Auf dem überholfeindlichen Kurs von Singapur ist das Qualifying für die Formel 1 entscheidend. Passend dazu haben wir am Freitag nach einem von zwei Unfällen unterbrochenen 2. Training eine Trainings-Analyse, die zu einer Qualifying-Vorschau ausartet, da für Longruns am Ende keine Zeit war. Im Shortrun ist Max Verstappen da. Trotz der Anti-Red-Bull-Strecke.
Aber zuallererst ist natürlich auch Oscar Piastri da, auf dem ersten Platz. Mit Ansage meldete sich der WM-Führende nach seinem Horror-Wochenende von Baku zurück und stellte in FP2 seinen Teamkollegen Lando Norris kalt, ja, er trieb ihn regelrecht zur Verzweiflung, wie am Ende des Trainings per Team-Funk auch die ganze Welt zu hören bekam: "Mein Auto ist keine halbe Sekunde langsamer, oder? Ich fahre eine halbe Sekunde langsamer."
Welche Probleme hat Lando Norris?
Norris wirkt am Freitagabend in Singapur so ratlos wie seit Monaten nicht mehr. Man fühlt sich erinnert an die Zeit vor dem berühmt-berüchtigten Tausch der Vorderradaufhängung, als er im Qualifying-Trimm das Limit der Vorderachse nicht fühlen konnte. Genauso schien es am Freitag in Singapur. Norris ist nicht unbedingt langsamer - aber er bekommt die schnelle Runde nicht zusammen.
"Mir fehlt komplett das Feeling, das ich letztes Jahr hier hatte", berichtet Norris nach dem Training. Im Vorjahr hatte er hier dominant Pole und Sieg geholt. "Es war einfach ein schlechter Tag. Oscar ist schnell, da kann ich mich nicht beschweren. Ich mache einfach keinen guten Job."
Auf seiner besten Soft-Runde war Norris bis zur engen Kurve 13 auf Augenhöhe mit Piastri, dann verschätzte er sich beim Einlenken. Wieder die Vorderachse? Das schlechte Durchfahren der Kurve schleppte er dann die ganze nächste Gerade mit. Und dann fehlte ihm in der letzten Schikane das Vertrauen. Aus den Daten lässt sich schlecht etwas anderes herauslesen als das, was Norris sagt: Das Auto ist schnell. Er selbst bringt es nicht auf die Reihe.
Wie gefährlich ist Max Verstappen für Oscar Piastri?
Piastri bemüht sich, zurück in den konstant-fehlerlosen Rhythmus zu finden. Seine Runde war genau das. Ohne Fehler, aber auch ohne Sektorbestzeit. Und am Ende war die Runde nur 0,143 Sekunden schneller als die von Max Verstappen. Nach aller Singapur-Angst zeigte Verstappen am Freitag das, was er zeigen musste.
Keine großen Probleme mit dem Fahrkomfort, das hatte man schon vor 12 Monaten hier gesehen. Keine Probleme mehr mit High Downforce, dank Lektionen aus dem Ungarn-Desaster. Und die Lektionen mit dem neuen Unterboden von Monza und aus den 90-Grad-Kurven aus Baku. "Noch ein paar Dinge, die wir besser machen wollen, aber wir müssen das Setup jetzt nicht komplett wegwerfen", urteilt Verstappen. Mit den letzten Setup-Änderungen für seinen Soft-Schuss am Ende von FP2 hatte er sich auch zufrieden gezeigt.
Piastri entschied das Rennen in der letzten Schikane für sich, nachdem er sich hin zu und in Kurve 13 generell stark präsentiert hatte. Das könnte auf den bekannten Reifen-Vorteil des McLaren hindeuten. In der Singapur-Hitze leiden die Hinterreifen in jeder Traktionsphase, das macht die letzte Schikane und die aufeinanderfolgenden 90-Grad-Kurven schwierig. Eineinhalb Zehntel sind für Verstappen aber aufholbar. Der sich übrigens aus der letzten Kurve raus verschaltete, einmal zu schnell Hochschalten drückte. "Mein Gott, ich war ein Idiot", kommentierte er das. Mehr als eine Hundertstel war es aber kaum wert.
Wo kommen plötzlich Isack Hadjar & Fernando Alonso her?
