Lewis Hamilton, George Russell, ein neues Reglement – und eine Frage, die die Formel 1 so nicht beantworten wird. Wäre Hamilton 2026 im gleichen Auto wirklich wieder der Maßstab bei Mercedes? Ein Gedankenspiel, zwei Perspektiven von den Motorsport-Magazin.com -Redakteuren Florian Niedermair und Kerstin Hasenbichler.
Pro: Im Kontext des neuen Reglements hätte Hamilton eine Chance
"Mein nächster Sieg ist greifbarer als je zuvor." Lewis Hamiltons Satz nach dem China GP mag selbstbewusst klingen, vielleicht sogar etwas zu selbstbewusst angesichts der aktuellen Mercedes-Stärke. Doch was wäre, wenn Hamilton 2026 immer noch im Mercedes sitzen würde? Würde er George Russell schlagen?
Russell als Teamkollege ist ein extrem hoher Maßstab. Das steht außer Frage. Schon in den letzten gemeinsamen Mercedes-Jahren war er über weite Strecken stärker, vor allem gemessen an Konstanz und Qualifying-Pace. Trotzdem wäre es zu einfach, daraus automatisch abzuleiten, dass das auch 2026 - unter völlig neuen technischen Voraussetzungen – der Fall wäre.
Denn genau dort liegt der entscheidende Punkt. Hamilton hat sich mit den Ground-Effect-Autos nie wohlgefühlt. Der Fahrstil, den diese Generation verlangte, widersprach seinem natürlichen Zugang zum Auto. Das ist keine Ausrede, sondern ein wesentlicher Faktor. Wie stark ein Fahrer unter einem Auto leiden kann, das seinem natürlichen Fahrstil nicht entspricht, lässt sich derzeit auch an Max Verstappen beobachten.
Deshalb sollte der Vergleich Hamilton vs. Russell im Kontext des neuen Reglements neu bewertet werden. China war in diesem Zusammenhang kein Beweis, aber ein interessantes Indiz. Ja, Shanghai liegt Hamilton traditionell. Ja, einzelne Wochenenden sollte man nicht überbewerten. Aber auffällig war, wie sicher er im Zweikampf wirkte, wie präzise in der Fahrzeugbeherrschung und klarer in seinen Instinkten.
Hamiltons fortgeschrittenes Alter ist ein valider Einwand, aber nicht automatisch ein Gegenbeweis. Denn wer mit 41 Jahren seine eigenen aufgestellten Rekorde bricht, lebt offenkundig nicht nur von seinem Ruf aus vergangenen, besseren Tagen. Das heißt nicht, dass Hamilton automatisch im Mercedes des neuen Reglements Russell besiegen könnte. Aber es ist wesentlich realistischer, als es auf Basis der vergangenen Ground-Effect-Jahre wirkt.
Kerstin Hasenbichler


Contra: Gegen so einen George Russell hätte Hamilton keine Chance
War der Wechsel von Lewis Hamilton aus heutiger Sicht betrachtet ein Fehler? Faktisch gesehen, ja. Schließlich könnte er im W17 aus eigener Kraft Rennen gewinnen, im SF-26 braucht er Stand jetzt Hilfe dafür. Dem lange ersehnten achten WM-Titel würde ihn das jedoch auch nicht wirklich näherbringen.
Dafür ist George Russell inzwischen zu stark. Schon in den Jahren bis 2024 war der aktuelle WM-Führende die tonangebende Kraft an der Seite des Rekordweltmeisters und das hätte sich auch mit dem neuen Reglement nicht schlagartig geändert. Mag schon sein, dass dieses Hamilton mehr liegt als die Ground-Effect-Regeln.
Aber wir sprechen hier schließlich über den Vergleich zwischen dem aktuell mindestens zweitbesten Fahrer der Formel 1 auf der einen und einem 41-Jährigen, der sein Zenit überschritten hat, auf der anderen Seite. Einem der größten aller Zeiten, ohne Frage. Aber auch ein Legendenstatus vermag den menschlichen Alterungsprozess nicht zu stoppen.
Und Hamiltons jüngste Hochform? Kann man dabei überhaupt von einer Hochform sprechen? Der Saisonstart war nicht schlecht, China einer seiner stärksten Auftritte der letzten Jahre. Das aber auch auf einer Strecke, die ihm schon in der Vergangenheit lag, und mit der Charles Leclerc nicht gut zurechtkommt. Weit weg war der Monegasse trotzdem nicht.
Wir erinnern uns an 2025, als Hamilton mit dem Sprint-Sieg alle glauben gemacht hatte, dass er bei der Scuderia vollends angekommen ist. Danach ging's bergab. Also mal abwarten: Wenn er mit Leclerc nicht langfristig fertig wird, müssen wir über Russell gar nicht reden.
Florian Niedermair

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