Kurz hatte es danach ausgesehen, als ob George Russell sich in Barcelona aus seiner Formel-1-Krise befreien hätte können. Bis zum Ende des Rennens revidierte sich dieser Eindruck jedoch, als Russell hintenraus weder mit Lewis Hamilton noch mit Kimi Antonelli mithalten konnte und am Ende sogar von Antonelli überholt wurde. Die Schuld muss aber nicht nur bei ihm liegen, wie Mercedes nachträglich einräumt.
Russell war in Barcelona eigentlich sehr stark ins Wochenende gestartet. Im Qualifying holte er nicht nur Pole, sondern war vor allem auch über drei Zehntel schneller als Antonelli. Danach schlussfolgerte er schon, dass sich ein Umschwenken beim Setup bezahlt gemacht hätte. In den letzten Wochen hatte er öfter mit Antonellis Setup-Richtung experimentiert, ehe er zurück zu seinem Basis-Setup kehrte.
Die Form hielt auch im ersten Stint des Rennens mit Medium-Reifen am Sonntag an. Doch kaum dass Russell auf Hard wechselte, ging es rückwärts. Erst wurde er im Mittelstint von Antonelli eingeholt. Im letzten Stint, wieder auf Hard, war er so langsam, dass Antonelli ihn schließlich überholen konnte. "Ich denke, es hängt alles am Reifenabbau, das wäre meine instinktive Antwort", meinte Teamchef Toto Wolff. "Aber wir müssen analysieren."
Mercedes findet Problem bei Russell-Boxenstopp in Barcelona
Für diesen erhöhten Abbau fand Mercedes dann direkt nach dem Rennen tatsächlich Gründe, die nichts mit Russell zu tun hatten. Wie sich herausstellte, war der Frontflügel im letzten Stint steiler gewesen als er es hätte sein müssen. Das führte das Team dann schnell darauf zurück, dass eine geplante Anpassung des Frontflügels beim letzten Boxenstopp schiefgegangen war.
Solche Flap-Anpassungen sind bei Formel-1-Boxenstopps Standard. Früher per Hand direkt durch Mechaniker an beide Seiten. Inzwischen nutzen Teams auch technisch anspruchsvollere Lösungen. Im konkreten Mercedes-Fall gibt es eine akkuschrauberartige "Adjuster Gun", die ein Mechaniker bei einem Boxenstopp in ein kleines gelb markiertes Loch inmitten der Nase des Autos einsetzt und mit voreingestellten Umdrehungen den Frontflügel-Flap steiler oder flacher stellt.


Mit dieser "Adjuster Gun" habe es ein Problem gegeben, gestand Mercedes in einem kurzen Video auf dem YouTube-Kanal des Teams am Montagabend. Russell ging also mit steilerem Frontflügel in die letzten 30 Runden. In so einem Fall lenkt die Vorderachse aggressiver und schneller ein, und die Konsequenz ist, dass das Heck dadurch mehr rutscht.
Russell-Reifenabbau in Barcelona wegen Boxenstopp-Fehler?
In der Hitze von Barcelona ging es nur darum, dieses Rutschen am Heck unbedingt zu vermeiden, da das sonst die Hinterreifen zu stark in Mitleidenschaft zog. Das heißt, dass Russell in den letzten 30 Rennrunden ein Auto in einem falschen Balancefenster fahren musste. Das würde erklären, warum Russells Pace-Abbau mit fast einer Zehntel pro Runde im Schnitt doppelt so hoch war wie der von Hamilton und Antonelli.
Aber was war dann im Mittelstint los? In dem hatte Russell schließlich innerhalb von 14 Runden schon acht Sekunden auf Antonelli verloren. Zum einen wird das erst einmal der Grund dafür sein, warum Russell beim zweiten Stopp eine Frontflügel-Anpassung verlangte. Zum anderen versuchte er da seine Reifen für die nach dem frühen ersten Stopp schwierige Zweistopp-Strategie zu schonen. Wenngleich Antonelli auf der anderen Seite seine höhere Pace in Dirty Air trotzdem nicht mit mehr Reifenverschleiß bezahlte.



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