Charles Leclerc eilt seit Jahren der Ruf als Baku-Magier voraus. Seit der Monegasse in die Formel 1 kam, war er auf der Stadtstrecke in Aserbaidschan beinahe unbesiegbar. Der Einzige, der ihm in seiner Ferrari-Zeit bisher eine Pole gekostet hatte, war er selbst gewesen. 2019 um genau zu sein - seitdem war Leclerc unbesiegt. Doch seine beeindruckende Qualifying-Serie auf dem Formel-1-Kurs ging am Samstag jäh zu Bruch als er seinen Ferrari in Kurve 15 versenkte. Ein kostspieliger Fehler in einem chaotischen Qualifying.
Doch der Unfall scheint in den Augen von Leclerc nur eine Randerscheinung an einem verpatzten Qualifying-Tag zu sein. Denn umso überraschender, als dass er nicht auf Pole steht ist, dass sich der Ferrari-Pilot auf seiner Fabelstrecke überhaupt nicht wohlfühlte. "Es ist eine Strecke, die mir normalerweise sehr gefällt und die mir sehr liegt. Aber es war das komplette Gegenteil an diesem ganzen Wochenende", zeigte er sich ratlos.
Charles Leclerc spart Mediums: War die Reifenwahl ein Schuss ins Knie?
"Ich hatte viele Probleme mit dem Auto und damit, das Gefühl im Auto zu finden. Deshalb wusste ich vor dem Qualifying, dass ich mit dem Rücken zur Wand stehe, und habe ziemlich viele Veränderungen vorgenommen", erklärte er. Das habe sich viel besser angefühlt, aber nur zu Beginn des Zeitentrainings.
Leclerc hatte nämlich einen Trumpf in der Hand. Er hatte sich am Trainingsfreitag die Medium-Reifen komplett aufgespart, da er sich mit diesen in der Formel-1-Qualifikation besser ausgestattet sah. Doch kaum steckte ihm Ferrari in Q2 seinen ersten Medium-Satz auf, erwies sich diese Annahme als Trugschluss. "In Q1 hat sich auf allen Runden der Soft besser angefühlt. Als ich auf den Medium ging, dann war es für mich bei diesen Temperaturen einfach unmöglich ihn ins Fenster zu bringen."
Das Resultat war gleich eine Reihe von Ausritten in die Auslaufzonen in Q2. Diese überstand sein Auto zwar unbeschädigt, aber sie kosteten ihm jeweils eine Runde und brachten den Pole-Garant an den Rand eines Q2-Ausfalls, den er erst mit seiner letzten Runde abwenden konnte. Die Ursache dafür sah er nicht in den widrigen Bedingungen, die sich am Samstag in Form von starken Windböen und einer rapide abnehmenden Streckentemperatur bemerkbar machten.
"Schwierige Bedingungen hin oder her. Ich denke nicht, dass das der Grund war. Ich denke uns fehlte einfach die Pace auf dem Medium", stellte er klar. Eine bemerkenswerte Aussage nicht nur angesichts der Freitags-Trainings, sondern vor allem auch angesichts dessen, dass sein Teamkollege Lewis Hamilton das genau andersherum sieht. Der Brite verortete den Grund für sein Q2-Aus darin, dass man ihm keine Mediums gegeben hatte.
"Ich war vor meinem Fehler sieben oder acht Zehntel hinten und ich pushte wie verrückt. Also etwas fühlte sich da falsch an", argumentierte Leclerc. Und dann war da ja auch noch der Unfall von Leclerc in Kurve 15, als er plötzlich geradeaus in die Wand steuerte. Äußere Umstände will er dafür nicht verantwortlich machen. Den Wind schob er nicht als Ausrede vor und auch den Regen habe man am Grip kaum gespürt. "Ich denke das ist keine Ausrede. Es war sehr schwierig den Grip einzuschätzen, weil ich von Beginn der Runde an mit diesen Reifen [Medium, d. Red] keinen hatte. Ich habe mich verschätzt", gab er sich gewohnt selbstkritisch.
Baku-Matrix durchbrochen? Charles Leclerc hofft auf starkes Rennen
Angesichts der letzten Jahre in Baku erscheint ein schwaches Abschneiden von Leclerc im Qualifying beinahe wie ein Fehler in der Matrix. Aber vielleicht lässt sich damit ja auch das Schicksal austricksen, denn in der Vergangenheit war er zwar auf eine Runde rund um den 6-Kilometer langen Stadtkurs eine Macht gewesen, auf einen Formel-1-Sieg in Baku wartet er aber aus verschiedenen Gründen vergebens.
"Wir haben normalerweise hier sehr gute Samstage und sehr schlechte Sonntage. Ich hoffe, dass wir das an diesem Wochenende umdrehen können", bemerkte der achtfache Grand-Prix-Sieger. Dass auf der Strecke, die eine über zwei Kilometer lange Gerade beinhaltet, Überholen als eher einfach gilt, spricht dabei für ihn. "Von dort, wo wir starten, können wir immer noch ein großartiges Rennen haben", hofft Leclerc.
Genauso wie die Ansätze einer guten Ferrari-Pace in den Longruns vom Freitag Mut machen. Doch da wären wir wieder beim Reifenthema. Leclerc fuhr wie gesagt seine Longruns auf dem für das Rennen eher obsoleten C6-Reifen, im 51-ründigen Grand Prix wird der Soft wohl kaum zum Einsatz kommen.



diese Formel 1 Nachricht