdem beging McLaren dann einen fatalen Fehler. Sie warteten zu, immer länger, bis Mercedes die Chance ergriff und Antonelli nach Runde 26 zuerst an die Box holte. Mit dem Undercut fuhr Antonelli die Lücke zu, und als Norris eine Runde später reagierte, war es schon zu spät. Der Puffer war raus aus der Box verschwunden, und mit Reifen auf Betriebstemperatur ging Antonelli sofort vorbei. Dabei blieb es bis ins Ziel.
McLaren-Zuwarten mit dem Boxenstopp in Miami: Fragwürdig
Das Zuwarten wirft einige Fragen auf. "Wir haben gegen ein schnelleres Auto gekämpft, aber hätten wir Lando in Führung gehalten, hätten wir vielleicht bis ins Ziel dort bleiben können", räumt Teamchef Andrea Stella ein. Kurios dabei ist, dass McLaren das, was man in Miami falsch machte, im letzten Rennen in Japan noch genau richtig gemacht hatte.
Obwohl der McLaren in Miami ein größeres Update erhalten hatte und der Mercedes nicht, war der W17 nämlich immer noch schneller als der MCL40, wenn auch nicht mehr so deutlich. Vor allem aber war er nicht nur schneller, sondern hielt die Reifen über eine Stint-Distanz besser am Leben. Sowohl am Ende des Medium-Start-Stints als auch am Ende des Rennens wurde Antonelli sukzessive schneller als Norris.
Daher war es für McLaren essenziell, die Führung beim Boxenstopp nicht zu verlieren. In Japan machte man das mit Oscar Piastri genau richtig und holte ihn proaktiv früh rein, um einen Undercut des verfolgenden Mercedes vorzubeugen. In Miami jedoch waren die McLaren-Strategen plötzlich zögerlich. Selbst als die Gefahr ab Runde 21 massiv anstieg.
Bis Runde 21 hatte Norris nämlich die Lücke sogar bis zu 3,1 Sekunden aufgefahren. Doch obwohl Antonelli in der verwirbelten Luft steckte, konnte er seine Schlagzahl ab diesem Punkt wieder verschärfen. Plötzlich begann er die Lücke zu Norris wieder zu verkleinern. Innerhalb von fünf Runden holte er eine Sekunde auf Norris auf.
Damit erodierte er Norris' Sicherheits-Marge gegen einen Undercut. In Runde 26 schien es längst offensichtlich, dass der McLaren diese Pace auf dem alten Reifen nicht gehen konnte, und immer weiter draußen zu bleiben bot an dem Punkt keinen erkennbaren Vorteil mehr und erhöhte mit jedem Umlauf das Undercut-Risiko. Es war höchste Zeit zu stoppen, und trotzdem tat McLaren nichts.
Wie viel verlor Lando Norris auf seiner Inlap auf Kimi Antonelli?
Mercedes dankte und holte Antonelli sofort an die Box, als die Lücke das obere Limit der Undercut-Wirkung erreichte. "Wir hätten Lando viel mehr Puffer geben sollen, vielleicht sieben Zehntel mehr", schätzt Andrea Stella.
Norris' Bemühungen, sich zu wehren, mündeten auf seiner Inlap allerdings auch noch in einem Quersteher in der langen Kurve 8. Waren das etwa die sieben Zehntel, die er gebraucht hätte? An der Inlap und am Boxenstopp von Norris war schließlich nichts so gut wie das, was Antonelli eine Runde vorher lieferte. Er verlor massiv in den ersten beiden Sektoren auf der Strecke mit dem Fehler, und war passiver in der Boxengasse.
| Inlap-Vergleich | Antonelli | Norris verliert |
|---|---|---|
| Sektor 1 | 32,448 | + 0,196 |
| Sektor 2 | 34,563 | + 0,516 |
| Einfahrt/Ausfahrt | 55,028 | + 0,086 |
| Boxengasse | 19,968 | + 0,167 |
| Standzeit | 2,16 | + 0,270 |
| Summe | - | + 1,235 |
Norris allein wird das Kraut allerdings nicht fett machen. Vergleicht man es mit den Runden davor, so kostete der Fehler ungefähr drei Zehntel. Dass er im kurvigen Mittelsektor so viel Zeit verlor, war schon nicht mehr nur der Fehler. Der McLaren litt auf älteren Reifen einfach mehr als der Mercedes. In der Boxengasse ergänzten die Mechaniker 0,27 Sekunden durch eine langsamere Standzeit.
Norris hatte in Summe einfach nicht mehr genug im Köcher, um sich in Runde 27 bei einem Puffer von zwei Sekunden noch reaktiv gegen einen Undercut zu wehren. Selbst mit einer perfekten Umsetzung wäre es schwierig geworden. Die Undercut-Alarmglocken hätten bei McLaren an diesem Punkt aufgrund des aufschließenden Antonelli schon seit mehreren Runden hell leuchten und sie spätestens in Runde 26 selbst in die Box treiben müssen.
Hätte Norris Antonelli danach bis ins Ziel gehalten? "Wenigstens hätten wir uns eine Chance gegeben", klagt Norris. Dass er sich bis ins Ziel nur um 3,2 Sekunden von Antonelli abschütteln ließ, nötigt einem eigentlich die Folgerung ab, dass Norris eine Führung auch behalten hätte.



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