Nun war das aber vorn kein Zweikampf. Überraschend mischten zwei Mittelfeld-Piloten das Feld auf. Fernando Alonso holte schon in FP1 Bestzeit und untermauerte gute Aston-Martin-Form mit P4 in FP2. Isack Hadjar schummelte sich am Abend sogar vor Verstappen auf den zweiten Platz.
Allzu groß sollte die Überraschung nicht sein. Auf High-Downforce-Strecke funktionieren Racing Bull und Aston Martin stets hervorragend. Man denke an Hadjars Podium in Zandvoort, an Alonsos starken Auftritt in Ungarn. Beide verloren vor und raus aus der Haarnadel Kurve 13 gute zwei Zehntel auf den dort starken Piastri. Hadjar entwertet seine Leistung etwas: "Unsere Zeit kam sehr spät. Wir haben Probleme, die Reifen im ersten Versuch zum Arbeiten zu bringen." Alonso stach dafür positiv heraus. Er fuhr Bestzeit im ersten Sektor, eineinhalb Zehntel schneller als Piastri.
Rückstand/Vorsprung auf Piastri verteilt auf Sektoren
| S1 | S2 | S3 | |
|---|---|---|---|
| Hadjar | 0,024 | 0,110 | -0,002 |
| Verstappen | 0,006 | -0,009 | 0,146 |
| Alonso | -0,153 | 0,234 | 0,082 |
| Norris | 0,089 | 0,177 | 0,217 |
Und Teamkollege Lance Stroll fuhr Bestzeit im letzten Sektor, fast eine Zehntel schneller als Piastri. "Noch bin ich nicht happy, besonders mit der Vorderachse, zu viel Untersteuern", meint Alonso. Kann Aston Martin eine perfekte Runde zusammenzimmern? Die Vergangenheit sollte uns eine Lehre sein. Weiß auch Alonso: "Es war wohl unser bislang bester Freitag. Aber manchmal fahren wir andere Programme, andere Benzinladungen." Oft fiel er am Samstag etwas zurück, wenn die Konkurrenz Motoren aufdrehte und Tanks leerte.
Was läuft bei Ferrari & Mercedes in Singapur schief?
Damit sind alle Teams abgehandelt, die im 2. Training gut aussahen. Ferrari und Mercedes sind definitiv nicht dabei. Bei Mercedes ist es schwer einzuschätzen. FP1 lief überhaupt nicht. "Aber auf diesen ersten Runden fühlte es sich viel besser an", beschreibt Russell den Wechsel ins nächtliche FP2. Dann fuhr er in die Wand, das Auto war kaputt, sein Ergebnis sagt nichts aus. Kimi Antonelli musste wegen einer roten Flagge eine solide Runde abbrechen, die Top-5-Potenzial gehabt hatte. Aber der letzte Sektor fehlt.
Nach den roten Flaggen fuhr Antonelli als einziger Fahrer Longruns. Überraschend für die Konkurrenz. "Qualifying ist hier immens wichtig", meint Piastri. "Du qualifizierst dich lieber etwas weiter vorn und akzeptierst Unsicherheiten für das Rennen, anstatt dich weiter hinten zu qualifizieren und genau zu wissen, was im Rennen passiert - denn das wird dir nicht helfen."
Hilfe braucht Ferrari dringend. "Gutes FP1, sehr schwieriges FP2", urteilt Charles Leclerc verhalten. "Ich denke, die Pace ist im Auto." Nur wie kriegt man sie raus? Es ist das übliche Qualifying-Leiden des SF-25. Leclerc und Lewis Hamilton fielen wiederholt mit Fahrfehlern auf, ein sauberer Mittelsektor schien für sie ein Ding der Unmöglichkeit. Auf Hamiltons bester Runde gingen sechs Zehntel durch die Passage bis zur Haarnadel verloren. Leclerc vermurkste Kurve 14 und verschenkte fast vier Zehntel.
Sortiert sich Ferrari nicht aus, droht Q2 einmal mehr zur Zitterpartie zu werden. Ein Albtraum in Singapur, denn wie eingangs erwähnt - Überhol-Spots sind Mangelware. Das dieses Jahr von 60 auf 80 km/h erhöhte Boxen-Tempolimit wird trotzdem eher keinen zweiten Stopp provozieren. Das Qualifying wird daher entscheidend sein, sofern es nicht regnet. Also stehen Verstappen und McLaren als erste Favoriten da. Und das ist für Red Bull schon ein wichtiger Etappensieg.



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